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Spuren eines Träumers

Von Lutz Redecker

Reflexionen

Im Leben Heinrich Vogelers spiegeln sich nicht nur die die künstlerischen Stürme des 20. Jahrhunderts.


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Heinrich Vogeler, der stets auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln war und von den politischen und sozialen Wirren nach 1900 mitgerissen wurde, blieb sein Leben lang ein sensibler, geistreicher und bisweilen naiver Träumer. Vor 150 Jahren, am 12. Dezember 1872, kam er in Bremen zur Welt. Das Leben und Werk des Künstlers in seinen Facetten zu betrachten lohnt, da es über sein Einzelschicksal deutlich hinausweist.

Als Mitbegründers der Künstlergemeinschaft Worpswede bei Bremen beeinflussten ihn die Nazarener, Präraffaeliten und französischen Impressionisten. Ein historischer Zufall wollte es, dass seine Entwicklung als bildender Künstler parallel mit der Entstehung des Jugendstils verläuft. Oder wie sein Zeitgenosse, der Kunstkritiker Jean Louis Sponsel 1899 bemerkte: Vogeler nahm die Landschaft mit den Augen eines Lyrikers wahr. Seine Gestalten offenbaren uns ihr Innenleben in ihren verklärtesten Augenblicken. Weltabgewandtheit zeigt sich in romantischem Zauber.

Vogeler vertieft bald seinen weitab von der Akademie eingeschlagenen künstlerischen Weg. Zwar beteiligt er sich nach seinem Studienabschluss 1895 mit knapp 23 Jahren in Düsseldorf an einer Ausstellung der Worpsweder Malergruppe im Münchner Glaspalast und in der Bremer Kunsthalle, die die Künstler im ganzen Land bekannt macht. Doch seine Träume gehen weit über jene seiner Malerkollegen Fritz Mackensen, Hans am Ende, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Carl Vinnen hinaus.

Der Kunst-Bauernhof

Die für den Jugendstil typische Ästhetisierung seines Lebensumfeldes - die ihm Ruhm und Anerkennung verleiht - genügt ihm schon bald nicht mehr. Sein Werk sollte im Verlauf der nächsten zwanzig Jahre, nicht zuletzt unter dem am eigenen Leib erfahrenen Leid des Ersten Weltkriegs, einen anderen Verlauf einschlagen.

1896 kauft Heinrich Vogeler eine Bauernkate in Worpswede bei Bremen, den Barkenhoff, niederdeutsch für "Birkenhof". Eine heruntergewirtschaftete Scheune lässt er nach eigenen Skizzen zum Hof ausbauen, er legt einen Garten an und entwirft stilsicher die Inneneinrichtung, Möbel, Tapeten, Geschirr und Besteck nach Prinzipien des Jugendstils. Das kulturelle Leben in vielfältigen Facetten lässt das Haus schnell zu einem Treffpunkt der Worpsweder Künstlerszene werden.

Der Barkenhoff in Worpswede.
© Till F. Teenck / CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5) / via Wikimedia Commons

Zugleich erreichen ihn Aufträge für die Güldenkammer des Bremer Rathauses und Bauprojekte. Er ist ein gefragter Gestalter, Illustrator, Zeichner und Architekt. Für den neu gegründeten Eugen Diederichs Verlag übernimmt Vogeler Illustrationsaufgaben und arbeitet außerdem für die literarische Zeitschrift "Die Insel". Zum Weihnachtsfest 1898 schenkt ihm Rainer Maria Rilke einen Spruch für die Eingangstür des Barkenhoff: "Licht ist sein Loos / ist der Herr nur das Herz und die Hand / des Bau’s mit den Linden im Land / wird auch sein Haus / schattig und groß." Vogeler lässt ihn als Haussegen über die Eingangstür des Barkenhoff einkerben, wo er heute noch zu sehen ist.

Der Künstler treibt sein Ideal eines Gesamtkunstwerks so weit, dass er sich der Welt als biedermeierlicher Bohemien präsentiert, mit Weste, Schoßrock und kniehohen Gamaschen, mit Stehkragen oder Halstuch. Für seine spätere Frau Martha Schröder entwirft er wallende Gewänder und eine Idylle, die auf Freunde und Besucher Worpswedes wie ein märchenhafter Traum wirkt.

