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Buenos Aires - Wohlhabend war der Argentinier Julio nie, doch aus heutiger Sicht kommt ihm sein Leben vor vier Jahren wie ein Kinderspiel vor. Mit seinem Gehalt von 800 Pesos, was damals noch 850 Euro entsprach, und dem Gehalt seiner Frau als Altenpflegerin kam die sechsköpfige Familie einigermaßen über die Runden. In einer Vorstadt im Westen von Buenos Aires baute Julio ein kleines Häuschen, er hatte eine Kreditkarte, und einmal im Jahr war sogar ein kurzer Urlaub am Meer drin. Julio ist Sachbearbeiter in einer staatlichen Behörde, ein typischer Vertreter der unteren Mittelschicht.
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Heute fährt der 45-jährige Julio zwar noch jeden Tag zur Arbeit und hat noch ein Gehalt von 700 Pesos monatlich, was aber nur noch 210 Euro entspricht. Schon um den 20. des Monats kann er die tägliche Fahrt mit dem Pendlerzug ins Zentrum nicht mehr bezahlen. Er muss sich Geld bei Kollegen und Bekannten leihen, das er aber sowieso nicht zurückzahlen kann. Die Busfahrt für 80 Centavos (25 Cent) vom Bahnhof zum Büro spart er sich ganz und geht täglich viele Kilometer zu Fuß.
Kein Mittagessen
Mittags isst er nichts, die einzige Mahlzeit am Tag kocht seine Frau am Abend für die ganze Familie: jeden Tag die gleiche dünne Suppe mit Kartoffeln und Nudeleinlage. Steaks gehören der Vergangenheit an.
So sieht heute der Alltag von Millionen Menschen in Argentinien aus. Inzwischen lebt jeder zweite der 36 Millionen Argentinier unterhalb der Armutsgrenze, statistisch gesehen werden es jeden Tag 18.500 Menschen mehr.
Früher Wohlstandsinsel
Als arm gilt eine vierköpfige Familie, die im Monat weniger als 600 Pesos zur Verfügung hat. Noch vor wenigen Jahren waren das weniger als zehn Prozent der Bevölkerung. Argentinien war die Wohlstandsinsel Lateinamerikas.
Seit der Abkoppelung vom Dollar im Jänner hat der Peso mehr als siebzig Prozent seines Wertes verloren, die Gehälter der Argentinier sind aber nicht gestiegen, sondern wegen der Krise in vielen Fällen noch gesunken. Importierte Waren wie zum Beispiel viele Medikamente sind um das Dreieinhalbfache teurer und damit fast unbezahlbar geworden.
Und der abgewertete Peso lässt auch die Preise heimischer Produkte in die Höhe schnellen. Seit der Abwertung können argentinische Firmen ihre Erzeugnisse leichter ins Ausland exportieren als früher. Das internationale Preisniveau wirkt nun massiv auf den argentinischen Markt zurück. Kostete früher eine Flasche Speiseöl 1,30 Peso, so sind es heute über fünf Pesos. Auch der Brotpreis hat sich fast verdreifacht. Insgesamt sind die Grundnahrungsmittel seit Jänner um 35 Prozent teurer geworden.
Leben fast ohne Geld
Julios Frau hat schon vor zwei Jahren ihre Stelle verloren. Wegen der Krise mussten viele Altenheime schließen. Wie viele Argentinier hat Julio noch erhebliche Bankschulden von Krediten aus den konsumfreudigen Neunzigern unter der Regierung von Carlos Menem. Die monatlichen Zahlungen fressen sein Gehalt fast gänzlich auf. Die Familie lebt fast ohne Geld, und Julio schafft es kaum, für die tägliche Ernährung zu sorgen. Wochentags bekommen die Kinder zum Glück ein Mittagessen in der Schule. Doch jedes Wochenende bedeutet einen finanziellen Kraftakt.
Die Krise hat auch große Teile der oberen Mittelschicht in die Nähe des Abgrunds geführt. Eine gut gekleidete Dame in Buenos Aires, die fremde Leute an der Bushaltestelle um ein paar Centavos Fahrgeld bittet, ist nichts Besonderes mehr.
Verschämte Armut
Doch die neue Armut der bürgerlichen Schichten ist meistens eine verschämt im Verborgenen gelebte. Alles, was nicht absolut lebensnotwendig ist, wird eingespart: der Urlaub, die Tageszeitung, das Kabelfernsehen, die Kino- und Theaterbesuche oder der Kaffee zwischendurch. Entgegen dem internationalen Trend sind in Argentinien heute 340.000 Handys weniger in Betrieb als noch vor einem Jahr.
Und jeden Tag zur Mittagszeit bildet sich im Geschäftszentrum von Buenos Aires eine lange Schlange vor immer derselben Imbissbude. Hier gibt es einen Hot Dog plus Cola für einen Peso im Angebot. Bis vor kurzem hätte das ein argentinischer Angestellter als Demütigung empfunden.
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