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Im Wahlkampf legten alle die Gummi-Stiefel an.
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Madrid. Weder Madrid noch Barcelona oder Valencia. Einen seiner ersten Wahlkampfauftritte veranstaltete Pablo Casado in Meneses de Campos, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Palencia. Nur 122 Menschen leben hier in Meneses, in der weiten Einöde der Region Kastilien-León im Nordwesten Spaniens. Es ist das Dorf des Großvaters von Casado.
Fernsehkameras filmen Spaniens konservativen Oppositionsführer (PP), wie er auf dem Bauernhof seines Cousins Alberto kleine Lämmer streichelt und Kälber füttert. Wenige Tage später präsentiert der PP-Chef in der Provinzstadt Ávila seine Rezepte gegen die Landflucht. Er schlägt großzügige Steuersenkungen für Beschäftigte und Selbständige im "leeren Spanien" vor. So nennt man dort die großen, menschenleeren Regionen. Casado verspricht, die Telekom-Unternehmen gesetzlich zu zwingen, bessere Internetverbindungen auf dem Land anzubieten, sollte er Regierungschef werden.
Auch die anderen Kandidaten bei der spanischen Parlamentswahl am Sonntag konnte man zuletzt immer wieder in Kuhställen, auf Feldern und auf Bauernmärkten bewundern.
Dass die Politiker in der Wahlkampagne derzeit sehr gerne in Gummistiefeln Ställe ausmisten, mit Traktoren fahren und nicht müde werden, zu betonen wie sehr ihnen die Probleme der Landbevölkerung am Herzen liegen, hat natürlich einen Grund: Die Stimmen der Landbevölkerung werden in Spanien bei den Urnengängen überproportional gewichtet.
In den rund 7400 Dörfern leben 9,5 Millionen Menschen und damit nur 20 Prozent der Bevölkerung. Dennoch entscheiden sie mit ihren Stimmen über rund 100 der 350 Mandate im spanischen Parlament. So sieht es das Wahlsystem vor.
Miesmuschelernte in Galicien, Hasenjagd in Andalusien
Politikexperte Kiko Llaneras gibt ein Beispiel: "Bei der Wahl 2016 brauche eine Partei in der Hauptstadt Madrid rund 96.000 Stimmen, um einen Sitz im Parlament zu erhalten. In der Provinz Soria, deren 89.000 Einwohner locker in das Fußballstadion des FC Barcelona passen, konnten die Parteien bereits mit nur 25.000 Stimmen ein Mandat bekommen."
In Katalonien, wo die separatistischen Linksrepublikaner ERC besonders auf dem Land erfolgreich sind, brauchten sie nur 70.000 Stimmen für jeden ihrer insgesamt neun Parlamentssitze. Die ebenfalls aus Katalonien stammende Ciudadanos-Partei, deren Wähler vor allem in den Städten leben, benötigten hingegen fast 100.000 Stimmen für jeden ihrer 32 Mandatsplätze.
So gehen linke wie rechte Politiker derzeit vor allem in den strukturschwachen Regionen Spaniens auf Stimmenfang. Sie müssen um jede Stimme kämpfen, denn alle Umfragen sagen ein Patt zwischen dem linken und dem rechten Block voraus.
So half Albert Rivera, Spitzenkandidat der rechtsliberalen Ciudadanos, sogar in den Fjorden von Vigo an der nordspanischen Atlantikküste Galiciens bei der anstrengenden Miesmuschelernte. Er verspricht der Landbevölkerung eine Reduzierung der Mehrwertsteuer um bis zu 60 Prozent und niedrige Steuersätze für Selbstständige in Ortschaften mit weniger als 5000 Einwohnern, um die Landflucht zu stoppen.
Spaniens noch amtierender sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez (PSOE) stellte nach dem Besuch eines Viehmarktes im nordspanischen Torrelavega gar einen 70-Punkte-Plan vor, mit dem das Sterben der spanischen Dörfer gestoppt und die Lebensqualität auf dem Land erhöht werden soll. Mehr noch: Sánchez will mithilfe von Steuervorteilen und der Verbesserung von Basisdiensten den Zuzug junger Familien aufs Land fördern. 400 Millionen Euro sieht er dafür vor.
