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"Spüren den Klimawandel noch zu wenig"

Von Eva Stanzl

Wissen
Existenzgefährdende Erderwärmung : "WZ"-Chefredakteur Walter Hämmerle (Moderator), Demograf Wolfgang Lutz, Aktivistin Laura Grossmann, Politiker Ulrich Kasparick.
© Simon Rainsborough

2018 was das viertwärmste Jahr - Experten: Die Gesellschaft muss Druck machen, die Politik muss reagieren.


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Wien. Steuern auf Kohlendioxid-Emissionen, Abschaffung von Förderungen für fossile Rohstoffe und Anreize für erneuerbare Energien: Mit diesen Maßnahmen lasse sich die Erderwärmung effektiv verlangsamen, betont Ulrich Kasparick, Gründer der Klimaschutz-Initiative "Für unsere Enkel". Eine CO2-Steuer würde "alle Branchen gleichmäßig treffen und die Erneuerbaren sofort nach vorne bringen. Stattdessen unterstützen wir Fossile mit 600 Milliarden Dollar dafür, dass sie uns das Klima zerstören", sagte der ehemalige SPD-Politiker und Staatssekretär im deutschen Bildungsministerium bei einer Diskussion der Reihe "Future Ethics: Diskursraum der offenen Gesellschaft" von Diakonie und "Wiener Zeitung" diese Woche in Wien.

Die vergangenen vier Jahre sind die vier heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen, berichtete die US-Forschungsgruppe Berkeley Earth am Donnerstag. 2018 war das viertwärmste Jahr und entspreche der Tendenz einer gefährlichen Erderwärmung. Führende US-Wissenschaftler nannten den Klimawandel als einen Faktor dafür, dass die symbolische "Weltuntergangsuhr" bereits "zwei Minuten vor zwölf" anzeige. Umso erstaunlicher ist es, dass er allen Anschein nach nichts dagegen unternimmt. Obwohl die Staatengemeinschaft bei der UNO-Klimakonferenz in Paris 2015 beschlossen hat, bis 2050 die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, laufen die Emissionen auf plus vier Grad hinaus. Dürrekatastrophen, Unwetter und Hungersnöte zählen zu den Auswirkungen.

"Die Klimakrise ist eine existenzielle Bedrohung", warnte Kasparick. "Wenn wir nicht umsteigen, werden Demokratien scheitern, weil die Konflikte zu groß sind, und unsere Enkelkinder mit dem Schlamassel alleine dastehen." Warum gelingt es nicht, dieses Wissen in Politik umzusetzen? Der Wiener Demograf Wolfgang Lutz erklärt dies mit dem Vorhandensein von konkreteren Themen. "Eine Transformation zur Nachhaltigkeit so einschneidend wie die Industrierevolution steht aus. Neue Maschinen sind irgendwann einfach da. Kenntnisse über den Klimawandel beruhen aber auf komplexen Modellen, die abstraktes Denken erfordern", erklärte der Gründer des Wittgenstein Centre for Demography: "Wir spüren den Klimawandel noch zu wenig." Stark spürbar seien hingegen Zustände, die die UNO auf ihrer Liste der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele anführt - von Armut über Kindersterblichkeit bis zu Pandemie-Gefahr. "Wenn in einem Land jedes Jahr zehntausende Kinder sterben, kann man ihre Leben mit Impfungen retten, nicht Klimaschutz."

"Die Nachhaltigkeitsziele der UNO sind im politischen Alltagsgeschäft Kosmetik", entgegnete Kasparick: In faktischen Entscheidungen zu Energiefragen würden sie "null eine Rolle" spielen. "Sondern da wird ein Deal gemacht mit der Kohleindustrie und dann schaut man, dass die Konflikte möglichst klein gehalten werden." Zudem würde die Rücksichtnahme auf Koalitionspartner Entscheidungen verlangsamen. "Gerade beim Klimawandel muss man sagen: Die Politik braucht dringend klaren Druck aus der Zivilbevölkerung.

"Es gibt immer mehr Druck. Doch die Geschichte, die erzählt wird, wie unsere Welt funktioniert, ist eines der stärksten Instrumente, um den Wandel zu verhindern. Das Narrativ ist: Wachstum ist gut, immer mehr, immer besser, schneller und neuer ist gut", erklärte Laura Grossmann, Aktivistin bei der sozialen Bewegung System Change, not Climate Change!. "Wenn es nun heißt: Du musst alles ändern, will es niemand hören, zumal alternative Erzählungen, wie die Welt aussehen könnte, fehlen." Der Narrativ der Aktivistin: Jeder kann in seinem Leben eigene Schritte für den Klimaschutz setzen, anstatt "nur alle vier Jahre ein Kreuzerl zu machen und den Rest der Politik zu überlassen". Das Kreuzerl, entgegnete Lutz, sei aber das Mittel, mit dem eine Gesellschaft Politikern eine Mehrheit erteilt. Das Wahlverhalten zeige, dass die Gesellschaft nicht reif für Energiesteuern oder eine Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit auf den Autobahnen sei, "sonst hätten wir die Maßnahmen ja umgesetzt".

Medien berichten über Umweltschutz und Klimawandel, Experten reden sich die Münder fusselig. Und dennoch ist das Thema nicht wahlentscheidend und machen Marketingagenturen dafür wenig Stimmung. "Wissenschafter, Politiker und auch (US-Präsident Donald, Anm.) Trump wissen, dass der Mensch das Klima erwärmt. Sie haben nur kein Interesse an Veränderung", begründete Grossmann diesen Status quo. Fossile Energieträger seien politisch und wirtschaftlich gewollt. "Und wenn es billiger ist, zu fliegen, warum sollen wir den Zug nehmen?", sagte sie: "Wir brauchen eine Systemveränderung." Ein großes Wort. Es dreht sich um Angebot und Nachfrage, Marktmechanismen in einem liberalen Rechtsstaat und um das demokratische System, das wir kennen. Jedoch könnten nicht die Bürger die Gesamtverantwortung schultern: Darüber waren sich alle einig. Wenn nicht gehandelt wird, würden die Worte der 16-jährigen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg bitter wahr: "Euch gehen die Ausreden aus, aber mir die Zeit."