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Stahlindustrie stöhnt über Erzpreis

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft
Die drei größten Anbieter wollen heuer 50 Prozent Aufschlag auf den Preis für Eisenerz durchsetzen. Foto: reuters

Rohstoffgiganten fordern Erhöhung um 50 Prozent. | Voestalpine kann auf Erzberg und andere Anbieter ausweichen. | Brüssel/Linz/Wien. Die Stahlindustrie freut sich über steigende Aufträge - doch die Erholung ist schon wieder bedroht: Die drei Rohstoffgiganten BHP Billiton, Rio Tinto und Vale (siehe Infobox) wollen eine Erhöhung des Eisenerz-Preises um 50 Prozent durchsetzten. Diese Zahl haben die Anbieter in den Verhandlungen mit dem größten chinesischen Stahlkonzern Bao steel auf den Tisch gelegt, berichtet die Zeitung "China Daily" unter Berufung auf Branchenkreise. Die Chinesen verhandeln stellvertretend für die Branche einen Benchmark-Preis, der weltweit die Richtschnur für die nächste Rohstoff-Liefersaison darstellt, die bereits mit 1. April 2010 startet.


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Ursprünglich hatte es Gerüchte gegeben, wonach die Preissteigerungen bis zu 100 Prozent betragen könnten. Zudem wollten die Erz-anbieter ihre Marktmacht ausnutzen, um von den langfristigen Verträgen überhaupt abzukehren und die Preise von den kurzfristigen Spotmärkten definieren zu lassen, hieß es. Das hätte eine enorme Volatilität der Preise und eine stark zyklische Wirkung zur Folge gehabt. Nun scheint zumindest dieses Bedrohungsszenario für die Stahlindustrie vom Tisch.

Allerdings wird sich die Branche auf höhere Einkaufspreise einstellen müssen. Auch die heimische Voestalpine habe mit einer Teuerung zwischen 30 und 40 Prozent gerechnet, sagt Voestalpine-Sprecher Peter Schiefer zur "Wiener Zeitung". Er ist aufgrund der guten Nachfrage aber zuversichtlich, dass die Preise an die Kunden weitergegeben werden können.

Die Linzer sind in einer etwas privilegierten Lage: Zwar können auch sie sich nicht zur Gänze der Marke der Benchmark-Preise entziehen. Allerdings ist die Voestalpine nur zum geringsten Teil von den drei Rohstoffgiganten BHP, Rio Tinto und Vale abhängig: Der größte Teil des Erzes, rund ein Viertel, kommt vom Erzberg, danach folgen Anbieter aus der Ukraine, aus Südafrika und aus Brasilien, mit denen sich die Preise in Nuancen noch nachverhandeln ließen.

EU prüft Joint-Venture

Die Zukunftsaussichten sind allerdings nicht besonders rosig, zumal die großen Rohstoffkonzerne ihre Ressourcen weiter bündeln. Besonders ein geplantes Joint-Venture von Rio Tinto und BHP Billiton in Australien liegt den Stahlverarbeitern schwer im Magen.

"Wir sind sehr besorgt über die Entwicklung", sagt Axel Eggert, Sprecher der Branchen-Vereinigung Eurofer in Brüssel, zur "Wiener Zeitung": "Die Europäische Union ist aufgerufen, Flagge zu zeigen und das Joint-Venture zu verhindern." Dieses würde dieselben Probleme mit sich bringen, wie die 2008 ursprünglich angestrebte Fusion.

Die Europäische Kommission hat Ende Jänner 2010 angekündigt, das geplante Eisenerz-Gemeinschaftsunternehmen unter die Lupe zu nehmen. Es werde geprüft, ob der milliardenschwere Zusammenschluss gegen das Verbot von Preisabsprachen und Marktaufteilung verstoße, teilten die Wettbewerbshüter mit. Die EU-Kommission wolle besonders genau die Auswirkungen auf den Weltmarkt für Eisenerz, das auf dem Seeweg exportiert wird, untersuchen. Parallel zur Untersuchung der Europäischen Kommission läuft auch beim deutschen Kartellamt ein Verfahren.

Die Erholung der Nachfrage stimmt die Stahlindustrie zuversichtlich: Im Jänner ist die globale Stahlproduktion um ein Viertel gestiegen. Auch 2010 werde aber ein schwieriges Jahr bleiben, warnte Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, bei einer Tagung in Düsseldorf. Hoffnung auf einen selbsttragenden Aufschwung gebe es erst für 2011. Auch Kerkhoff warnte vor Rohstoffkostensteigerungen, die von der Stahlindustrie nicht getragen werden könnten.

Im Vorjahr waren die Einkaufspreise durch die Wirtschaftskrise und den massiven Nachfrageeinbruch bei Stahl zwar kräftig gesunken. Nun hätten sich die Kosten für Eisenerz und Kokskohle aber wieder "weit von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten entfernt", so Kerkhoff.

Wissen

Drei Rohstoffgiganten teilen sich den Markt für Eisenerz mit rund 70 Prozent Marktanteil nahezu auf: Der weltgrößte Eisenerzproduzent ist der brasilianische Bergbaukonzern Vale. Analysten schätzen, dass Vale heuer bis zu 313 Millionen Tonnen produzieren wird und 28 Prozent Marktanteil erreichen könnte. Im Vorjahr war der Vale-Anteil am Kuchen durch den Einbruch der Nachfrage in Europa geschrumpft. Die australischen und indischen Konkurrenten waren wegen ihrer kürzeren Transportwege nach China begünstigt.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Die Nummer zwei auf dem Weltmarkt, der australische Bergbaukonzern Rio Tinto, will die Ressourcen mit der Nummer drei, der australisch-britischen BHP Billiton, bündeln. Nach der abgesagten Fusion wollen die Konzerne nun ihre Eisenerzproduktion im Westen Australiens in einem Joint-Venture zusammenfassen, das ein Volumen von 116 Milliarden Dollar erreichen würde. In Brasilien arbeitet BHP Billiton bereits in einem 50-50-Joint-Venture mit Vale zusammen.

Rio Tinto machten neben hohen Schulden zuletzt seine komplizierten Beziehungen zum Hauptkunden China zu schaffen: Die Australier hatten den lange vorbereiteten Einstieg des staatlichen chinesischen Alukonzerns Chinalco im Sommer 2009 kurzfristig platzen lassen. Daraufhin wurden fünf Rio-Mitarbeiter in China wegen Spionage-Vorwürfen festgenommen.

Fortescue Metals, Australiens drittgrößter Eisenerzproduzent, fördert derzeit 42 Millionen Tonnen, will aber bald auf 55 Millionen Tonnen ausbauen.