Seine Romantik flieht vor der Gegenwart und ihren Konflikten, und hat vielleicht deshalb Erfolg. Vogeler liefert Trost gegenüber einer Zeit, deren Industrielärm, Tempo und Rhythmus im Maschinentakt viele nicht mehr folgen möchten. Die Überzeugung, gegen alle Widerstände das Bessere zu erreichen, lässt ihn nicht ruhen, sein Credo, als Künstler "einen kleinen Teil vom Himmelreich auf Erden zu verwirklichen", treibt ihn an.

Die Barkenhoff-Familie

Als Lou Andreas-Salomé Rilke verlässt, führt dessen Suche nach anderen Lebensentwürfen nach Worpswede, vor allem fasziniert von Vogelers Idee vom Leben als Gesamtkunstwerk. Auf dem Barkenhoff fügen sich Tag und Traum scheinbar nahtlos zusammen. In seinem Worpsweder Tagebuch notiert der Dichter: "Wieviel näher fühle ich mich jetzt wieder dem Unbewussten und Wunderbaren!"

Rilkes innerer Weg, kompromisslos auf sein Künstlertum ausgerichtet, erhält reiche Aufmerksamkeit. Umso mehr, als die beiden Malerinnen Paula Becker und Clara Westhoff zur Barkenhoff-Familie gehören. Als Zuhörerinnen zollen sie ihm Bewunderung, mit weltentrückten Versen schlägt Rilke viele Zuhörer in seinen Bann.

Bald erhält Vogeler auf der Nordwestdeutschen Kunstausstellung eine Goldmedaille für sein Gemälde "Der Sommerabend". Angeregt durch Tizians "Das ländliche Konzert", schafft Vogeler ein monumentales Gruppenbild, das auf den ersten Blick wie ein Idyll wirkt. Die Konstellation der Figuren zeigt jedoch emotionale Kälte. Seine Frau Martha porträtiert er auf der Eingangstreppe vor ihrem gemeinsamen Wohnsitz Barkenhoff, zu ihren Füßen liegt ein russischer Windhund. Zu sehen ist neben Agnes Wulff, Paula Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff auch der bärtige Otto Modersohn. Nur ein Mitglied der damaligen "Barkenhoff-Familie" fehlt: Rainer Maria Rilke, dessen Figur Vogeler, der drei Jahre an dem Bild arbeitete, wieder löschte.

"Sommerabend (Das Konzert)", ausgestellt im Barkenhoff.
© Heinrich Vogeler / Public domain / via Wikimedia Commons

Während sein Gemälde in der Öffentlichkeit als Meisterwerk gefeiert wird, will der 33-jährige Vogeler nur noch dem goldenen Käfig Worpswede entfliehen. Sein Bild ist insofern Resultat eines mehrfachen Scheiterns: des Überdrusses an der Barkenhoff-Idylle, der Krise seiner Ehe mit Martha und des Bruchs mit Freunden des Ortes und mit Rilke. Vogeler entwickelt nun eine prosaische Haltung zu seiner Umgebung: "Ich kämpfe jetzt gewaltsam gegen eine Romantik, die ja keinen Boden mehr hatte."

Es war kein Zufall, dass Rilke nach Worpswede kam. Denn 1898 begegnen einander der etwa gleichaltrige Dichter und Vogeler in Florenz, der ihn prompt einlädt. Zunächst aber unternimmt Rilke zwei Reisen nach Russland, die erste 1899. Dort sammelt er Eindrücke einer grandiosen Landschaft, besucht Klöster und lernt Mönche kennen - Eindrücke, die er später in Gedichtzyklen wie dem "Stundenbuch" festhält. Rilke und Vogeler verbindet die Empfindung einer elementaren Krise der damaligen Zeit - und einer Kultur, die nicht mehr an ihre Fähigkeit glaubt, neue Wege zu initiieren. Geradezu seismographisch erspüren sie die großen, sich anbahnenden Veränderungen der 1910er Jahre.

Vogeler reist nach Ceylon und erkennt mit eigenen Augen die sozialen Widersprüche seiner Zeit. Während einer Reise nach Lodz im Jahr 1907 bringt ihn die Lektüre Maxim Gorkis dazu, sich mit vollem Einsatz für die Arbeiterklasse zu engagieren. Dieser Wille wird noch stärker, als Vogeler auf einer Englandreise die Elendsviertel von Glasgow und Manchester besucht.

