Zum Hauptinhalt springen

Sperrzone bedroht neun Dörfer

Von Andreas Hackl

Politik

EU kritisiert den Evakuierungsplan des israelischen Verteidigungsministeriums.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Hebron. Zwei Tage, bevor israelische Soldaten in sein Dorf eingefallen sind, hatte Khalid Jabarin schon ein ungutes Gefühl. "Sie werden mit Planierraupen kommen, während die Kinder schlafen. Was sollen wir tun, wenn sie uns von hier verreiben?", sagte der Palästinenser Anfang der Woche in der Kleinstadt Yatta, am südlichen Spitz des Westjordanlandes.

Sein Heimatort Jinba soll zusammen mit acht anderen Dörfern dem Erdboden gleichgemacht werden, um für ein Übungsgebiet des israelischen Militärs Platz zu machen. Auch wenn der Plan, die Dörfer abzureißen und rund 1500 Palästinenser zu vertreiben, noch vom israelischen Höchstgericht abgesegnet werden muss, haben die Bewohner von Jinba diese Woche schon einen Vorgeschmack auf die Zukunft bekommen, als ihnen am Dienstagmorgen dutzende bewaffnete Soldaten einen Besuch abgestattet haben.

"Wir haben geschlafen und sind vom Lärm der Hubschrauber aufgewacht. Das Militär hat alles durchsucht, Fotos gemacht und unsere Ausweise kontrolliert", erzählt Jabarin. Die Operation sei Teil der Vorbereitung auf die Großevakuierung der Dörfer gewesen.

Das israelische Militär nannte den Einsatz hingegen eine "Routine-Operation". Der Grund sei, dass "Palästinenser in dieser Gegend illegale Behausungen errichtet haben, mit denen sie sich selbst gefährden. Außerdem gehen von der betroffenen Gegend auch Gefahren aus, etwa von illegalen Bewohnern, von Kriminalität und von terroristischen Elementen", erklärt ein Sprecher des israelischen Militärs.

"Illegal" sind die Häuser und Bewohner der Feuerzone 918, wie das militärische Übungsgebiet genannt wird, vor allem deshalb, weil die im von Israel kontrollierten C-Gebiet des Westjordanlandes liegen, in dem es für Palästinenser beinahe unmöglich ist, eine Baugenehmigung zu bekommen.

UN-Organisation: Heuer schon 395 Häuser zerstört

Dabei bleibt den Palästinensern in den C-Gebieten oft keine andere Wahl, als "illegal" zu bauen, sagt Ramesh Rajasingham, Chef des UN-Büros für humanitäre Hilfe (OCHA) in den besetzten palästinensischen Gebieten. Diese Häuser dann zu zerstören, sei auch rechtlich problematisch. "Israel hat die völkerrechtliche Verantwortung für den Schutz der zivilen Bevölkerung in diesem Gebiet. Ihre Häuser zu zerstören wird dieser Verantwortung nicht gerecht", sagt Rajasingham. Laut der UN-Organisation hat die israelische Verwaltung heuer bereits 395 palästinensische Bauwerke in den C-Gebieten zerstört.

In der Feuerzone hat das israelische Militär schon einmal hart durchgegriffen und 1999 rund 700 Palästinenser aus der Gegend vertrieben. Doch die meisten sind danach wieder zurückgekommen, während das israelische Höchstgericht jahrelang mit dem Einspruch israelischer Menschenrechtsorganisationen beschäftigt war. Nach zwölf Jahren Rechtsstreit und gescheiterten Verhandlungen mit den Bewohnern will das Verteidigungsministerium jetzt einen Schlussstrich ziehen. Deshalb hat es das israelische Höchstgericht am 22. Juli in einem Entscheid aufgefordert, für die Evakuierung von 1500 Palästinensern grünes Licht zu geben.

Khalid Jabarins Familie lebt seit Generationen in dem Gebiet. Wie die meisten der rund 1500 Palästinenser in dieser kargen, hügeligen Landschaft ist auch er in einer Höhle aufgewachsen. Die Bewohner der Feuerzone führen seit Generationen einen traditionellen Lebensstil als Viehzüchter. Sie haben Angst, dass dieses Leben nun vorüber ist.

"Nur hier haben wir unsere Freiheit. Wie werden auf diesem Land bleiben. Doch wir haben Angst davor, vertrieben zu werden", sagt Rasmiyye Hamandi, eine Frau, die im Dorf Mufaqara am Rande der Feuerzone lebt. Mufaqara ist eines der vier Dörfer am Rande der Zone, die vorerst nicht evakuiert werden sollen. Doch auch hier wurden immer wieder Bauwerke zerstört. An einer Stelle im Dorf liegt immer noch der Schutt einer alten Moschee, die Planierraupen des Militärs im letzten Jahr abgerissen haben.

Israel würde den Vertriebenen zwar auch weiterhin an jüdischen Feiertagen und Wochenenden erlauben, ihre Tiere auf die Weiden zu führen, doch den Viehzüchtern ist das nicht genug. "Was soll ich unter der Woche mit 3500 Schafen in der Stadt tun?", sagt Khalid Jabarin. "Ich denke, wir haben noch drei bis vier Monate, dann schmeißen sie uns raus."

Auch die Europäische Union hat Israels Plan die Dörfer zu evakuieren scharf kritisiert. "Die Absicht des israelischen Verteidigungsministeriums das dauerhafte Aufenthaltsrecht in der Feuerzone zu verbieten, und acht Ortschaften zu evakuieren, widerspricht Israels Verantwortung als Besatzungsmacht", schrieb die EU in einer Erklärung, nachdem Diplomaten am Tag nach der Militäroperation in Jinba die Gegend besucht hatten.

Das israelische Verteidigungsministerium besteht auf den Plan und verweist auf die Notwendigkeit des israelischen Militärs, sich auf die Anforderungen in der Region vorzubereiten. Die Feuerzone 918 sei vor allem wegen des einzigartigen Geländes von grundlegender Bedeutung für Israels Armee.