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Spiegel der Gefühlswelt

Von Frank Leth

Wissen

Vor 100 Jahren veröffentlichte Sigmund Freud sein Werk über die Traumdeutung und ebnete damit der Psychoanalyse den Weg. "Träume sind keine Schäume, sondern spiegeln unsere Gefühlswelt wider", sagt Marianne Leuzinger-Bohleber vom Institut für Psychoanalyse an der Universität Kassel. Darin seien infantile Wahrheiten mit einem Schlüssel zum Unbewussten enthalten. Diese zentrale Entdeckung Freuds gelte auch heute noch, so die Expertin bei einer Fachtagung.


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Rund 30 Prozent seines Lebens schläft jeder Mensch. Meist ist der Schlaf auch mit Träumen verbunden, auch wenn man sich beim Aufwachen häufig nicht mehr daran erinnern kann. "Der normale Schlaf beinhaltet zwei Tiefschlafphasen, die in den ersten Stunden auftreten", sagt Inge Strauch, empirische Traumforscherin und ehemalige Direktorin des Instituts für klinische Psychologie an der Universität Zürich.

Die Träume finden der Wissenschaftlerin zufolge im Laufe der Nacht alle 90 Minuten in den so genannten REM-Phasen statt. REM steht für Rapid Eye Movement, die schnellen Augenbewegungen.

In diesen Phasen, die dem Wachzustand ähneln, können ein schneller Puls und Atmung sowie eine starke Hirnaktivität gemessen werden. "Weckt man den Schläfer während einer REM-Phase, kann er sich besonders gut an den Traum erinnern", sagt Strauch.

"Träume sind aber mehr als die REM-Phasen", erklärt Leuzinger-Bohleber. Denn sie erklärten nicht, warum und nach welchen Regeln man träume. Bisher geht man davon aus, dass Träume in Zusammenhang mit der Informationsverarbeitung im Gehirn stünden. Nach diesem Modell sei die Kapazität der Informationsverarbeitung beschränkt. Ein Teil dieser Informationen werde in einem Gehirnbereich zwischengespeichert, der für die Affekte zuständig sei. Diese zwischengespeicherten Informationen tauchten dann wieder in den Träumen auf. Bewiesen sei aber auch dies noch nicht.

Die Wissenschafterin nimmt an, dass bei schwer traumatisierten Menschen, beispielsweise nach sexuellem Missbrauch, die Informationsverarbeitung auf Grund der Erlebnisse ständig überlastet ist und erst in den Träumen verarbeitet werden kann. Der Therapeut könne anhand von Träumen Aufschluss über den Verlauf von Angsterkrankungen und Neurosen erhalten. Dabei seien die Trauminhalte von Mensch zu Mensch verschieden und beinhalteten individuelle Bedeutungen. "Das Gehirn funktioniert eben nicht wie ein Computer, sondern ist als biologisches System viel kreativer", sagt die Traumforscherin.

Aber nicht nur psychische Störungen können sich über Träume mitteilen. "Träume bei Kindern verraten beispielsweise auch, was und wie sie denken", sagt Strauch. In einer Langzeitstudie hatte die Wissenschafterin 551 Träume und 286 Wachfantasien von 24 gesunden Buben und Mädchen im Alter von drei bis 14 Jahren untersucht.

"Kinderträume sind nicht besonders angstbesetzt, sondern stellen meist reale Alltagserlebnisse dar", sagt Strauch. Nur in jedem vierten Traum kamen bei den untersuchten Kindern auch Aggressionen, meist verbaler Natur, vor. Dabei waren meist die Kinder selbst Zielscheibe der Aggressionen. "Je älter die Kinder werden, desto eher wechseln sie von der Opfer- in die Täterrolle", sagt Strauch.

Mädchen können sich der Studie zufolge eher an die Träume erinnern und diese auch besser sprachlich beschreiben. Auffällig war auch, dass die Träume von Buben realistischer waren. Während sie reale Erlebnisse träumen, erfanden Mädchen eher etwas hinzu.

Auch Tiere haben einen festen Platz in den kindlichen Träumen - bei Zehnjährigen in jedem vierten Traum. "Mädchen träumen dabei eher von Haus- und Stalltieren, die sie pflegen und umhegen können", sagt die Traumexpertin. Erst 14-jährige Kinder könnten entsprechend ihrem Entwicklungsstand Gefühle in ihren Träumen differenziert beschreiben. Jüngere Kinder können meist nur sagen, ob es ein schöner oder schlechter Traum war.