Zum Hauptinhalt springen

Starreporter Woodward lehrt Bush das Fürchten

Von Laszlo Trankovits

Politik

Buch sorgt im Weißen Haus für Hektik. | US-Präsident bangt um seine Glaubwürdigkeit. | Washington. (dpa) Noch bevor das neue Buch des amerikanischen Starreporters Bob Woodward in den Buchläden auslag, rang das Weiße Haus hektisch um Schadensbegrenzung.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 19 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Nachdem die ersten Auszüge in den vergangenen Tagen das politische Washington elektrisiert hatten, wurde "State of Denial" (etwa: Im Zustand des Leugnens) vorzeitig ausgeliefert und am Samstag zig-tausendfach in den US-Buchhandlungen angeboten. Präsident George W. Bush ließ noch am selben Tag ein Papier mit der "Entlarvung der Mythen" Woodwards veröffentlichen. Die Nervosität im Weißen Haus ist aber offensichtlich - und verständlich: Denn Bushs schwindende Glaubwürdigkeit erhält fünf Wochen vor den US-Kongresswahlen einen neuen, schweren Schlag.

Schließlich hat Pulitzer-Preisträger Woodward nicht nur einen legendären Ruf - immerhin hatte er gemeinsam mit Carl Bernstein den Watergate-Skandal aufgedeckt. Woodward hat seit dem Amtsantritt Bushs auch schon zwei Bücher geschrieben, die dessen Politik kritisch, aber durchaus mit Verständnis analysierten. Nun aber zieht Woodward, der stets über erstklassige Quellen verfügt, eine für den Texaner äußerst düstere Bilanz der vergangenen Jahre.

Der zentrale Vorwurf lautet: Trotz der großen Skepsis von Militärs und Geheimdiensten zeichne Bush immer wieder - und wider besseres Wissen - ein rosiges Bild der Erfolge im Irak-Krieg und des "Krieges gegen den Terror". Es gebe "einen großen Unterschied zwischen dem, was das Weiße Haus und das Pentagon über die Lage im Irak wissen und dem, was sie öffentlich sagen", schreibt Woodward. Belegt mit zahlreichen Quellen aus dem US-Machtzentrum, vertieft er die Zweifel der Amerikaner an Bush - und klagt ihn an, Amerika wissentlich in die Irre zu führen.

"Keine Strategie"

Vor allem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dem Bush sogar den Folterskandal von Abu Ghraib nachsah, wird von Woodward massiv in Frage gestellt. Selbst der Kommandant der Irak-Invasion, General John Abizaid, habe demnach schon im Herbst 2005 gemeint, Rumsfeld besitze "keinerlei Glaubwürdigkeit mehr" für eine Siegesstrategie im Irak. Der Ex-Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, habe - gemeinsam mit First Lady Laura Bush - mehrfach versucht, Bush von einer Ablösung Rumsfelds zu überzeugen.

Woodward schreibt dem früheren Außenminister Henry Kissinger eine Schlüsselrolle bei der unbeirrten Irak-Politik Bushs zu. "Sieg über die Aufständischen ist die einzige mögliche "Exit-Strategie"", wird Kissinger zitiert. Die USA dürften nicht wie in Vietnam schwach werden. Die US-Regierung hat ihre Irak-Politik dem Buch zufolge von Anfang an mit Ignoranz verfolgt. Obwohl eine Studie des USZentralkommandos zu dem Ergebnis gekommen sei, dass mindestens 450.000 US-Soldaten im Irak gebraucht würden, sei weniger als ein Drittel der erforderlichen Truppen entsandt worden.

Früh schon hätten Irak-Experten wie Ex-General Jay Garner erkannt, dass es falsch sei, die Mitglieder der Baath-Partei aus allen Regierungsämtern zu jagen, das Militär aufzulösen und keine Übergangsregierung zu etablieren. Während Bush derzeit von "historischen Siegen" schwärme, warnten Militärgeheimdienste vor einem "weiteren Anwachsen der Gewalt" im Irak im kommenden Jahr, schreibt Woodward.

Bush-Sprecher Tony Snow meinte abfällig, das Buch sei "wie Zuckerwatte, es schmilzt, wenn man es berührt". Innerhalb der Regierung, der Militärs und der Geheimdienste gebe es immer wieder unterschiedliche Analysen. "Aber der Gedanke, der Präsident weise Ratschläge zurück oder ignoriere sie, ist einfach falsch".