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SPD jubelt wie nach Wahlsieg

Von Benno König

Europaarchiv

Berlin. (Afp/Apa/WZ Online) Zunächst die Fakten: Die SPD hat gerade ihre Regierungsmehrheit mit den Grünen in Deutschland verloren. Sie hat knapp fünf Prozentpunkte eingebüßt. Eine Zukunft für Gerhard Schröder als Bundeskanzler ist ungewiss. Ganz anders die Stimmung im Berliner Willy-Brandt-Haus: Als die ersten Prognosen und Hochrechnungen über die Bildschirme flimmern, bricht in der SPD-Zentrale Jubel aus, als habe die Partei soeben einen grandiosen Wahlsieg eingefahren.


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Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder schließt eine Koalition mit der Union unter Führung von deren Kanzlerkandidatin Angela Merkel jedenfalls aus. Die CDU-Chefin werde keine Koalition mit der SPD hinbekommen, wenn sie Kanzlerin werden wolle.

Mit Gelächter werden vor allem die Stimmenverluste der Union quittiert. Und als Parteichef Franz Müntefering auf die Bühne tritt, wäre nach dem Ausmaß der ausbrechenden Begeisterung zu vermuten, die Sozialdemokraten hätten soeben die absolute Mehrheit gewonnen. Nur noch eine Steigerung gibt es - den Auftritt Schröders. "Ich fühle mich bestätigt, für unser Land dafür zu sorgen, dass es auch in den nächsten vier Jahren eine stabile Regierung unter meiner Führung geben wird", erhebt er auch ohne erkennbare Mehrheit unmissverständlich Anspruch auf eine neue Amtszeit als Kanzler.

Wie das gehen soll, spielt in diesem Augenblick im Brandt-Haus keine Rolle. Parteimitarbeiter halten "Schröder für Deutschland"-Schilder in die Höhe und der Beifall findet kein Ende. "Noch ein TV-Duell, dann haben wir's", ruft ein SPD-Mitglied in den Saal, während Schröder seinen Sieg über "Medienmacht und Medienmanipulation" beschwört.

Müntefering neben ihm strahlt wie seit Monaten nicht mehr. "Das ist ein schönes Ergebnis", spricht auch er schon eine halbe Stunde nach den ersten Hochrechnungen wie ein Wahlsieger. Das Resultat zeige, dass "die Sozialdemokratie gebraucht wird, damit es gut weitergeht in diesem Land". Zwar verweist der SPD-Parteichef auf das noch ausstehende Endergebnis, auf Gremienberatungen am Montag, doch klar sei schon jetzt: "Das Land will Gerhard Schröder als Bundeskanzler haben." Dabei macht Müntefering eine Rechnung auf, die bisher im politischen Berlin unüblich war: Er zählt die Stimmenanteile von CDU und CSU getrennt. Wenn es nun zu Gesprächen unter den Parteien komme, "ist die größte Partei am Tisch die SPD", lautet seine Schlussfolgerung.

Unter großem Beifall spielt Müntefering auf die Stimmenverluste der Konkurrenz an: "Das Ergebnis der CDU/CSU ist eine persönliche Niederlage für Frau Merkel." Der Zufall will es, dass gerade in diesem Augenblick auf dem Bildschirm die CDU-Chefin ohne Ton, aber mit deutlich verkniffenem Lächeln auftaucht - zur Erheiterung der SPD-Anhänger. "Die wird jetzt durch den Wulff gedreht", sagt ein SPD-Mitglied mit Blick auf ihren möglichen Rivalen, Partei-Vize Christian Wulff. Er verstehe nicht, wie Merkel aus einem "desaströsen Wahlergebnis" einen politischen Führungsanspruch für Deutschland ableiten wolle, sagt auch Schröder. "Das wird es nicht geben", erteilt er den Kanzlerin-Ambitionen der Konkurrentin eine Absage.

Eins allerdings stellen Schröder und Müntefering auch unmissverständlich klar, während im Fernsehen die verschiedenen Bündnisvarianten von der großen Koalition bis hin zur roten und zur schwarzen Ampel durchgerechnet werden: Das Nein zu einer rot-rot-grünen Zusammenarbeit mit der Linkspartei soll Bestand haben. Der Stimmung in der SPD-Zentrale tut die Koalitionsunsicherheit keinen Abbruch. Immer von neuem wird gejubelt, wenn auf dem Bildschirm wieder bei einer neuen Hochrechnung der Anteil für Schwarz-Gelb weit unter der 50-Prozent-Marke stehen bleibt und der Abstand zwischen Union und SPD dahinschmilzt. In einer Ecke wird sogar leise die Internationale angestimmt.