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Sprengstoff statt Schultaschen

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik
Der zehnjährigen Spozhmay wurde vom eigenen Bruder die Sprengstoffweste angelegt.
© reu

In Afghanistan werden selbst Achtjährige für Selbstmordanschläge missbraucht.


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Kabul. Ihr Bruder zwang sie in die Sprengstoffweste: Die zehnjährige Spozhmay sollte sich vor einer Polizeiwache in der afghanischen Provinz Helmand in die Luft sprengen. Doch statt als Selbstmordattentäterin zu sterben, vertraute sie sich der Polizei an. Manche Medien in Afghanistan glauben, dass diese Geschichte zu schön ist, um wahr zu sein. Am Hindukusch endet selten etwas mit einem Happy End. Doch Spozhmay wäre nicht das erste Mädchen, dass von den Taliban für eine Todesmission benutzt wird.

Seit Jahren setzen die radikal-islamischen Aufständischen in Afghanistan und Pakistan Kinder ein, die sie skrupellos in den Märtyrer-Tod schicken. Fast immer sind es jedoch Buben, die gekidnappt werden oder in Koranschulen davon überzeugt werden, dass Gott sie für die Todes-Mission auserwählt habe. Der Einsatz von Mädchen ist eher selten. Vor zwei Jahren überredeten Aufständische in Afghanistan eine Achtjährige, eine Bombe, die in einem Kleidersack versteckt war, zu einer Gruppe von Polizisten zu tragen. Die Taliban zündeten den Sprengsatz per Fernbedienung. Das Kind starb als Einziges bei dem Anschlag.

"Alle wussten davon"

Die Geschichte von Spozhmay, die am 6. Jänner von der Polizei festgenommen wurde, zeigt, dass sich die Taliban gezielt Kinder suchen, die ihre Eltern ganz oder zum Teil verloren haben und daher leichter zu manipulieren sind. Spozhmay, deren Mutter tot ist, lebte mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter zusammen. Die neue Frau des Vaters soll das Mädchen gequält und geschlagen haben. Spozhmays Familie unterstützt die Taliban. Ihr Bruder, der ihr das Sprengstoffkleid aufgezwungen hat, ist einer der örtlichen Kommandeure. "Jeder in meiner Familie wusste davon", sagte Spozhmay nach ihrer Festnahme.

Allein im vergangenen Jahr sollen die Taliban in Pakistan und Afghanistan mehr als 100 Kinder gekidnappt haben, um sie als Selbstmordattentäter gegen Regierungsziele, Armee und Nato-Truppen zu trainieren. Zwar streiten die Aufständischen ab, gezielt Minderjährige in ihrem Kampf einzusetzen, doch es ist kein Geheimnis, dass es zum Kalkül der Taliban gehört, dass Kinder als Selbstmordattentäter leichter durch Sicherheitskontrollen kommen und sich einfacher gut bewachten Anschlagszielen nähern können.

Dabei scheint es kaum eine Altersgrenze zu geben: Im Juli 2013 gab es Berichte, wonach die Taliban bereits Achtjährige mit kleinen Geschenken überreden, Bodenminen zu legen oder ausländische Soldaten als Köder in einen Hinterhalt zu locken. Nato-Truppen, die in afghanischen Dörfern patrouillieren, berichten immer wieder von Kindern, die per Handzeichen oder einem kleinen Taschenspiegel verraten, wo sich die ausländischen Soldaten gerade aufhalten. Kinder werden auch als Boten eingesetzt, um Mitteilungen zwischen den Taliban auszutauschen, deren Telefone abgehört werden. Die Nato kann Kinder nicht festnehmen, und so gibt es kaum Möglichkeiten, etwas gegen diese Praxis zu unternehmen.

"Schwächsten missbraucht"

"Es ist gut dokumentiert, dass die Taliban die Schwächsten in der Gesellschaft dazu missbrauchen, Terrorattentate auszuführen", schrieb jüngst Bruce Riedel, ein amerikanischer Analyst, der Präsident Barack Obama für dessen Afghanistan-Strategie beriet.

Im vergangenen Jahr sprengte sich ein Teenager vor dem Nato-Hauptquartier in Kabul in die Luft und tötete dabei sich und sechs afghanische Straßenkinder, die dort regelmäßig ihre Nachmittage mit Skateboardfahren verbrachten und Feuerzeuge und Süßigkeiten an ausländische Soldaten verkauften. Das jüngste Opfer Parwana war gerade einmal acht Jahre alt. Sie hatte erst vor kurzem mit dem Skateboarden begonnen. Ihr Mörder, der sich vor dem Eingang der Militärbasis in die Luft sprengte, war gerade einmal 14. "Es ist ein klares Zeichen, dass die Aufständischen sich nicht um Zivilisten scheren", kritisierte der Nato-Sprecher in Kabul, Günter Katz, den Anschlag. "Sie missbrauchen Teenager für ihre brutalen Attentate." Wie weit verbreitet die Praxis ist, zeigen auch Festnahmen und Gerichtsprozesse: Im August 2011 begnadigte Afghanistans Präsident Hamid Karzai über zwei Dutzend minderjährige Selbstmordattentäter - viele von ihnen unter 14 Jahren und der jüngste erst acht.