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Spaziergang in der Luftburggasse

Von Hermann Schlösser

Reflexionen
Rasch entschwinden sie, die Traumgestalten ...
© getty images / Yifei Fang (Zeichnung)

Das Aufschreiben von Träumen ist eine probate Methode, mit sich in Kontakt zu treten. Ein Selbstversuch.


Früh am Morgen. Man erwacht aus einem Traum, den man in vielen Einzelheiten noch vor Augen hat. Nur langsam verwandelt sich der Schlafzustand in Wachbewusstsein, die geträumten Rätselbilder leisten einem noch eine Weile Gesellschaft. Ist das Gesicht jedoch einmal gewaschen, der English Breakfast Tea getrunken, beginnen die Erinnerungen ans nächtliche Geschehen zu verblassen. Spätestens wenn die täglichen Nachrichten aus dem Radio einsetzen, entschwinden die Traumgestalten, von deren Realität man im Schlaf vollkommen überzeugt war. Manchmal bleibt eine vage Erinnerung übrig, oft genug aber auch nichts.

Kleine Fantasiegebilde

Und doch gibt es eine Möglichkeit, dem leicht verderblichen Stoff eine gewisse Haltbarkeit zu verleihen: Wer vor dem Schlafengehen in Kopfkissennähe ein Notizheft oder einen Block bereit gelegt hat, kann sofort nach dem Erwachen damit beginnen, das noch unmittelbar präsente Nachtgeschehen aufzuschreiben: "Ich laufe auf dem Dr. Karl-Lueger-Platz herum, im Gefühl, auf Strümpfen zu gehen und suche meine Schuhe. Erst nach längerem Hin-und-Her-Schauen bemerke ich, dass ich sie anhabe."

Viele Träumer und Träumerinnen haben sich dieses Protokollieren zur Gewohnheit gemacht - unter anderem der Verfasser dieses Artikels, der sich der Einfachheit halber von nun an "ich" nennt. Ich schreibe seit vielen Jahren Träume auf. Nicht tagtäglich, sondern intensiv zu manchen Zeiten, zu anderen eher nachlässig, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

Dabei strebe ich eine Schreibweise an, die von den französischen Surrealisten - vor allem in der Beschäftigung mit Träumen - entwickelt und als Écriture automatique bezeichnet worden ist: Nicht lange grübeln, sondern "automatisch" drauflos schreiben und die Wörter so verwenden, wie sie in der schriftlich mobilisierten Erinnerung an den vergangenen Traum eben auftauchen.

Schlafen - und träumen lässt sich überall ...
© Basil Nikitakis

Manchmal kommt dabei nur ein einziger Satz aufs Papier: "Heute Nacht habe ich von einem Straßenhändler geträumt, der mir ein Präpotenz-Mittel für 59 Euro verkauft hat." An anderen Vormittagen fließt es munterer dahin: "Ich gehe durch Wien, komme plötzlich an einer Gasse vorbei, die ganz unwienerisch aussieht, eher toskanisch, aber das Straßenschild entspricht den hiesigen, und der Straßenname heißt ‚Luftburggasse‘, ich denke, man findet in Wien immer wieder unbekannte Gegenden, überquere die Luftburggasse und sehe, dass die Straße, in der ich mich bewege, den Namen ‚Luftburgdurchlassgasse‘ trägt."

So verwandeln sich meine Träume unter der schreibenden Hand in kleine Fantasiegebilde, die sich das helle Tagbewusstsein niemals hätte ausdenken können: "Hellersechs, ein russischer Komponist der nationalistischen Richtung - gerade habe ich von seiner Musik geträumt, nein: habe ich seine Musik geträumt. Und seinen Namen."

Wird diese Übung über einen längeren Zeitraum durchgehalten, entsteht allmählich ein Traumtagebuch, das die Chance eröffnet, Seelenverfassungen früherer Jahre zu rekonstruieren. Für mich ist das durchaus von Interesse, aber darüber gehen die Meinungen auseinander: "Träume im Tagebuch aufzuschreiben ist Zeitverschwendung. Nichts ist langweiliger, als 25 Jahre später zu lesen, was du geträumt hast."

