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Steigende Gefahr durch Risiken und Nebenwirkungen

Von Petra Tempfer

Politik
MO und MI stehen nicht für Montag und Mittwoch. Sondern für morgens und mittags. Patienten missverstehen das mitunter.
© Fotolia/SG- design

Die Zahl der Arzneimittel steigt - und damit auch jene der Wechselwirkungen. E-Medikation könnte Abhilfe schaffen.


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Wien. Auf der Packung Tabletten stand Mo und Mi. Das bezog sich auf die Einnahme, wusste der Patient. Er nahm also jeden Montag und jeden Mittwoch je eine Tablette. Als die Krankheitssymptome jedoch nicht nachließen, sich sein Zustand sogar verschlechterte, ging er zur Apotheke. "Er hätte die Tabletten jeden Tag morgens und mittags nehmen müssen", sagte Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich des internationalen Tages der Patientensicherheit am 17. September. Der heurige Fokus liegt auf dem richtigen Arzneimittel-Management.

Warum dieses Thema so wichtig sei, verdeutlichten Zahlen aus dem Spitalsbereich, ergänzte Gerald Bachinger, Sprecher der Arge-Patientenanwälte: Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge resultiert jede zehnte Spitals-Aufnahme aus einer falschen Medikamenteneinnahme. Insgesamt wird zehn Milliarden Mal pro Jahr in Österreich eine Tablette geschluckt, eine Salbe aufgetragen oder eine Infusion verabreicht.

Die Zahl der Medikamente steigt. 13.204 Humanarzneispezialitäten - so der Fachausdruck für Arzneimittel - sind bereits zugelassen. 5585 davon rezeptfrei, das sind 42 Prozent. Jede einzelne Tablette muss auf eine bestimmte Art und Weise eingenommen werden. Die eine darf man nicht brechen, die andere muss man auflösen. "Für einen Arzt ist es ganz schwierig, sicherzugehen, dass ein Patient mit dem Wissen über die richtige Dosierung hinausgeht", meinte Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger.

"Ab fünf weiß keiner mehr,wie diese interagieren"

"Ab fünf weiß keiner mehr, wie diese interagieren", sagte dazu Bachinger, der sich übrigens selbst ein wenig überrascht gab, einmal ganz einer Meinung mit Ministerium, Ärzten, Apothekern und Krankenpflegern zu sein. Diese Berufsgruppen hatten sich bereits 2008 zur Plattform Patientensicherheit formiert und waren am Mittwoch vollständig vertreten.

Gemeinsam machten sie sich für die E-Medikation zur Vermeidung von Doppeleinnahmen und Wechselwirkungen stark. Dabei werden vom Arzt verordnete und rezeptfrei erhältliche Medikamente elektronisch erfasst und auf der E-Card gespeichert. Ende Mai hat in Deutschlandsberg der Probebetrieb gestartet. Für das erste Quartal 2018 sei die österreichweite Ausrollung geplant, sagte Pamela Rendi-Wagner, Sektionsleiterin im Gesundheitsministerium.

Das Pilotprojekt zur E-Medikation, das eine der Kernanwendungen der Elektronischen Gesundheitsakte (Elga) ist, laufe gut, so Rendi-Wagner. Der Rechnungshof hatte im Vorfeld beanstandet, dass die Gesamtkosten mit rund 3,9 Millionen Euro um etwa 24 Prozent über dem ursprünglichen Budget lagen. Das Pilotprojekt finde unter schwierigen Rahmenbedingungen statt, hatte es dazu vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger geheißen. Man musste die standespolitischen Wünsche berücksichtigen, außerdem gab es einen Boykott durch die Ärztekammer mitten im Projekt.

Die Ärztekammer hatte anfangs massiv kritisiert, dass der Hauptverband die Vergabe der Software dafür nicht ausgeschrieben hatte und vom Bundesvergabeamt deswegen zu einer Geldbuße verdonnert worden war. Die Ärztekammer stieg jedoch wieder in das Projekt ein, nur der Hausärzteverband ist bis heute ein überzeugter Elga-Gegner. Die medizinischen Aufzeichnungen der niedergelassenen Ärzte würden auch in Zukunft nicht in Elga aufgenommen, ebenso wenig wie Röntgenbilder, kritisierte er zuletzt. Dafür zerstöre man eine bestehende Infrastruktur. Das investierte Geld fehle dem Gesundheitssystem.

Kostendämpfung abdem Jahr 2017 erwartet

Rund 130 Millionen Euro werden Bund, Länder und Sozialversicherung von 2010 bis 2017 in das System gesteckt haben. Die Kosten pro Jahr werden ab 2018 rund 18 Millionen Euro betragen, so die Schätzungen. Gleichzeitig erwartet man sich ab 2017 eine Kostendämpfung von 129 Millionen Euro pro Jahr - und zwar durch die Vermeidung von Mehrfachmedikation und Doppelbefunden.

Besonders gefährlich könnten in diesem Zusammenhang gefälschte Medikamente aus dem Internet sein, warnte Apothekerkammerpräsident Wellan. 95 Prozent der illegal in Online-Shops vertriebenen Medikamente seien gefälscht. Wellan erinnerte sich an einen Bodybuilder, der einmal ganz aufgedunsen in die Apotheke kam. Nebenwirkungen eines online gekauften Medikamentes waren daran schuld. Warum er dieses gekauft habe, habe Wellan gefragt. "Weil die Homepage so schön war", sei die Antwort gewesen.

Die Plattform Patientensicherheit betonte noch einmal, wie wichtig es sei, "die Patienten ins Boot zu holen". Es brauche einen aktiven, informierten Patienten, der am besten selbst eine handschriftliche Medikamentenliste führe. "Denn Patienten und Ärzte sind Partner", so der Tenor.

Informationen zum Tag der Patientensicherheit unter www.tagderpatientensicherheit.at