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"Für den Winter passen die Märchen besser, die traurig sind", so ist in Shakespeares "Wintermärchen" zu lesen. Seit jeher beeinflusst der Wechsel der Jahreszeiten das Befinden und die Psyche des Menschen. Heilung für die Seele verspricht das Licht.
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Fühlen Sie sich auch müde und antriebslos? Kommen Sie am Morgen kaum aus den Federn, haben Sie Heißhunger auf üppiges Essen und keine Lust, Freunde und Bekannte zu treffen? Wenn Sie diese Fragen mit "Ja" beantworten, sollten Sie die Lichtambulanz im Allgemeinen Krankenhaus Wien aufsuchen. Dort setzt sich das Team rund um Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH, seit einigen Jahren mit der "Saisonal abhängigen Depression" (SAD) auseinander und ihrer Heilungsmethode, der Lichttherapie. Die Lösung des Problems ist so verblüffend wie einfach. Dass man die Herbst- und Winterdepression, an der europaweit rund 20 Prozent der Bevölkerung leiden, heilen kann, indem man Betroffene einfach vor eine Lichtquelle setzt, wurde erst in den 1980er Jahren erforscht. Der Einfluss der Jahreszeiten auf unser körperliches und seelisches Wohlbefinden ist seit der Antike bekannt, aber es hat lange gedauert, bis wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, dass sehr intensives Licht wie ein Antidepressivum wirkt.
Wie hat man sich so eine Lichttherapie vorzustellen? Der Patient sitzt entspannt vor einem speziellen Lichtapparat, der aus sechs bis acht Leuchtstoffröhren besteht. Diese Röhren senden ein fluoreszierendes Licht, das - abgesehen vom ultravioletten Anteil - das gesamte Spektrum des Lichts enthält. Die Lichtintensität am Auge beträgt je nach verwendetem Gerät und Abstand von der Lampe zwischen 2500 und 10.000 Lux. Dies entspricht etwa dem Licht an einem hellen, schönen Frühlingstag. Das Auge vermittelt den antidepressiven Effekt. Die Netzhaut wandelt nämlich die Lichtsignale in Nervenimpulse um. Dadurch werden jene Gehirnstrukturen beeinflusst, die für den Schlaf-Wach-Rhythmus und andere Tagesrhythmen des Menschen zuständig sind. Rund 80 Prozent der Patienten sprechen auf die Therapie an. Eine Besserung der Symptome tritt bereits nach mehreren Tagen ein. Natürlich eignen sich auch Spaziergänge an sonnigen Tagen fürs Wohlbefinden.
Von der trüben Stimmung, die mit der Zeitumstellung Ende Oktober beginnt und die man den Winter Blues nennt, bis zur behandlungsbedürftigen Depression reicht die Palette der Reaktionen auf die dunkle Jahreszeit. In der Maschinerie unseres Körpers sind die Rhythmen von Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit fest verankert und ein wichtiger Zeithinweis für unsere innere Uhr. Diese biologische Uhr beeinflusst die meisten Körperfunktionen. Zweieinhalb Stunden Licht pro Tag braucht der Mensch, damit sein innerer Kreislauf funktioniert.
Die biochemischen Zusammenhänge bei Herbst-Winterdepressionen und die Wirksamkeit von Lichttherapie beschäftigen den Institutsvorstand schon lange. "Lange Nächte, trübes Tageslicht, häufige Müdigkeit - in der kalten Jahreszeit sind der Energiepegel und die Unternehmungslust bei den meisten Menschen nicht gerade hoch", erzählt Siegfried Kasper im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Im Ernstfall kommt es zur sogenannten Herbst-Winterdepression. "SAD-Patienten schlafen und essen zuviel, wobei das Verlangen nach Kohlenhydraten ausgesprochen hoch ist, wegen der schnelleren Energieverfügbarkeit", so beschreibt der sympathische Professor einige der Symptome. Ein Grund dafür ist Lichtmangel.
Als bildhafte Beschreibung von Gemütszuständen sind Jahreszeiten und Wetter Teil unserer Sprache geworden. Jemand hat ein sonniges Wesen, ein strahlendes Lächeln, gilt als warmherzig oder unterkühlt. Wenn es draußen trüb und finster wird, verdüstert sich auch das Gemüt vieler Menschen, weiß Kasper aus seiner langjährigen Praxis und nicht immer handelt es sich dabei nur um leichte Stimmungsschwankungen.
