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Steiermarks Wirtschaft leidet am internationalen Umfeld

Von Wolfgang Liu Kuhn

Politik
Der Autozulieferer Magna wird einen chineschen E-Autohersteller beliefern.
© Wolfgang Liu Kuhn

Vor der Landtagswahl am 24. November trübt sich die Konjunktur ein


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Schichtwechsel an den Toren des Werks von Magna in Graz: Der Strom an Menschen, die aus dem weitläufigen Gelände eilen, scheint nicht enden zu wollen. Es regnet, wie so häufig in den vergangenen Wochen - doch abgesehen davon deutet nichts darauf hin, dass dunkle Wolken am Horizont aufziehen könnten.

Inklusive der Leiharbeiter waren hier zuletzt 9000 Personen beschäftigt, und sie hatten einiges zu tun: Von Jänner bis September rollten 124.500 Fahrzeuge von den Fließbändern, um 15 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Nun steht jedoch bei dem austro-kanadischen Konzern ein massiver Jobabbau im Raum: 1800 Mitarbeiter sollen gestrichen werden, was alle Leiharbeiter betreffen würde. Magna-Europa-Chef Günther Apfalter will die Pläne derzeit nicht näher kommentieren: "Seit der Krise 2009 sind wir stetig gewachsen, im Prinzip um eineinhalb bis zwei Prozent. Wenn es sich jetzt abflacht oder stagniert, ist das für mich keine Krise, sondern die natürliche Evolution der Wirtschaft."

Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt haben an Dynamik verloren

Grund für die Zurückhaltung bei der Kommunikation ist die steirische Landtagswahl am 24. November. Bis dahin soll der Ball möglichst flach gehalten werden, um keine politischen Wellen zu schlagen. Denn auch so mehren sich die warnenden Rufe für die Steiermark, zuletzt von den beiden führenden Wirtschaftsforschungsinstituten des Landes. Lag das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr noch bei 2,4 Prozent, gelten für dieses Jahr (1,5 bis 1,7 Prozent) und 2020 (1,3 bis 1,4 Prozent) bereits deutlich vorsichtigere Prognosen. Auch das AMS wies darauf hin, dass der heimische Arbeitsmarkt seit dem Sommer an Dynamik verloren habe - und das Angebot an offenen Stellen schmelze. In den vergangenen Wochen haben sich die schlechten Nachrichten zudem gehäuft: So kündigte beispielsweise der Kompressorenhersteller Secop an, die Produktion aus dem oststeirischen Fürstenfeld abzuziehen und 250 Jobs zu streichen. Probleme in der Stahlindustrie führten auch zu Problemen beim Feuerfestkonzern RHI Magnesita in Trieben, wo 40 Mitarbeiter zur Kündigung angemeldet wurden.

Aus der Wirtschaft kommen warnende Rufe an die wahlwerbenden Parteien.
© Wolfgang Liu Kuhn

Globale Turbulenzen treffen die Grüne Mark besonders

Mit den jüngsten wirtschaftlichen Turbulenzen hat die Vorverlegung der Landtagswahlen freilich nichts zu tun - diese wurde von der FPÖ im Zuge der Debatte um das Leitspital gefordert. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) meinte, das Momentum auf seiner Seite zu haben, und stimmte dem Antrag zu. Er begründete den Schritt unter anderem damit, das Land in wirtschaftlich unsicheren Zeiten regierbar halten zu wollen.

Aus der Wirtschaft kommen warnende Rufe. Der Präsident der steirischen Industriellenvereinigung Georg Knill sieht die Politik auf allen Ebenen gefordert: "Auf die politischen Vertreter warten von Europa bis in die Steiermark eine Fülle von Herausforderungen. Die kommenden Monate werden von internationalen Entwicklungen geprägt sein, die wir als Industrie nicht mitbestimmen können, aber deutlich zu spüren bekommen werden."