Erfahrungen im Ersten Weltkrieg machen ihn schließlich zum radikalen Pazifisten, der sich während der Novemberrevolution 1918/19 auf die Seite der aufständischen Arbeiter und Soldaten schlägt. Doch er geht noch weiter. Das Glaubensbekenntnis "Wahrheit anstatt Lüge" orientiert sich an der Bergpredigt; zusammen mit dem Aufruf, die zehn Gebote Gottes endlich hier und heute zu verwirklichen, richtet er es an Wilhelm II.: Ihn und alle Zeitgenossen will Vogeler zu einem "lebendigen Christentum" aufrütteln. Das noch regierende Staatsoberhaupt lässt ihn daraufhin in die Psychiatrie einweisen. Dort entsteht die Radierung "Die sieben Schalen des Zorns", in der Vogeler das im Krieg Erlebte zu verarbeiten versucht.

Die rote Utopie

"Winterkulturkommando der Arbeiterstudenten auf einem Sowjetgut" (1924).
© Heinrich Vogeler / Public domain / via Wikimedia Commons

Doch er kommt schnell wieder in die Freiheit und es entstehen Plakatentwürfe des nun politisierten Künstlers. Expressive und futuristische Elemente beeinflussen seine Formensprache. Vogeler entwirft für die "Rote Hilfe" Plakate und Broschüren. Von dem zauberhaft-zarten Melusine-Triptychon im Barkenhoff (1912) hat er sich Lichtjahre entfernt.

Seine romantische Seele stirbt in Etappen. Während er vor dem Krieg das verlorene Paradies, den alten biblischen Garten, in bezaubernd fantasievollen Radierungen und Gemälden herbeisehnt, ist es nun die Botschaft eines utopischen Sozialismus, die seine Gedanken beflügelt. Martin Buber, Kenner und Sympathisant des Barkenhoff-Experiments - sein Sohn Rafael hielt sich für einige Zeit in Worpswede auf -, könnte dabei Pate seiner Gedanken sein.

Aus den geistigen und materiellen Trümmern einer hinfällig gewordenen Weltordnung entwirft Vogeler nun einen appellativen, indoktrinierenden Stil ("Geburt des Neuen Menschen"), der große Fragen stellt: Wo steht der Einzelne, wo die Gemeinschaft? Wie schaffen wir eine gerechte und lebenswerte Welt - für alle?

Bevor Vogeler 1931 in die Sowjetunion emigriert, gestaltet er den Barkenhoff zu einem Kinderheim der "Roten Hilfe" um. Die Nazis setzen allerdings dieser Arbeit ein Ende. Heinrich Vogeler stirbt am 14. Juni 1942 im sowjetischen Exil.

Im historischen Haupthaus des Barkenhoff - dem "Haus im Schluh", einem atmosphärischen Reetdach-Haus seiner Enkelin Martha Vogeler - wird eine Präsenzausstellung über Leben und Werk Heinrich Vogelers gezeigt. Die Große Kunstschau Worpswede und die Worpsweder Kunsthalle stellen permanent eine Reihe von Gemälden, unter anderem "Der Sommerabend", sowie zahlreiche Druckgrafiken aus (www.heinrich-vogeler.de).

Der Film "Heinrich Vogeler - Aus dem Leben eines Träumers" der Regisseurin Marie Noëlle verknüpft Spielfilmelemente und Dokumentarisches. Florian Lukas verkörpert Heinrich Vogeler, Anna-Maria Mühe spielt Martha Vogeler und Naomi Achternbusch schlüpft in der Rolle von Paula Modersohn-Becker (www.heinrichvogeler-derfilm.de).

Buchhinweis: "Heinrich Vogeler: Schriften". Ausgewählt und herausgegeben von Walter Fähnders und Helga Karrenbrock (Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022, 290 Seiten, 25,70 Euro).

Lutz Redecker ist Ethnologe und Reisebuchautor. Über viele Jahre beschäftigte er sich mit Vertretern des norddeutschen Expressionismus und dem Einfluss außereuropäischer Kunst in jener Epoche.