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Staatsakt für einen Staatsmann ohne Staat

Von Susan Sevareid

Politik

Mit der Trauerfeier in Kairo schließt sich für Yasser Arafat ein Kreis: Hier wurde er 1929 geboren und hier wurde 1964 die PLO gegründet. Aber bei der Wahl des Ortes für den Abschied vom palästinensischen Präsidenten ging es weniger um persönliche Nostalgie als um Politik. Solange es keinen Staat Palästina gibt, sind die Staats- und Regierungschefs der arabischen Welt wenig geneigt, in die unter israelischer Kontrolle stehenden Palästinensergebiete zu reisen.


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Also musste der Staatsakt für einen Staatsmann ohne Staat außerhalb Palästinas stattfinden, und da bot sich Kairo gleich aus mehreren Gründen an. Ägypten, Sitz der Arabischen Liga, spielt schon lange eine wesentliche Rolle im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Als Gastgeber für die offizielle Trauerfeier bot sich für Ägypten gleich die Gelegenheit, die Beziehungen zu Arafats Nachfolgern zu festigen. Außerhalb der palästinensischen Gebiete kann sich der Politikwissenschafter Walid Kassiha keinen besseren Ort für den Abschied von Arafat vorstellen als Kairo. Der Verstorbene habe oft gesagt: "Ana masri bil hawa - Meine Liebe für Ägypten".

Um die eigene Biografie mit seinem Status als nationales Symbol der Palästinenser in Einklang zu bringen, sagte Arafat gern, dass er in Jerusalem geboren sei, wo er die Hauptstadt für den bisher nicht verwirklichten Staat sehen wollte. Sein tatsächlicher Geburtsort ist aber Kairo, wo er auch den größten Teil seiner Jugend verbrachte und studierte.

Mit Ägypten hatte Arafat zeit seines Lebens weit weniger Ärger als mit anderen arabischen Staaten. 1970 wurde er mit seinen PLO-Kämpfern aus Jordanien vertrieben. Auch mit Syrien kam es mehrfach zu heftigen Konfrontationen. Der langjährige Präsident Hafez Assad demütigte Arafat, indem er ihn einmal sogar ins Gefängnis werfen ließ. Aus dem Libanon wurde er 1982 hinausgeworfen. In Tunesien überlebte Arafat 1985 mit knapper Not einen israelischen Luftangriff. Der libanesische Publizist Khairallah Khairallah erinnert sich, dass Arafat ihm einmal gesagt habe: "Wenn ich in ein arabisches Land komme, höre ich als erstes die Frage 'Wann reist du wieder ab?'"

Für die Masse der Bevölkerung in den arabischen Staaten ist Arafat bis zuletzt ein Held geblieben, weil er die palästinensische Sache lebendig gehalten hat. Auch darauf musste Ägypten bei der Planung der Trauerfeier auf einem Militärgelände nahe des Kairoer Flughafens Rücksicht nehmen. "Wenn der Sarg auf den Platz Midan Tahrir gebracht worden wäre, hätte es die größte öffentliche Kundgebung für Arafat gegeben", erklärt Kassiha - auf dem Midan Tahrir begann 1970 der Trauerumzug für den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Neben den damit verbundenen Sicherheitsrisiken hätte eine Massenbeteiligung bei der Trauerfeier vor allem ein Prestigerisiko für die Führer der arabischen Welt bedeutet, vermutet der Professor. "Sie hätten es nicht gern gesehen, dass Arafat selbst im Tod noch so große Unterstützung genießt." AP