Sorgen bereiten in dieser Hinsicht die bisherigen Kraftfelder der steirischen Wirtschaft: die Automobil- und Anlagenbau-Industrie im Zentralraum Graz sowie die stahlverarbeitenden Unternehmen in der Obersteiermark. Sie bilden das Rückgrat der heimischen Wirtschaft, welche die Hälfte ihrer Wertschöpfung im Export erwirtschaftet. Die intensive, globale Vernetzung führt jedoch dazu, dass Turbulenzen direkte Auswirkungen auf die Steiermark haben.

Jeder zweite Arbeitsplatz hängt am Export

Und internationale Schwierigkeiten gibt es derzeit einige: Der Brexit, die Klimakrise, die einsetzende Rezession in Deutschland, die US-Handelskriege wie auch die angespannte Lage in Italien haben unmittelbaren Einfluss auf die Steiermark. Zuletzt zeigte das Überschwappen der US-Immobilienkrise 2009, dass Industrie-Bundesländer wie Oberösterreich, Niederösterreich und die Steiermark auf Konjunkturausschläge besonders empfindlich reagieren.

Krisenauswirkungen schlagen sich direkt auf die Bevölkerung nieder: Zum einen hängt jeder zweite steirische Arbeitsplatz direkt oder indirekt von der Exportwirtschaft ab, zum anderen wird auch jeder zweite Euro des steirischen Regionalproduktes aus Exporterlösen erwirtschaftet. Die Konsequenzen waren 2009 drastisch: Während die Exporte um 28 Prozent einbrachen, ging der Produktionswert der steirischen Wirtschaft um 23 Prozent zurück. Zehn Jahre später ist die Ausgangssituation insofern anders, als es keine konjunkturelle Überhitzung gibt - und auch in den Firmenzentralen gibt man sich demonstrativ gelassen.

Doch nach Jahren der positiven Wachstumszahlen tut man sich bei der Voestalpine noch etwas schwer mit dem Überbringen schlechter Nachrichten: "Die Zahlen waren schon prickelnder", kommentierte Voest-Vorstandsmitglied Franz Kainersdorfer die jüngsten Betriebsergebnisse. So musste der Linzer Stahlkonzern im ersten Halbjahr einen massiven Netto-Gewinneinbruch von 64 Prozent hinnehmen. Probleme gibt es vor allem im Bereich Automotive, der zuletzt rund ein Drittel zum Umsatz und auch zum Ertrag des Konzerns beisteuerte. Das hat Auswirkungen auf die Steiermark, wo man Maßnahmen wie Kurzarbeit nicht ausschließen will. Bis Ende 2019 sei man "ordentlich ausgelastet", was danach komme, sei schwer abzuschätzen, da noch Verhandlungen geführt werden, so Kainersdorfer. Die Strategie sei generell der Weg vom Komponentenhersteller zum Gesamtsystemanbieter, und das werde nun auf den Bahn- und den Schweißbereich umgelegt. Zudem sei das neue Edelstahlwerk in Kapfenberg gesichert.

Vor dem Werksgelände in Leoben hat einstweilen Michael Schickhofer, der Spitzenkandidat der steirischen Sozialdemokraten, seine Wahlplakate affichieren lassen. "Schichtwechsel" steht dort als Slogan, auch wenn derzeit wenig auf einen Landeshauptmannwechsel hinweist. Doch Schickhofer muss laufen in der einstigen Arbeiterhochburg: Bei der letzten Nationalratswahl konnte die ÖVP dort 33 Prozent holen, während die SPÖ auf 29 Prozent abstürzte. Ob die wirtschaftliche Stimmungslage der Partei nun in die Hände spielt, scheint fraglich. Eher steht mit Donald Trump ein unsichtbarer Zaungast am Rande, der mit seiner Zoll- und "America First"-Politik für zusätzliche Probleme an der Mur-Mürz-Furche gesorgt hat. So haben die USA im März 2018 den Zollsatz auf Stahl um 25 Prozent angehoben. Noch viel mehr leidet Deutschland unter dem Handelskrieg, und das ist für die Steiermark aufgrund der geografischen Struktur der Exporte ein besonderes Problem: Im Vorjahr gingen 28 Prozent der Ausfuhren nach Deutschland, 9 Prozent in die USA, gefolgt von Italien (6,5 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (4,9 Prozent). Somit haben gleich drei der vier wichtigsten Handelspartner der Steiermark mit mehr oder weniger signifikanten, wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen.

