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"Statistiken alleine sind noch nicht die Lösung"

Von Stefan Melichar

Reflexionen
Nationalbank-Chefstatistiker Schubert wechselt am 1. Juni als Statistik-Generaldirektor zur EZB. Foto: Pessenlehner

Künftig weniger weiße Flecken in der Datenerhebung. | Innovationen im Finanzsystem - die Statistiker wollen "Schritt halten". | "Wiener Zeitung": Sie treten am 1. Juni das Amt des Statistik-Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB) an. Was wird Ihre Kernaufgabe in Frankfurt sein? | Aurel Schubert: Die Hauptaufgabe der EZB ist, Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten. Wir müssen die Fakten für Entscheidungen liefern, wobei von uns, den Zentralbanken, die Daten über den Finanzsektor kommen, während die EU-Statistikbehörde Euro-stat die realwirtschaftlichen Informationen beisteuert.


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Gesammelt werden die Daten von den nationalen Zentralbanken. Die Aufgabe der EZB ist die Koordination sowie die Harmonisierung der Daten - damit diese vergleichbar sind - und vor allem die Berechnung von Statistiken für den gesamten Euroraum.

Die Tätigkeit der EZB geht mittlerweile deutlich über die reine Geldpolitik hinaus. Zuletzt wurde sogar damit begonnen, Staatsanleihen zu kaufen. Was bedeutet das für Sie als künftiger Chef-Statistiker?

Die Sicherung der Finanzmarktstabilität hat ungeheuer an Bedeutung gewonnen, daher muss auch statistisch mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden. Außerdem ist auf europäischer Ebene vorgesehen, dass ein Rat für Systemrisiken eingerichtet wird. Diesem Rat wird die EZB ebenfalls entsprechende statistische Daten zur Verfügung stellen.

Seit vielen Jahren erheben Notenbanken und andere Stellen zahllose Daten des Finanzsystems. Weshalb konnte die Finanzkrise nicht verhindert werden?

Es gab Aspekte, die aus einzelnen Statistiken herauslesbar waren - zum Beispiel die Leistungsbilanzungleichgewichte zwischen den USA und China oder das starke Kreditwachstum. Die EZB hat bereits sehr früh auf die Risiken hingewiesen. Es gab allerdings einen Bereich des Finanzsektors, über den weniger Informationen existierten. Gemeint sind Geschäfte, die aus den Bankbilanzen herausgenommen und in Zweckgesellschaften ausgelagert wurden.

Ist das Finanzsystem mit seinen ständigen Neuerungen zu schnell für die Statistik geworden?

Finanzinnovationen haben sich stark beschleunigt. Die Herausforderung ist, dass die Messung Schritt halten muss. Das heißt, dass auch die Statistiken entsprechend angepasst werden müssen.

Was bedeutet das konkret?

Es muss mehr schnelle Ad-hoc-Umfragen geben. Hier können wir innerhalb weniger Monate zu aussagekräftigen Ergebnissen kommen. Eine weitere Möglichkeit ist die rasche Erhebung von Mikro-Informationen, also etwa über das Engagement von Finanzinstitutionen in einzelnen Wertpapieren.

Das Beseitigen von weißen Flecken in der Datenerhebung hängt auch von der gesetzlichen Grundlage ab. Hat die Finanzkrise hier zu Änderungen geführt?

Die EZB kann jetzt bei Bedarf Daten von Finanzinstitutionen verlangen, die für Entscheidungen zur Sicherung der Finanzmarktstabilität nötig sind. Wichtig ist, dass die EZB nun auch Daten von Versicherungen und Pensionskassen sammeln kann. Auch Zweckgesellschaften von Finanzinstituten melden seit kurzem Daten an die Zentralbanken.

Als großer weißer Fleck gelten sogenannte Over-the-Counter-Geschäfte, also Finanzdeals, die abseits von geregelten Börsen stattfinden.

Es gibt Vorschläge, solche Geschäfte über zentrale Abwicklungsstellen durchzuführen. Jedes einzelne Geschäft ist unterschiedlich und damit kaum statistisch zu erfassen. Die zentrale Abwicklung könnte zur effizienten und effektiven Erhebung von Statistiken sehr viel beitragen.

Statistiken sind nur so gut wie das zugrunde liegende Zahlenmaterial. Griechenland hat Budgetdaten gefälscht, was wurde daraus gelernt?

Die gesetzliche Grundlage für die Datenerhebung durch Eurostat wird gegenwärtig angepasst und konkretisiert.

Daneben verstärkt Euro stat seine Möglichkeit, die Grunddaten - die Buchhaltung der einzelnen Regierungen - zu überprüfen.

Ist Griechenland eigentlich ein Einzelfall?

Ich sehe Griechenland als Einzelfall.

Gehen die Statistiker generell gestärkt aus der Finanzkrise hervor?

Die Krise hat bestätigt, dass Statistik sehr, sehr wichtig ist. Es geht um Fakten, die als Basis für die politischen Entscheidungen nicht wegzudenken sind.

Aber: Statistiken alleine sind noch nicht die Lösung. Wichtig ist, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, die richtigen Entscheidungen schnell zum richtigen Zeitpunkt zu treffen und entsprechende Maßnahmen rigoros umzusetzen.

Zur Person

Mit Aurel Schubert wechselt Anfang Juni einer der erfahrensten Notenbanker Österreichs in die Europäischen Zentralbank (EZB). Schubert wurde 1956 in Budapest geboren. Nach seiner Schulzeit und dem Studium der Handelswissenschaft in Wien absolvierte er in den USA ein Doktoratsstudium im Fachgebiet Volkswirtschaft. 1985 trat Schubert dann in die Dienste der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und ist ihr - in verschiedenen Funktionen - bis zuletzt treu geblieben. Seit 1997 war er Leiter der Hauptabteilung Statistik der OeNB.

Nun tritt Schubert den Posten des Generaldirektors für Statistik der EZB an. Er folgt damit dem Niederländer Steven Keuning nach.