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Stalldreck statt Hygiene

Von Alexandra Grass

Wissen
Regelmäßiger Kontakt mit Bauernhoftieren fördert die Gesundheit von Kindern.
© Fotolia/Boggy

Kinder vom Land leiden wesentlich seltener an Allergien und Asthma als Stadtkinder.


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Gent/Wien. Stallarbeit zählt wohl beim Urlaub am Bauernhof zu einer der Lieblingsbeschäftigungen von Kindern. Durch den Kuhstall stapfen, die Hühner füttern oder auf dem Rücken eines Ponys die Gegend erkunden. Dass dies nicht nur Spaß macht, sich also nicht nur positiv auf die Psyche, sondern auch auf die körperliche Gesundheit auswirkt, wurde schon lange vermutet. Nun haben Forscher nicht nur bestätigt, dass es nicht nur die Landluft ist, die wohltut, sondern vor allem die Bakterien und der Dreck Allergien und Asthma vorbeugen. Dafür verantwortlich ist das Enzym A20, das im Körper einen schützenden Effekt hat.

Versuche mit Mäusen hätten gezeigt, dass diese bei täglicher Aufnahme solcher Substanzen weniger stark auf allergieauslösende Faktoren reagieren und damit die Entzündungen auslösende Immunantwort gedämpft wird, berichtet das Forscherteam um Martijn Schuijs von der Universität Gent und Erika von Mutius von der Ludwig-Maximilians-Universität in München im Fachblatt "Science".

Vor allem der Staub aus dem Stall scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Dieser enthält nicht nur herkömmliche Staubpartikel wie Fasern, Hautschuppen, Spinnweben oder Steinkörnchen von der Straße, sondern Bakterien, Pilzsporen und andere Mikroorganismen, die einen bewirtschafteten Bauernhof, aber auch einen Haustierkäfig, besiedeln. Demnach leiden den Forschern zufolge nicht nur Bauernhofkinder, sondern auch jene mit Haustieren, seltener an Allergien und Asthma.

Zwei Wochen lang wurden Versuchsmäusen neben einer Kontrollgruppe täglich Endotoxine - von Bakterien freigesetzte Verbindungen, die vom Menschen über die Schleimhäute aufgenommen werden - in niedrigen Dosen verabreicht. Danach wurden die Tiere den häufig allergieauslösenden Staubmilben ausgesetzt. Während die unbehandelte Kontrollgruppe Allergien entwickelte, blieben die mit Endotoxinen behandelten Tiere symptomlos.

Die Wissenschafter überprüften ihre Forschungsergebnisse auch in Zellkulturen von menschlichem Lungengewebe. Dabei untersuchten sie, wie die Zellen gesunder Probanden und Asthma-Patienten auf Endotoxine reagieren. So bildeten sich bei den Gesunden nicht nur weniger der für Allergien typischen Entzündungsmoleküle, sondern zeigte sich auch eine größere Menge des Enzyms A20 in den Zellen.

Erika von Mutius nahm überdies das Erbgut von rund 1700 Kindern unter die Lupe und fand dort einen weiteren wichtigen Hinweis auf die schützende Rolle von A20. Nur eine kleinste Änderung in der DNA für dieses Enzym erhöhe das Allergierisiko ganz deutlich.

Kinder sollten schon in sehr frühen Jahren regelmäßig mit Stallbakterien in Berührung kommen, um den Allergieschutz auszubilden, raten die Wissenschafter. Dem Urlaub am Bauernhof kommt damit wohl eine größere Bedeutung zu als bisher vielleicht gedacht.

Der Immunologe Richard Blumberg von der Harvard University will nun auch untersucht sehen, ob der schützende Effekt von der Kindheit bis ins hohe Alter hinein auch anhält. Die Forschungsergebnisse stützen auch die immer wieder diskutierte Hygiene-Hypothese, wonach übertriebene Hygienemaßnahmen immunologische Erkrankungen forcieren würden.