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Spektakuläre Flucht des blinden Dissidenten

Von Ines Scholz

Politik
Frauenrechtler Cheng.

Chen Guangcheng stand wegen Kritik an Chinas Behörden unter Hausarrest.


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Peking. Mehr als vier Jahre saß der bekannte chinesische Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng in Haft. Freiheit erlangte er danach nicht: Die Behörden setzten ihn in seiner Heimatprovinz Shandong kurzerhand unter Hausarrest. Der 40-Jährige, der seit seiner Kindheit blind ist, hatte illegale Zwangsabtreibungen bei hochschwangeren Frauen publik gemacht und die verantwortlichen Lokalpolitiker angeprangert. Dafür sollte er für immer zum Schweigen gebracht werden.

Chens Haus wurde seit 2010 rund um die Uhr überwacht, jeglicher Kontakt mit der Außenwelt war ihm untersagt, ausländische Journalisten, die ihn besuchen wollten, wurden bedroht. Als Chen sich im Vorjahr in einem herausgeschmuggelten Video über die Schikanen beklagte, schlugen die Wachtrupps ihn und seine mitgefangene Frau stundenlang brutal zusammen, konfiszierten Computer, Fernseher, Videokamera und stellten der Familie den Strom ab.

Nun ist dem politischen Gefangenen die Flucht aus der häuslichen Hölle gelungen. Am Freitag gab der in den USA lebende Menschenrechtsaktivist Bob Fu bekannt, dass Chen sein Haus vor knapp einer Woche heimlich verlassen und Freunde ihn an einen sicheren Ort außerhalb von Shandong gebracht hätten. Chens Frau und sein Sohn sollen sich derweil weiterhin im Haus in Dongshigu aufhalten. "Das Haus ist nun eng umstellt, und alle warten vermutlich auf Befehle, was zu tun ist", sagte er. Ein in China ansässiger Menschenrechtsaktivist bestätigte die Angaben. Die Behörden schweigen. Gerüchte, wonach Chen in der US-Botschaft in Peking sei, konnte Fu nicht bestätigen.

Der blinde Dissident, der sich stets mit Sonnenbrille zeigt, ist einer von zahlreichen autodidaktischen "Anwälten", die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten. Ins Visier der Behörden geriet er, als er in der Stadt Linyi der östlichen Küstenprovinz Zwangssterilisationen am Fließband und 7000 Fälle von Spätabtreibungen aufgedeckt hatte, zu denen Beamte hochschwangere Frauen zwangen, um Chinas strikte Ein-Kind-Politik durchzusetzen -und er organisierte Protestaktionen. 2005 reiste der Menschenrechtler nach Peking, um dort eine Sammelklage gegen die Verantwortlichen einzubringen, kurz darauf wurde er verhaftet und bis zu seiner Anklage unter Hausarrest gestellt. Im August 2006 wurde er im Schnellverfahren wegen "Sachbeschädigung und Mobilisierung von Gesindel zur Störung des Straßenverkehrs" zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Seine Anwälte wurden kurz vor Prozessbeginn verhaftet, auch seine Frau durfte nicht am Verfahren teilnehmen. Ein Berufungsverfahren wurde abgelehnt. Weil er Rekurs angemeldet hatte, wurde Chen im Gefängnis schwer misshandelt, der Aktivist trat daraufhin in den Hungerstreik. Auch seine Familie wurde zahlreichen Schikanen unterzogen. Sein Sohn durfte die Schule lange nicht besuchen, Chens Frau Yuan Weijin wurde verboten, für ihren Mann auf den Philippinen 2007 einen Menschenrechtspreis entgegenzunehmen.

Seine Verfolgung löste in China eine beispiellose Kampagne von Aktivisten, Schriftstellern und Intellektuellen aus. Das "Time"-Magazine setzte den engagierten "Anwalt" 2006 sogar auf die Liste der 100 führenden Personen, die die Welt verändern".