Santiago Abascal, Chef der neuen rechtspopulistischen Vox-Partei, die bei der Wahl am Sonntag aus dem Stand um die 13 Prozent der Stimmen bekommen könnte, macht sich dieser Tage besonders für die Verteidigung der Jagd stark. Dafür setzte sich der muskelbepackte Politiker aufs Pferd und ritt an der Seite des Stierkämpfers Morante de la Puebla über die Hügellandschaft Andalusiens, um Hasen zu jagen.
Denkzettel der Vergessenen und Zünglein an der Waage
Die Landbevölkerung traut der neu entdeckten Landliebe der Politiker aus Madrid aber nicht vorbehaltlos. "Kaum sind die Wahlen vorbei, vergessen sie uns wieder", sagt Ana Moreno misstrauisch. Sie ist Sprecherin der Dorfgemeinschaft Benizar, einem 900-Seelen-Ort im südspanischen Murcia. Nach Benizar kommt ein Arzt nur einmal die Woche. Geldautomaten und Supermärkte? Fehlanzeige. WLAN! Was ist das?
Da wählt man lieber regional: Und mit der Gewichtung der ländlichen Stimmen ist auch die Macht der Regionalparteien überproportional groß im spanischen Parlament. Die Regionalparteien dürften also erneut zum Zünglein an der Waage werden. Relativ problemlos zu haben wäre die Unterstützung bei Regionalparteien wie der Kanarischen Koalition (CC), der valencianischen Compromís und den im Baskenland regierenden Nationalisten des PNV. Für höhere Investitionen in ihrer Region paktieren sie seit Jahrzehnten regelmäßig mit Links wie mit Rechts. Außen vor beim Paktieren bleibt EH Bildu, Nachfolgepartei von Herri Batasuna, ehemals Sprachrohr der baskischen Terroreinheit ETA.
Der baskische PNV machte allerdings kein Geheimnis daraus, im Zuge des jüngsten Rechtsrucks der beiden konservativen Parteien und deren harter Position im katalanischen Unabhängigkeitskonflikt mehr Sympathien für eine Linkskoalition mit den Sozialisten und den Linkspopulisten von Podemos zu hegen. Während PP und Ciudadanos für die erneute Zwangsverwaltung in Katalonien und generell mehr Zentralstaat eintreten, sprechen sich die Sozialisten und Podemos für mehr Dialog und Plurinationalität in Spanien aus.
Besonders spannend wird allerdings, wie viel Macht die separatistischen Regionalparteien in Katalonien erhalten werden und welche der beiden Separatistenparteien am stärksten wird.
Katalanen wollen eine Linksregierung unterstützen
Bisher sieht es so aus, als würden die Linksrepublikaner des - derzeit inhaftierten - ERC-Chefs Oriol Junqueras die separatistische Parteien-Allianz JxCat des ehemaligen katalanischen Regierungschefs Carles Pugidemont (im Exil) in der Wählergunst überholen. ERC wird sich laut Umfragen von 9 auf 13 Mandate verbessern können, während JxCat von 8 auf 5 Mandate absacken dürfte.
"Beide Formationen haben bereits angekündigt, eine Koalition zwischen Sozialisten und Podemos zu unterstützen, weil sie von Pedro Sánchez mehr Dialog erwarten können. Doch der Katalonien-Konflikt dürfte leichter mit der ERC zu überwinden sein", erklärt der katalanische Politologe Oriol Bartomeus. Die ERC gilt als pragmatischer, was die Autonomie-Frage betrifft.
Dennoch: Die überproportional große Macht der separatistischen Regionalparteien führte letztlich zur Ausrufung der Neuwahlen, weil sie Sánchez und seiner Minderheitsregierung im Februar wegen der stockenden Unabhängigkeitsgespräche die Unterstützung entzogen hatten und der Ministerpräsident kein Budget verabschieden konnte. Und so landeten die Spanier am Sonntag zum dritten Mal in vier Jahren an der Urne.
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