Das erklärte unlängst der britische Romancier Ian McEwan in der Rubrik "Was ich gern früher gewusst hätte", die im deutschen "Zeit-Magazin" erscheint. Dieses Statement leuchtet mir nicht ein, denn ich kenne schon manches, was mich mehr langweilt als meine Traumberichte aus früheren Jahren. Wenn ich in meinen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1984 lese, werde ich zum Beispiel mit dichterischen Wunschträumen konfrontiert, von denen ich heute nichts mehr weiß oder wissen will: "Schwere Nacht letzte Nacht, ich träumte einen Roman und glaubte wie immer, dass ich ihn sofort aufschreiben könnte, wenn wach. Natürlich alles Unsinn, alles vergessen und verloren."

Trotzdem kann ich McEwans Abneigung zum Teil nachvollziehen, wenn ich sie als Handwerksregel eines professionellen Literaten auffasse. Denn so groß der psychologische Erkenntniswert von Traumprotokollen auch ist, so zweifelhaft ist zugleich ihre literarische Qualität. Sie enthalten viele Redundanzen - man glaubt ja gar nicht, wie oft sich bestimmte Traummotive wiederholen - und außerdem kommt auch mancherlei Obskures, Unangenehmes und unkommunizierbar Intimes zur Sprache, wenn man sich einigermaßen aufrichtig mit seinen Träumen beschäftigt. Deshalb enthalten Traumprotokolle zwar reichhaltiges Ausgangsmaterial für literarische Gestaltungen, verdienen aber selbst das Gütesiegel "Literatur" wohl nicht ganz. Deshalb sollten sie auch nur mit Vorsicht veröffentlicht werden.

Ungeachtet aller Einwände ist aber das Aufschreiben und Aufbewahren von Traumerzählungen eine verbreitete Umgangsform mit der Rätselhaftigkeit nächtlicher Hirnaktivitäten. Der Dichter und Arzt Arthur Schnitzler führte zum Beispiel von 1875 bis 1931 ein Traumtagebuch, das 2012 postum publiziert wurde. Da erfuhr dann die neugierige Nachwelt, dass Schnitzler am 9. Dezember 1922 "einen lebhaft erotischen Traum" von Alma Mahler hatte, der nur dadurch getrübt war, dass sie "Bedenken wegen Werfel" äußerte. Doch Schnitzler schrieb nicht nur erotische Träumereien auf. Seine Protokolle changieren zwischen einfacher Erzählung und psychologisch versierter Deutung. Am 23. März 1912 bemerkt er in diesem Sinne: "Ich erinnere mich, dass ich, als ich Freuds ‚Traumdeutung‘ las, 1900, auffallend viel und lebhaft träumte und selbst im Traum deutete."

"Die Traumdeutung"

Hier wird das Grundbuch herbeizitiert, das nicht nur Schnitzlers Interesse an Träumen nachhaltig geprägt hat, sondern auch für die neu entstehende Psychoanalyse, die Bildenden Künste, den Film und die Literatur von erheblicher Bedeutung war: "Die Traumdeutung" von Sigmund Freud. Der Gründervater der Psychoanalyse stellt in diesem Buch eine reiche Fülle von (eigenen und fremden) Träumen in facettenreichen Fallgeschichten vor.

Um ihn kommt man bei dem Thema nicht herum: Sigmund Freud, 1929.
© ullstein bild / Sigmund Freud Copyrights (Ausschnitt)

Wer gerne Traumprotokolle liest, findet hier animierendes Material. Aber so vielgestaltig diese Revue auch ist, so rücksichtslos wird sie vom Autor einer immer gleichen Zweiteilung unterworfen: Freud unterscheidet den "manifesten Trauminhalt" - also all die schönen, beängstigenden, rätselhaften Gaukelbilder des nächtlichen Geschehens - vom "latenten Traumgedanken", der im Traum selbst gar nicht aufscheint, aber auf dem Weg psychoanalytischer Forschung identifiziert werden kann.

Indem der Analytiker den Schleier der Verkleidungen, Verhüllungen und Entstellungen der einzelnen Traumereignisse lüftet, deckt er dahinter die immer gleiche Triebenergie auf: Jeder Traum, so Freud, dient der Erfüllung uneingestandener - meist sexueller - Wünsche, mag er sich noch so beflissen als Schuld-, Abwehr- oder Albtraum maskieren. In dieser Reduktion der Vielfalt auf eine einzige zugrunde liegende Ursache besteht die "Traumdeutung" Freuds.

