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SPÖ besteht nicht auf Gesamtschule

Von Ina Weber und Katharina Schmidt

Politik
Wenn es nach SPÖ und ÖVP geht, soll die Klassenschülerhöchstzahl auf 25 Kinder reduziert werden. Foto: bilderbox

Bildungssprecher von ÖVP und SPÖ im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". | SPÖ-Absage an ÖVP für Wahlfreiheit bei Gesamtschule. | ÖVP-Brinek: "Alles ist verhandelbar." | Wien. Sollte es zu einer Fortführung der Koalitionsgespräche zwischen ÖVP und SPÖ kommen, dann ist einer der größten Streitpunkte wohl die Bildungspolitik. Zumindest, wenn man an den Wahlkampf zurückdenkt. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" zeigen sich sowohl SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser als auch ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek aber versöhnlich.


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Die Forderung nach einer Gesamtschule für alle 6- bis 15-Jährigen sei zwar Teil des SPÖ-Programms, meint etwa Niederwieser. Allerdings "haben wir nie vorgehabt, in einer Konstellation mit der ÖVP die Einführung der Gesamtschule zu beschließen, weil das ziemlich unrealistisch wäre". Selbst in einer rot-grünen Koalition würde die SPÖ die Gesamtschule nicht sofort einführen, meint Niederwieser. Eine stärkere Information der Bevölkerung ist für ihn Voraussetzung für das Funktionieren dieser Schulform. Außerdem müsste die Gesamtschule jedenfalls verpflichtend sein. "Denn das Merkmal einer Gesamtschule ist, dass alle gemeinsam in eine Schule gehen, bei Wahlfreiheit ist das keine Gesamtschule", erklärt der Bildungssprecher. So wolle er auch nicht dem Beispiel Deutschland folgen, wo die Gesamtschule als Zwischenform von Hauptschule und Gymnasium angesiedelt worden ist. Dies ist für Niederwieser "Etikettenschwindel".

Von einer "Umetikettierung" spricht auch ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek - allerdings in Zusammenhang mit dem SPÖ-Modell. Derzeit gebe es in Österreich ohnehin schon Formen der Gesamtschule, etwa die Hauptschule auf dem Land oder bestimmte AHS-Typen im städtischen Bereich. "Bevor wir also von einer Umorganisation des österreichischen Schulsystems sprechen, müssen wir überprüfen, wo die Mängel sind", meint Brinek. Dass Österreichs Schüler so schlecht sind, wie es die Ergebnisse der Pisa-Studie vermuten lassen, will sie nicht glauben. Denn beim Pisa-Test würden nur die analytischen Fähigkeiten der Schüler abgefragt, nicht aber die "hochgeistigen". Unser Bildungssystem "ist einfach weniger lösungsorientiert als schöngeistig", meint Brinek. Dies soll für sie auch so bleiben - "es macht keinen Sinn, unsere Lehrpläne an Pisa anzupassen".

Brinek: "Gesamtschule ist ein Fetisch"

Generell ist die Gesamtschule für Brinek ein "Fetisch", Reformen müssten viel früher, nämlich bereits im Volksschulbereich und davor, ansetzen. Hier ergeben sich auch starke Gemeinsamkeiten zur SPÖ. So fordert Brinek etwa mehr ganztägige Angebote im Volksschulbereich, auch ein verpflichtendes Vorschuljahr ist für sie vorstellbar. Zunächst würde ein Gratis-Kindergarten, wie ihn die ÖVP etwa in Wien fordert, aber ausreichen, meint sie. Denn dadurch könnten vor allem Migrantenkinder frühzeitig zum Erlernen der deutschen Sprache bewogen werden.

Auch für eine einheitliche Sicherung der Schulqualität sprechen sich sowohl Brinek als auch Niederwieser aus. Die von der SPÖ geforderte Qualitätsverbesserung durch die Senkung der Klassenschülerhöchstzahl auf 25 ist für Brinek zwar nicht die primäre Aufgabe, allerdings stellt sie sich auch nicht komplett dagegen.

Bei den Studiengebühren sieht es laut Niederwieser hingegen nicht nach einem Konsens aus. Jedoch: "Ich habe nicht den Eindruck, dass in der ÖVP alle glühende Anhänger der Studiengebühren sind", sagt er.

SPÖ-ÖVP-Einigkeit

bei Studienförderung

Auch Brinek lenkt ein: "Wir sind uns jedenfalls in der Frage einig, dass es Verbesserungen bei der Studienförderung geben muss", sagt sie. Hier kann sich die Wissenschaftssprecherin etwa eine Valorisierung der Förderungsbeiträge vorstellen. Auf eine mögliche Abschaffung der Studiengebühren angesprochen, lässt sich Brinek keine klare Antwort entlocken und kontert mit einem Zitat von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer nach der Wahl: "Alles ist verhandelbar."

"Wir sind erst am Anfang der Verhandlungen und ich hoffe sehr, dass wir wieder an einen gemeinsamen Tisch zurückkommen", sagt Brinek.