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Stahlkocher drosseln die Produktion

Von Kathrin Schulte-Bunert und Martin Murphy

Wirtschaft

Preise sollen damit stabil gehalten werden. | Voest-Werke nach wie vor voll ausgelastet. | Frankfurt/Tokio/Linz. (dpa/kle) Die Finanzkrise zieht immer weitere Kreise. Auch die erfolgsverwöhnten Stahlkochern sind inzwischen über deren Auswüchse besorgt. Die Autobauer als wichtigste Kunden kämpfen mit sinkender Nachfrage, die Lager der Großhändler sind voll, und hohe Energiekosten sowie ein schwächeres Wachstum in China sorgen für zusätzlichen Druck in der Branche.


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Führende Stahlkonzerne stimmen ihre Produktion auf die rückläufigen Bestellungen bereits ab, damit ihre Preise stabil bleiben. Nach dem Branchen-Primus ArcelorMittal, der vor einigen Wochen Produktionskürzungen von bis zu 15 Prozent angekündigt hat, will auch der zu Indiens Tata Steel gehörende Stahlriese Corus entsprechende Schritte setzen, um seine Produktion den neuen Realitäten anzupassen.

Lange Zeit lebten die Stahlproduzenten auf einer Art Insel der Glückseligen: Die Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern war über Jahre derart hoch, dass einige Experten schon nicht mehr mit einem Abschwung rechneten. Sie hatten sich getäuscht: Denn einige chinesische Anbieter mussten heuer ihre Preise bereits senken. Nun sind die Konzerne in Sorge, dass die steigenden Rohstoffkosten künftig nicht mehr an die Kunden weitergereicht werden könnten.

Weltweit wird die Stahlnachfrage im kommenden Jahr nach Ansicht des führenden japanischen Herstellers Nippon Steel deutlich langsamer wachsen. Konzernchef Akio Mimura rechnet wegen der Finanzkrise nur noch mit einem Zuwachs von weniger als 5 Prozent, wie er der Wirtschaftszeitung "Nikkei" sagte. Im vergangenen Jahr kletterte die Nachfrage nach Stahl weltweit um 7,5 Prozent. "Ich wäre schon glücklich, wenn ich 2009 nur ein leichtes Wachstum sehen würde", so Mimura. Eine rückläufige Nachfrage erwartet der Stahlmanager jedoch nicht - aufgrund des soliden Wirtschaftswachstums in den Schwellenländern.

"Phase hoher Unsicherheit"

Der Weltstahlverband hatte zuletzt bei seinem Jahrestreffen in Washington sowohl für heuer als auch für 2009 weiteres Wachstum vorausgesagt, wegen der Finanzkrise aber keine konkrete Prognose genannt. "Wir befinden uns in einer Phase hoher wirtschaftlicher Unsicherheit", erklärte Verbandspräsident Ku-Taek Lee, der zugleich Chef von Asiens Schwergewicht Posco ist. Der Einfluss dieses Umfelds auf die Stahlmärkte mache sich jetzt vermehrt bemerkbar.

ThyssenKrupp und Salzgitter, die deutschen Marktführer, bleiben dennoch gelassen. Eine Kürzung der Produktion sei nicht geplant, sagte ein Thyssen-Sprecher. "Unsere Werke sind weiter voll ausgelastet." Ungeachtet der unsicheren Zeiten baut Thyssen zwei Werke in Amerika - als Lieferant von Premiumprodukten sieht sich der deutsche Branchen-Erste auf der sicheren Seite: "Im Automotive-Bereich haben wir langfristige Kundenbeziehungen, bei temporären Schwankungen sind wir daher nicht so anfällig."

Auch Salzgitter baut seine Produktion derzeit aus - bis spätestens Anfang 2010 soll diese um fast zwei Millionen auf neun Millionen Tonnen hochgefahren werden. Wegen der hohen Schwankungsanfälligkeit der Stahlindustrie setzt Salzgitter seit einiger Zeit auf weitere Standbeine: Die Röhren-Produktion liefert fixe Zuwächse, aber auch die Technologie-Sparte um den zugekauften Maschinenbauer Klöckner-Werke trägt zum Umsatzwachstum bei. Außerdem überraschte Salzgitter diesen Sommer mit dem Einstieg beim Kupferhersteller Norddeutsche Affinerie, wo dem österreichischen Industriellen Mirko Kovats (A-Tec) dessen Aktienpaket abgekauft wurde.

Voest noch auf Hochtouren

Bei der Voestalpine, dem größten Stahlkonzern Österreichs, der zuletzt Quartal für Quartal Rekordergebnisse eingefahren hat, läuft die Produktion im Moment ebenfalls auf Hochtouren. "Bis Ende des Kalenderjahres sehen wir für unser Geschäft keine Eintrübung, erst 2009 rechnen wir mit einer Abschwächung, aber keinem Einbruch", bekräftigte Voest-Sprecher Gerhard Kürner gegenüber der "Wiener Zeitung".

Weil das Stammwerk in Linz bald aus den Nähten platzt, will die Voest am Schwarzen Meer für mehr als 5 Mrd. Euro bis 2014/15 ein riesiges Stahlwerk bauen - in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine oder der Türkei. Die Sondierungen laufen. Einen Grundsatzbeschluss könnte es noch heuer geben. Ob neben dem CO2-Thema die Kreditkrise das Projekt zu Fall bringen könnte? Kürner: "Die Finanzierung steht erst dann zur Debatte, wenn es zum Go durch den Aufsichtsrat kommt." Bis dahin sei das Thema zweitrangig.