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Spielerisch gegen den China-Trend

Von WZ-Korrespondentin Katja Ridderbusch

Wirtschaft

Frisbees, Hüpfbälle und Hula-Hoop-Reifen als neuer alter Kult. | US-Unternehmen Wham-O will vor allem durch Export wachsen. | Atlanta. Als Kyle Aguilar vier Jahre alt war, begleitete er seinen Vater in dessen Spielzeugfirma. Nicht die Plastikfiguren, die der heimische Betrieb im Auftrag von Cornflakes-Herstellern und Fast-Food-Ketten produzierte, lockten den Jungen, sondern der Schreibtisch des Vaters.


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Kyle setzte sich in den wuchtigen Sessel, schnippte mit den Fingern, als Mitarbeiter das Büro betraten, und rief: "Los, los, zurück an die Arbeit." Heute ist Kyle Aguilar 29 Jahre alt und Vorstandschef von Wham-O, einer kalifornischen Spielzeugfirma. Wham-O fertigt seit 1948 Produkte, die rund um den Globus Kultstatus erlangten: Etwa die legendären Frisbee-Wurfscheiben aus Plastik, Hula-Hoop-Reifen, Hüpfbälle oder Wasserrutschen.

Wham-O-Produkte erleben derzeit, obwohl sie mit elektronischen Spielereien wie iPod oder Nintendo nichts zu tun haben, ein erstaunliches Comeback - zu Jahresbeginn kaufte Aguilar das Unternehmen gemeinsam mit US-Investoren von einer chinesischen Firma, in deren Besitz Wham-O sich zuletzt befand. "Wham-O ist eine nostalgische, uramerikanische Marke", sagt Aguilar, "so wie Coca-Cola und Levis."

Seither positioniert Aguilar die Produkte als Aktiv-Spielzeug - und die Traditionsmarke als Trendsetter. "Unsere Botschaft an die Kinder ist: Geht raus und bewegt euch!" Das fügt sich nahtlos in die Kampagnen gegen Fettleibigkeit von Kindern, die in den USA regen Zulauf haben. Außerdem hat Wham-O die perfekte Werbeträgerin gefunden: Seit First Lady Michelle Obama sich im Garten des Weißen Hauses mit Hula-Hoop-Reifen und Hüftschwung fotografieren ließ, sind die Verkäufe des Spielzeug-Klassikers in die Höhe geschossen - und tragen fortan das Gütesiegel politischer Korrektheit.

Öko-Image beflügelt

Seit dem Zukauf von Sprig Toys im Februar ist Wham-O außerdem "grün". Sprig fertigt Bauklötze, Bagger und Badewannenboote aus recyceltem Plastik, von Joghurtbechern bis Fahrradreifen. Schließlich sorgte Aguilar mit einem schlauen unternehmerischen Schachzug für Schlagzeilen: Er verlegte nach dem Erwerb von Wham-O auch den Großteil der Produktion von Frisbees, Hula-Hoop-Reifen und Pool-Nudeln, den schwimmenden Röhren aus Polymerschaum, von China in die USA. Rund 70 Arbeitsplätze wurden geschaffen.

Zwar sei in China Arbeit billiger als in den Vereinigten Staaten, doch sei die Herstellung von Frisbees und Hula-Hoops nicht besonders arbeitsintensiv. Und: "Wenn wir in den USA fertigen, sparen wir beim Transport."

Als Firma im Privatbesitz veröffentlicht Wham-O keine Bilanzen. Schätzungen zufolge machte Wham-O im vergangenen Jahr einen Umsatz von 80 Millionen Dollar (62,60 Millionen Euro). Dabei sind Frisbees der weltweite Bestseller mit mehr als 200 Millionen verkauften Exemplaren. Derzeit setzt Wham-O knapp die Hälfte seiner Produkte im Ausland ab, Ziel sind 70 Prozent. Alles in allem will Aguilar das Unternehmen zurück in die erste Liga der US-Kultmarken katapultieren.

Auf dem Weg nach oben

Es sieht so aus, als sei Kyle Aguilar der perfekte Mann für den Job. Er ist multiethnisch und das Kind von Immigranten. Sein Vater stammt aus Mexiko, seine Mutter wurde in Deutschland geboren und wuchs in Brasilien auf. Mit 16 Jahren gründete er seine erste Firma, schloss später die Highschool ab und ging aufs College. Mit 27 war er Chef des Spielzeugherstellers Manufacturing Marvel, wachte über acht Firmen in China und Mexiko.

Kyle Aguilar ist ein Mann mit Familiensinn: Vater und Bruder arbeiten bei Wham-O. Er selbst hat keine Kinder, aber einen großen Schreibtisch, rund 100 Angestellte und einen Kindheitstraum, der wahr geworden ist.