Fachkräftemangelverschärft die Situation

Zusätzlich gibt es mit dem Fachkräftemangel einen dämpfenden, internen Faktor, der die Konjunktur seit Jahren bremst. Industrie und Gewerbe haben große Probleme, geeignete Bewerber für offene Stellen zu finden. Eine Wachstumsbremse, die einerseits das Abschwungmomentum verstärkt, andererseits die Jobchancen für Niedrigqualifizierte verringert.

Ein Beispiel dafür ist Niceshops, das sich als "steirisches Amazon" längst überregional einen Namen gemacht hat. Der südoststeirische Onlinehändler aus Saaz (bei Feldbach) liefert in regelmäßigen Abständen beeindruckende Zahlen: Rund 7000 Pakete werden täglich versendet, im Lager liegen mehr als eine Million verfügbare Artikel und weltweit verzeichnet man mittlerweile mehr als zwei Millionen Kunden. Geschäftsführer Roland Fink will daher ausbauen: "Da haben wir nicht mit Arbeitsplätzeabbau zu kämpfen. Die Frage ist eher für uns: Wie finden wir die Leute, die wir brauchen?" Er ist nicht der Einzige, der nach qualifizierten Mitarbeitern sucht: In der Sparte Beherbergung und Gastronomie waren mit Stand Oktober 1001 offene Stellen beim AMS gemeldet.

Über die Parteigrenzen hinweg ist es daher unumstritten, dass die Steiermark vor allem auf ihr Humankapital setzen muss, nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Rohstoffvorkommen. Wahlversprechen wie die Unterstützung der Start-up-Szene sowie Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel finden sich daher in fast allen Programmen. Als potenzielle Zukunftsthemen werden zudem häufig die Bereiche Greentech sowie Cybersecurity genannt.

Defizite bei Bahninfrastruktur, gut aufgestellt bei F&E

Der seit Jahren angekündigte Ausbau der Breitband-Infrastruktur kommt hingegen eher schleppend in die Gänge. Das gilt auch für die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur, die ebenfalls als Problemkind des Landes gilt: "Da liegt so viel im Argen, da gibt es so viel Potenzial, das gehoben werden könnte", sagt etwa Arbeiterkammerpräsident Josef Pesserl in seltener Einigkeit mit den Arbeitgebern. Denn auch die fordern etwa den Ausbau der S-Bahn bis Maribor oder eine dreispurige Autobahn Richtung Staatsgrenze im Süden sowie den Bahnausbau über die Phyrnstrecke, also eine zweite Bosruck-Tunnelröhre Richtung Norden für den Güterverkehr. Franz Kainersdorfer von der Voest warnt beispielsweise, dass die Steiermark geografisch im Eck liege: "Ohne Bahn werden wir nicht wettbewerbsfähig bleiben." Es fehle eine leistungsstarke Anbindung an die Häfen in Rotterdam, Hamburg und Antwerpen.

Gut aufgestellt ist das Bundesland hingegen im Bereich Forschung und Entwicklung - die F&E-Quote ist mit 4,91 Prozent bundesweit an der Spitze. Zudem sind von den österreichweit 42 Comet-Kompetenzzentren 25 in der Steiermark angesiedelt. Sie dienen als "Brutstationen" für erfolgreiche Forschungskooperationen, durch die in weiterer Folge der Technologietransfer und die Innovationsfähigkeit gestärkt werden sollen. Für den Platz unter den Top-3 der Forschungsregionen Europas gibt es auch Applaus von IV-Präsident Knill: "Die intensive F&E-Tätigkeit der Industrie und der wissenschaftlichen Einrichtungen sehen wir als Rückgrat der Steiermark und als wesentlichen Standortfaktor."