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Städter horten Holz als Wertanlage

Von Claudia Peintner

Wirtschaft
Österreich ist nach China der zweitgrößte Importeur von unverarbeitetem Holz.

Der Rohstoff Holz ist in Österreich Mangelware. | Privatpersonen besitzen Wald, den sie nicht für die Industrie fällen wollen. | Holz könnte in Kaugummis und Kosmetika landen.


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Wien. In der Holzindustrie ist der Wurm drin: Die Hälfte der österreichischen Staatsfläche ist Wald. Dennoch gibt es nicht genug Baumstämme für die Sägewerke, Möbelbauer oder Papierindustrie. Österreich ist daher laut UN-Landwirtschaftsorganisation FAO nach China der zweitgrößte Importeur von rohem Holz.

Einer der Gründe: Neben den Bundesforsten (15 Prozent) und Großwaldbesitzern (35 Prozent) gehört die Hälfte der Waldfläche Kleinwaldbesitzern. „Ein Drittel von ihnen haben kein Interesse an einer ökonomischen Nutzung”, sagt der Holzexperte Peter Schwarzbauer von der Wiener Universität für Bodenkultur. Es handle sich um landwirtschaftsfremde Waldbesitzer wie Ärzte, Rechtsanwälte, Städter, die den Wald geerbt oder im Zuge einer Landwirtschaftsauflassung gekauft haben. Die neuen Waldbesitzer würden den Wald lieber zum Schwammerlsuchen nützen, statt für die Industrie zu schlägern, so Schwarzbauer. Andere wiederum „sehen im Wald eine Art Sparkasse”, wie Christoph Kulterer, WKO-Vizepräsident der Holzindustrie, betont.

Dabei wäre jetzt kein schlechter Zeitpunkt, um die begehrten Holzreserven lockerzumachen: Industrieholz hat sich in den letzten 24 Monaten um rund ein Viertel auf 36 Euro pro Festmeter verteuert. Auslöser für den Preisanstieg ist das knappe Angebot.

Eine Knappheit, die auch darauf zurückzuführen ist, dass Holz zunehmend für die energetische Nutzung gefragt ist. Während früher minderwertiges Holz und Reste aus der Sägeindustrie relativ günstig bei Papier- oder Spanplattenherstellern landeten, werden sie nun für Biomasseheizwerke zu Pellets verpresst.

Recyceln alter Möbel

Dass frische Sägewerksreste verheizt werden, freut auch den Tiroler Holzkonzern Egger wenig. „Um unsere Rohstoffversorgung zu sichern, recyceln wir in unseren Recycling-Anlagen Holz aus alten Möbeln oder Verpackungsmaterialien”, berichtet Thomas Leissing, Leiter für Finanzen, Verwaltung und Logistik der Egger-Gruppe. Gleichzeitig versuche man über neue Technologien, mit möglichst wenig Holz die besten Platten herzustellen. Der St. Johanner Familienbetrieb mit 16 Produktionsstandorten in sieben Ländern Europas erwirtschaftete 2010 mit 1,77 Milliarden Euro (plus 20 Prozent) den höchsten Umsatz seiner 50-jährigen Unternehmensgeschichte.

Aromen auf Holzbasis

Den Großteil des Geschäfts macht der Hersteller von Möbelplatten und Laminatfußböden längst im Ausland. Großes Wachstumspotenzial sieht Leissing neben der Türkei vor allem in Russland, wo das Unternehmen im Mai einen großen Spanplattenhersteller sowie einen Forstbetrieb mit rund 80.000 Hektar übernommen hat. „In Russland gibt es im Vergleich zu Österreich nicht nur eine starke Nachfrage im Wohnungsbau, sondern auch ausreichend Holz.”

Um Transportkosten zu vermeiden, importierten Österreichs Holzverarbeiter bisher Fichten und Tannen von Nachbarn wie Bayern, Tschechien oder der Slowakei. Da in den vergangenen Jahren aber auch in Osteuropa die Industrie stark gewachsen ist, schauen heimische Unternehmer immer öfter durch die Finger.

Während die Holzverarbeiter nach Auswegen aus der Rohstoffknappheit suchen, gebe es für die Papierhersteller ein lukratives zweites Standbein: „Um sich teures Holz in Zukunft leisten zu können, könnte mehr Wertschöpfung über die Nebenprodukte der Zellstofferzeugung erzielt werden”, glaubt Schwarzbauer. Stoffe wie Lignine und Hemizellulosen würden sich bestens als Zusatz für zuckerfreien Kaugummi, Vanillin, Margarine, Kosmetika oder Klebstoff eignen.