Neuere psychologische und psychotherapeutische Richtungen haben Freuds Königsweg verlassen und nähern sich den Traumgebilden eher auf Nebenstraßen, Schleichwegen und sonstigen "Durchlassgassen". Jobst Finke, ein Vertreter der "personenzentrierten Therapie", erklärt in seinem 2020 erschienenen Buch zum Thema, der Mensch sei im Traumzustand "gewissermaßen spielerischer, phantastischer und oft auch kreativer, ahnungsvoller als im Wachbewusstsein".

In der Therapie dürfe es also nicht darum gehen, diese Energien durch standardisierte Deutungen stillzustellen. Stattdessen empfiehlt Finke, die Traumbilder als eigenwillige Auskünfte über unausgeschöpfte Potentiale der Psyche wahrzunehmen. Um seine Intention plakativer zu verdeutlichen, als er selbst es tut, ließe sich vielleicht witzeln: Wer von einer Banane träumt, sollte sie nicht zwangsläufig als Phallussymbol verstehen, sondern vielleicht stattdessen darüber nachdenken, wann er das letzte Mal frisches Obst gegessen hat.

Anti-freudianisch

Diese Verweigerung allgemeingültiger Theorien zugunsten individueller Evidenzen zeigt sich auch in manchen öffentlich zugänglichen Traumprotokollen neueren Datums. Die Romanautorin Undine Gruenter hielt 1992 in ihrem poetologischen Tagebuch "Der Autor als Souffleur" die geradezu anti-freudianschen Sätze fest: "Träume durchlaufen, ohne ihren Sinn zu verstehen - in diesem Sinn waren Träume immer schon Avantgardisten, Big-Sinn gibt es nicht, sie laufen den Sinn-Machern einfach weg (voraus?)."

Undine Gruenter: "... Träume (waren) immer schon Avantgardisten, Big-Sinn gibt es nicht ..."
© FIFA

Und in Stefanie Sargnagels "Statusmeldungen" heißt es am 31. August 2015 kurz, deutungslos, und gerade deswegen provokant glaubwürdig: "Ich hab schon wieder geträumt, dass ich mein Baby in der Couchritze vergessen habe." Notate dieser Art mögen literarische Qualität haben oder auch nicht, jedenfalls aber tragen sie zu einem neuen, unbefangenen Verständnis des rätselhaften und geheimnisvollen Phänomens "Traum" bei.

Zu den schwierigsten Problemen der Traumforschung gehörte es zumindest bis vor kurzem, unmittelbar zu erfassen, was sich in den Hirnen und Körpern der Träumenden tatsächlich ereignet. Wer träumt, schläft, und wer schläft, kann weder erzählen noch schreiben. Deshalb kennen wir unsere Träume nur aus der nachträglichen Erinnerung. Dass diese Nachträglichkeit der bildlichen und assoziativen Fülle des eigentlichen Traums nicht völlig gerecht wird, ist eine Tatsache, mit der sich schon "Die Traumdeutung" beschäftigt hat. In der luzid-anschaulichen Sprache des großen psychologischen Schriftstellers Freud, die vermutlich langlebiger ist als alle psychoanalytischen Konstrukte, heißt es:

"Denn wir kennen den Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben sehr oft, dass wir ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, dass wir geträumt haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die Erfahrung, dass der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, dass wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, dass auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß."

Die neueste Wissenschaft hat nun Verfahren entwickelt, die diese Unzuverlässigkeit persönlicher Erinnerungen hinter sich lassen. Japanischen Forschern ist es gelungen, einen Hirnscan durchzuführen, der Träume in Echtzeit mitlesen kann. In mehr als 50 Prozent der Fälle stimmen diese Scans mit den Berichten überein, die von den Träumenden nach dem Erwachen erzählt werden. Mit höheren Trefferquoten ist irgendwann zu rechnen. Datenbanken sammeln alle diese Informationen, um über den Einzelfall hinaus die Funktionsweise des Traums sichtbar zu machen. (Das ist im Internet aus einer Wissenschaftsreportage von Katrin Ewert zu erfahren.)

Was aber geschieht mit unseren subjektiven Traumerzählungen, wenn die Maschinen objektive Auskünfte über unser nächtliches Treiben generieren? Werden sie dann als wertlos ausgemustert und durch Diagramme ersetzt? Oder werden wir unsere Berichte eifrig den unbezweifelbaren Hirnscans anpassen, um nicht in den Verdacht der Wissenschaftsfeindlichkeit zu geraten? Das wollen wir doch nicht hoffen. Es ist zwar denkbar, dass die nachträgliche Traumerzählung in der Forschung ihre Wichtigkeit einbüßt. Damit ist aber nicht gesagt, dass sie auch als Form des Nachdenkens über sich selbst ausgedient hat, ganz im Gegenteil: Wenn weder "Big-Sinn" noch sachliche Richtigkeit verlangt werden, könnten sich die Traumerzählungen sogar besonders frei und ungehemmt entfalten.