Dass die dunkelste auch als die stillste Zeit des Jahres galt, hängt mit dem natürlichen Verlauf der Jahreszeiten zusammen. Ohne Licht keine Möglichkeit zur Arbeit. "Früher lebten die Menschen im Zyklus der Jahreszeiten. Seit dem Beginn des Industriezeitalters negiert der Mensch den natürlichen Rhythmus der Natur." Es spielt keine Rolle, ob die Sonne scheint und ob es hell ist, denn Licht gibt es durch Elektrizität. Damit hätten viele Menschen keine Probleme aber manche eben schon. Es sei kein Zufall, dass die seelischen Erkrankungen auf dem Vormarsch sind, so Kasper. Viele kommen mit dem Anspruch, rund um die Uhr funktionieren zu müssen, oft gegen ihre individuelle biologische Uhr, nicht zurecht. "Es sind eben nicht alle gleich." Wenn viele Menschen das Bedürfnis haben, sich wie die Bären zum Winterschlaf in dunkle Höhlen zurückzuziehen, so entspricht das zwar vermutlich einem natürlichen Rhythmus, der sich aber mit dem modernen Alltag aber kaum vereinbaren lässt.
Das Licht der Welt
Die längsten Nächte des Jahres boten vielen Völkern Anlass für Riten und Bräuche, in denen Licht und Feuer eine wichtige Rolle spielten. Die Wintersonnenwende war in vielen antiken und frühmittelalterlichen Kulturen ein wichtiges Fest. Um die Zeit der Wintersonnenwende wurde traditionell das Feuer gelöscht und neu entzündet, als Symbol für einen sich ständig wiederholenden Zyklus des Vergehens und Wiedererstehens. Noch heute begehen wir die Feste, die rund im die Wintersonnenwende herum stattfinden, mit Lichtern - als Kerzen auf dem Christbaum oder auf dem Chanukkaleuchter.
Die Geschichte des christlichen Weihnachtsfests führt uns zurück ins alte Rom. Dort wird um 350 erstmals der 25. Dezember als Geburtsfest Jesu bezeugt, wobei die Kirche wie so oft ein heidnisches Fest mit christlichem Inhalt versah. Ursprünglich hatte Kaiser Aurelian (270-275) den Kult des "Sol Invictus" (unbesiegter Sonnengott) erfunden und den 25. Dezember als Geburtstag dieses Gottes feiern lassen. Die Festlegung des Datums hängt damit zusammen, dass die Nächte in dieser Zeit als die längsten des Jahres erfahren wurden und die Menschen das Gefühl hatten, in dieser Zeit den dämonischen Mächten besonders ausgesetzt zu sein, deren Wirkungsfeld ja die Finsternis ist. Es leuchtet ein, dass die Christenheit, die Jesus als das Licht der Welt verkündigte, an diesem Fest nun besonders den Geburtstag des Erlösers feiern wollte, der die Mächte der Finsternis nach ihrem Glauben ein für allemal besiegt hatte.
Licht im Sinne von Erleuchtung zieht sich wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte der Menschheit. Schon Platon setzte in seinem Höhlengleichnis als Metapher für die Idee des Guten die Sonne ein. Und nicht umsonst heißt das Zeitalter der Aufklärung, das im 18. Jahrhundert die Vernunft in den Vordergrund der Denkweise stellte, auf Französisch "le Siècle des Lumières", also das Jahrhundert der Lichter oder der Erkenntnis.
Mehr Licht
Bedauernd stellt Siegfried Kasper vom AKH fest, dass das Licht heutzutage so stiefmütterlich behandelt wird. Denn Licht und soziale Beziehungen seien die wesentlichsten Gesichtspunkte für die menschliche Existenz, wobei es, so schmunzelt der Professor, egal sei, "ob die soziale Beziehung zu einem Menschen oder einem Hund" aufgebaut wird.
Hinweise darauf, wie wichtig das Licht für die Seele ist, finden sich in der psychiatrischen Literatur schon früh, blieben aber lange Zeit unerforscht. "Das ist halt so, dass oft die naheliegenden Dinge unbemerkt bleiben." In Siegfried Kaspers Büro stehen zwei handliche Lichtboxen, die mit den ursprünglichen bis zu 20 Kilo schweren Prototypen nichts mehr gemein haben und um relativ wenig Geld im Fachhandel zu bekommen sind. Mehr Licht ist also mittlerweile ein leicht zu erfüllender Wunsch. Von der besinnlichen Kerze im Advent bis zur 10.000 Lux-Lichtbox gibt es viele Möglichkeiten, Licht ins Dunkel zu bringen
Besonders in skandinavischen Ländern, wo im Winter die Tage nur ein paar Stunden dauern, leiden besonders viele Menschen an SAD. Ein Gastronom aus Stockholm, selbst SAD-Patient, hatte vor einigen Jahren die erhellende Idee, ein "Licht-Café" zu eröffnen. Im "Iglo Ljuscafé" sitzen die Gäste in hellen, weißen Räumen auf weißen Möbeln und genießen ihr Frühstück oder Mittagessen bei 3000 Lux Lichtstärke. Im Dunkeln munkeln ist da allerdings nicht möglich.
Buchtipp: Norman E. Rosenthal, Siegfried Kasper: Lichttherapie. Das Programm gegen Winterdepression. Kneipp Verlag
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