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Stenzel im Bezirk gar nicht so beliebt

Von Francesco Campagner

Analysen

Die Bezirksvorsteherin der Innenstadt punktete vor allem mit Medienpräsenz, nicht aber mit Bürgernähe.


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Die Überraschung ist Ursula Stenzel und Heinz-Christian Strache gelungen. Mit dem Wechsel der Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt von der ÖVP zur Liste der FPÖ hat man sich die Schlagzeilen gesichert. Doch abseits des Medientrubels zeigt sich ein etwas anderes Bild.

Die politische Landschaft im Herzen Wiens ist schon seit geraumer Zeit in stetiger Änderung begriffen. Vorbei sind die Zeiten, als der legendäre Heinrich Anton Heinz weit über 60 Prozent für die ÖVP sichern konnte. Mit Franz Grundwalt war 2001 der historische Tiefstand erreicht. 33,1 Prozent waren es, ehe die Reißleine gezogen wurde und die ÖVP mit Stenzel die Kandidatin fand, mit der sich die Kernwählerschaft identifizieren konnte.

Stenzel hatte es allerdings leicht. Für die FPÖ war die Innere Stadt immer eine Problemzone, die Ergebnisse im Bezirk waren deutlich schlechter als in den Arbeiterbezirken. Es fehlte das geeignete Personal, um die sich stetig ändernde Wählerschicht anzusprechen. Denn im Bezirk wohnen schon längst nicht mehr nur "Hofrats-Witwen", sondern ein durchaus gemischtes Wahlvolk. Während sich die SPÖ seit jeher mit der Rolle der 20-Prozent-Partei zufriedengab, waren es die Grünen, die immer stärker die VP-Wählerschicht anknabberten.

Der Schaulauf war für Stenzel 2010 vorbei. Da musste auch sie die Realität zur Kenntnis nehmen, dass nicht die Medien zur Wahlurne schreiten, sondern die Bürger. Die ÖVP hatte sich mit nur mehr 38 Prozent der Stimmen zu begnügen. Schlimmer als der Verlust von zwei Mandaten und 5,4 Prozentpunkten war der Umstand, dass sich im Bezirk eine neue Bürgerliste etablieren konnte, die voll aus der Kernwählerschaft der ÖVP fischte.

Die Probleme des Bezirks sind bis heute nicht geringer geworden. Die Bewohner leiden unter Lärm, speziell in den Nachtstunden gleicht die Innenstadt einer Partymeile. Die Ausrichtung der City als Tourismuszone, die hohen Wohnungs- und Mietpreise und der Verlust der alteingesessenen Nahversorger haben zusätzlich den subjektiven Lebensstandard verschlechtert. Und auch die Kleinunternehmer, die in den vielen Gassen und Plätzen der City zu Hause sind, fühlen sich von Stenzel nicht wahrgenommen. Viele Baustellen haben sie vom Kundenstrom abgeschnitten. Für all diese Probleme wusste Stenzel keinen Rat oder war schlicht nicht präsent. Die ÖVP haben die meisten dann bei der letzten Wahl doch noch gewählt. Nicht wegen, sondern trotz Stenzel.