Überarbeitete Protokolle

Mit diesen Überlegungen im Rücken habe ich in letzter Zeit damit begonnen, einige meiner alten Traumberichte zu überarbeiten. In früheren Jahren war es mir beim Aufschreiben immer darum gegangen, der flüchtigen Traumrealität möglichst exakt gerecht zu werden. Heute ist das nicht mehr mein dringlichstes Ziel. Eine Erkenntnis, die ich unter der Rubrik "Was ich gern früher gewusst hätte" vermerken würde, heißt: Man kann durch wiederholtes Umschreiben seinen ursprünglichen Impulsen eine unerwartete Richtung geben und dadurch neue Perspektiven gewinnen.

Da hatte ich zum Beispiel vor Jahren einmal einen Traum, den ich seinerzeit in karger Redlichkeit zu Papier brachte: "Kurz vorm Aufwachen klingelte es an der Tür meiner Wohnung. Ich öffnete - ein großer Mann in weißem Sporttrikot stand da, hob freundlich lächelnd seinen schweren Hammer und schlug mir den Schädel ein."

Das ist ein zweifellos unguter Traum, den ich niemals vergessen konnte, da ich ihn ja aufgeschrieben hatte. Um ihn loszuwerden, versuchte ich später, ihm eine andere Färbung zu geben. Ich schrieb also eine zweite Version, die den originalen Trauminhalt willentlich verfälschte: "Die Mitternacht war gerade vorüber, als es an der Tür klopfte. Wer da? fragte ich besorgt, aber die Antwort blieb aus. Es klopfte ein zweites Mal, sehr viel vernehmlicher, ich ging hinaus, öffnete die Tür und wer stand vor mir? Ein Riese in einem beigen Sportdress, der einen großen Hammer mit sich führte: Ich bin gekommen, um dir eins auszuwischen, knurrte er, ehrlich gesagt, habe ich sogar vor, dir den Schädel einzuschlagen - Bitte nicht! rief ich und schlug in panischer Angst meine Wohnungstüre zu. Zitternd hörte ich, wie der bedrohliche Gast seiner Wege ging. Seit diesem nächtlichen Zwischenfall trage ich in meiner Wohnung immer eine Uniform. Man muss gewappnet sein in Zeiten wie diesen."

Hier zeigt sich schon mehr Widerstandskraft gegen die Zumutungen des Albtraums. Jetzt, am Ende meines Spaziergangs durch die Vergangenheit und Gegenwart der Traumaufzeichnung, schreibe ich die Geschichte noch ein drittes Mal und gebe ihr dabei einen Spin, den ich mir seinerzeit nicht hätte träumen lassen: "Ich war noch nicht richtig eingeschlafen, da läutete es an meiner Wohnungstür. Ich drehte mich kurz um und rief: Wer ist denn da? - Dein Mörder, dröhnte eine tiefe Stimme durch die Wohnung. Komm her, dass ich dir den Schädel spalten kann! - Ich glaub du spinnst, antwortete ich gut gelaunt, ich lass mich doch nicht im schönsten Nachtschlaf von einem Poltergeist umbringen! Verschwinde und lass mich in Frieden. Und was soll ich sagen? Der Unhold verschwand tatsächlich, leise und ohne Widerrede."

Hermann Schlösser, geboren 1953, viele Jahre "Redakteur" im "extra", lebt als Literaturwissenschafter und Autor in Wien.

Literaturhinweise:

Jobst Finke: Träume, Märchen, Imaginationen. Personenzen-trierte Psychotherapie und Beratung mit Bildern und Symbolen. Reinhardt Verlag, München 2020.

Sigmund Freud: Die Traumdeutung. (In zahlreichen Ausgaben unterschiedlicher Verlage erhältlich.)

Undine Gruenter: Der Autor als Souffleur. Journal. Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 2. Auflage 2016.

Ian McEwan: Was ich gern früher gewusst hätte. In: "Zeit-Magazin", 9.2.2023, S. 46.

Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017.

Arthur Schnitzler: Träume. Das Traumtagebuch 1875- 1931. Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing. Wallstein Verlag, Göttingen 2012.