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Steinriesen im Wackelgang

Von Edwin Baumgartner

Wissen
Die Moais der Osterinsel geben nach wie vor Rätsel auf: Wie sie bewegt wurden, will Carl Lipo herausgefunden haben.
© Rivi/wikipedia

Mit rund 100 Metern pro Stunde schwankten die Moais voran.


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Rapa Nui. Es waren also doch nicht die Ufonauten, aber das war ja wohl allen, außer Erich von Däniken und seinen Anhängern, klar. Nur: Auf welche Weise die Moais, die riesigen Statuen von Rapa Nui, wie die Osterinsel im Südostpazifik korrekt genannt wird, wirklich vom Steinbruch zu ihren Aufstellungsorten gelangten, konnte niemand mit Sicherheit sagen. Eine der Theorien lautet gar, der Transport auf einer Kombination von hölzernen Schlitten und Rollen sei daran schuld, dass es auf Rapa Nui heute keine großen Gewächse mehr gäbe: Die Bewohner hätten für die Herstellung der Transportmöglichkeiten den Wald abgeholzt, bis kein Baum und kein baumähnliches Gewächs mehr stand. Als sie die Statuen nicht mehr transportieren konnten, ließen sie sie, teilweise nahe der Fertigstellung, im Steinbruch liegen.

Der Archäologe Carl Lipo von der California State University in Long Beach hat indessen eine andere Theorie. Er meint, die Statuen seien aufrecht zu ihren Aufstellungsorten geschritten. Und er hat mit einigen Helfern seine Überlegung in der Praxis an einem drei Meter hohen und 4,4 Tonnen schweren Modell getestet - erfolgreich, wohlgemerkt.

So soll es Lipo zufolge vonstatten gegangen sein: Der liegende Moai wird in Höhe seiner Augen mit drei Seilen umwunden, deren Enden seitlich und am Rücken der Gestalt zu hängen kommen. Mithilfe dieser Seile wird die Statue aufgerichtet. Drei Gruppen von Helfern greifen sich sodann die Seile links und rechts sowie das hinter der Figur. Nun bringen die beiden seitlichen Gruppen durch abwechselndes Ziehen an den Seilen den Moai zum Schwingen. Die Gruppe hinter dem Steinriesen achtet darauf, dass dieser stets etwas vorgeneigt steht.

Sobald die Gruppen den richtigen Rhythmus gefunden haben, setzt sich der Moai nach links und rechts schwankend in Bewegung. Wer einmal einen Kühlschrank durch das Kippen von einer Kante auf die andere in eine Küche bewegt hat, kann das Prinzip erahnen. Der Moai schreitet nun in erstaunlich zügigem Wackelgang, der eine Strecke von 100 Metern in etwas weniger als einer Stunde ermöglicht, über die Insel. Gelenkt werden kann der Moai durch das Seil am Rücken.

Auf die Idee, dass der Transport so vonstatten gegangen ist, kam Lipo durch zwei Beobachtungen: Einerseits fand er unfertige Moais in aufrechter Position. Andererseits stieß er auf liegende zerbrochene Moais in ansteigendem und auch absteigendem Gelände. Steigt das Gelände in Blickrichtung der Moais an, liegen die gestürzten Figuren auf dem Rücken, fällt es ab, liegen sie auf dem Bauch. Das sind, so Lipo, genau jene Positionen, die man erwarten würde, wenn die Steinriesen während ihres Wackelgangs über steiles Gelände aus der Balance geraten. Die Positionen wären Lipo zufolge aber unlogisch, wenn man einen liegenden Transport auf Rollen oder einer Art Schlittenkonstruktion annimmt.

Doch nicht alle Wissenschafter zeigen sich beeindruckt. Jo Anne Van Tilburg, Direktorin des "Easter Island Statue Project" an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, sagt gar, was Lipo vorgeführt habe, sei ein Kunststück gewesen, nicht jedoch ein wissenschaftliches Experiment. Die Statue, die das Lipo-Team in Bewegung gesetzt habe, sei nämlich keine genaue Kopie eines existierenden Moai gewesen. Sie wirft Lipo vor, die Steinfiguren aus dem archäologischen Kontext gelöst zu haben, und immer, wenn etwas Derartiges geschieht, "betritt man Bereiche von Fantasie und Spekulation", meint Van Tilburg, die in einem eigenen Experiment erfolgreich bewiesen hat, dass man die Figuren liegend auf einem Holzgestell bewegen kann, das auf hölzernen Rollen läuft.

Dem hält Lipo entgegen, dass auch die Form der Moais für einen aufrechten Transport spräche: So sei ihr Schwerpunkt leicht nach vorne verschoben, was dem Wackelgang ebenso zugute kommt wie die breite Basis der Figuren. Womit der Expertenstreit, wie die Moais wirklich zu ihren Standplätzen gelangten, prolongiert sein dürfte.

Unentzifferbare Schrift

Kopfzerbrechen bereitet den Wissenschaftern auch nach wie vor die Schrift von Rapa Nui, Rongorongo. Dem deutschen Ethnologen Thomas Barthel gelang es zwar, die rund 14.000 Zeichen der Schrift zu katalogisieren und die Annahme zu stützen, dass es sich um eine Ideogramm-Schrift handelt, in der jedes Zeichen für einen Begriff steht. Seit Barthels Tod im Jahr 1997 tritt die Forschung jedoch auf der Stelle. Selbst jüngere computergestützte Entzifferungsversuche sind bisher fehlgeschlagen. Nur im Einzelfall des sogenannten Santiago-Stabs ist es dank der Erkenntnisse des amerikanischen Ethnologen Steven R. Fischer möglich, den Inhalt als Schöpfungsmythos zu deuten. Von einer konkreten Lesbarkeit kann jedoch vorerst keine Rede sein.