Stephanie Krisper: Die Hartnäckige

Von Daniel Bischof

Politik
© Herbert Neubauer

Die Nationalratsabgeordnete Stephanie Krisper (Neos) zählt derzeit zu den auffälligsten Parlamentariern. Ein Porträt.


Der Aufdecker. Jahrzehntelang hatte man diesen Titel in der österreichischen Innenpolitik mit Peter Pilz verbunden. Stolz hatte ihn Pilz vor sich hergetragen, mitunter auch mit dem hübschen Zusatz "der Nation" geschmückt.

Doch die Zeitwende scheint gekommen: Zuletzt erschien kaum ein Artikel, kaum eine Presseaussendung ihrer Partei, in der Neos-Politikerin Stephanie Krisper nicht als die Aufdeckerin tituliert wurde. Die Nationalratsabgeordnete fiel 2018 bereits durch ihre Arbeit beim BVT-Untersuchungsausschuss auf. Nun geriet sie erneut in die Schlagzeilen - vor allem durch die Affäre um ihr Handy, welches das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung beschlagnahmen lassen wollte. Öffentlichkeitswirksam pochte sie zudem auf einen U-Ausschuss in der Causa Casinos.

In einem Café in der Wiener Innenstadt sitzend, wischt Krisper all die Aufmerksamkeit beiseite. Die bekomme sie ja gar nicht so richtig mit, sagt sie, und überhaupt finde ihr enges Umfeld den Trubel um sie sehr amüsant: "Weil eigentlich liegt mir das gar nicht so und mir ist es auch gar nicht so wichtig", meint Krisper. Dass sie nun so in der Öffentlichkeit steht, liege auch weniger an ihrer Person, sondern an den Themen, für die sie bei den Neos zuständig sei, sagt Krisper. Sie sei da einfach sehr bemüht, viel aufzuklären.

"Dranbleiben ist wichtig"

Die großen politischen Ansagen und das selbstbewusste Poltern sind Krispers Sache nicht. Vielmehr sieht sich die Abgeordnete als genaue, sachliche Arbeiterin, die vor allem eines antreibt: Hartnäckigkeit.

Wird eine parlamentarische Anfrage aus ihrer Sicht unzureichend beantwortet, so stellt Krisper eine Folgeanfrage. Und wird diese Folgeanfrage nicht ausreichend beantwortet, dann folgt eben eine Folgefolgeanfrage. "Oft lässt sich zwar nur die erste Anfrage medial verwerten. Aber das Dranbleiben ist ein wichtiger Punkt. Dadurch lässt sich was erreichen", sagt Krisper. Das könne für die eigenen Mitarbeiter herausfordernd sein, aber letztlich müssten auch sie diese Hartnäckigkeit mittragen, sagt sie.

Als Erfolg verbucht Krisper etwa die Rückversetzung des Ex-Direktors des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), Gert-Rene Polli, nach Wien. Polli, der die FPÖ bei den Koalitionsverhandlungen beraten hatte, war von Ex-Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) als Asylbeauftragter, eine Art Verbindungsbeamter, nach Spanien entsandt worden. Die Anforderungen für diese Funktion erfüllte er nicht, zudem war der Posten des Verbindungsbeamten in Madrid 2015 abgeschafft worden.

Im September zog Innenminister Wolfgang Peschorn Polli aus Spanien ab. Krisper führt das auch auf ihre parlamentarischen Anfragen zurück. Drei habe sie in der Causa gestellt: "Und nach der dritten war er nicht mehr in Spanien, sondern in Wien."

Krisper wuchs in Hietzing in einer bürgerlichen Familie auf. "Ich habe keinen bunten Hintergrund", sagt sie. Ihre Eltern - ihr Vater war Chirurg, die Mutter Pharmazeutin - schickten sie auf eine private Klosterschule. Nach der Matura studierte sie Jus. Sie habe immer ein gewisser Gerechtigkeitssinn angetrieben, eine Zeit lang habe sie überlegt, Richterin zu werden, sagt Krisper. Im Studium stieß sie aber auf ihr Leibthema: die Menschenrechte. "Es ist mir ein Bedürfnis, dass jeder gleiche Chancen und Startbedingungen hat", sagt sie.

Als Rechtsberaterin arbeitete Krisper für NGOs und internationale Organisationen. Beruflich verschlug es sie oft ins Ausland. Nicht immer zu ihrer Freude, die Arbeit beim UN-Menschenrechtsrat in Genf war ihr zu abgehoben: "Da bin ich von Saal zu Saal gelaufen, um mit Botschaftern über irgendwelche Texte zu verhandeln. Da habe ich mich gefragt: Was bringt das den Menschen?"

Von Einzug überrascht

Krisper zog wieder nach Wien, wo sie unter anderem für die Volksanwaltschaft und das Ludwig-Boltzmann-Institut arbeitete. Sie gründete eine Familie, bekam drei Kinder und engagierte sich ehrenamtlich bei den Neos: "Die hatten immer ein offenes Ohr für Menschenrechtsthemen."

Angesichts ihres Jobs und der Familie habe sie keine Zeit gehabt, mit Parteifreunden "auf tausend Bier zu gehen" und ständig zu netzwerken. Dennoch landete sie bei der Nationalratswahl 2017 auf einem vorderen Platz auf der Wiener Liste. Das habe sie sehr überrascht, so Krisper. Knapp, aber doch, gelang der Einzug.

Das Einleben in den parlamentarischen Betrieb sei dann "entsetzlich" gewesen. Als Neuling habe sie "keine Ahnung gehabt, wie das politische Geschäft und die Medien funktionieren". Zugleich war Krisper für zig Themen - von Außenpolitik über Sicherheit bis zur Integration - zuständig. Da habe sie sich erst einarbeiten müssen, sagt sie.

Im Februar 2018 wurde eine - später für rechtswidrig erklärte - Hausdurchsuchung beim BVT durchgeführt. Ein U-Ausschuss wurde eingesetzt, Krisper vertrat die Neos. Pilz zog dort das Rampenlicht auf sich, Krisper fiel mit ihrer guten Vorbereitung und ihrem professionellen Auftreten auf. Sie könne politisch nicht wie andere Abgeordnete auf den Tisch hauen, sagt Krisper, und das sei wohl eine ihrer Schwächen. Mit Pilz will sie aber auch nicht verglichen werden. Denn Pilz habe seine Arbeit doch eher nach der "medialen Verwertbarkeit" und nicht wie sie nach den Inhalten ausgerichtet, meint Krisper: "Das, glaube ich, ist der Unterschied zwischen uns."

Für die nächste Legislaturperiode wünscht sich Krisper etwas mehr Zeit und Ruhe. Vielleicht gelinge das ja sogar, immerhin haben die Neos nun mehr Parlamentarier, die Themen sind breiter verteilt, so Krisper. Denn die letzten zwei Jahre seien wirklich viel gewesen: "Aber es ging irgendwie. Es gab halt nur die Arbeit und die Familie", sagt sie. Teilweise ließen sich die beiden Bereiche auch verbinden.

Bahnfahren mit VdB

So etwa beim diesjährigen Forum Alpbach, zu dem Krisper mit ihrem ältesten, neunjährigen Sohn anreiste. "Es war Wochenende und mein Sohn hatte am Montag Geburtstag und wollte in Wien feiern. Ich musste aber bis Dienstag in Alpbach bleiben. Am Sonntag hätte er mit einem Neos-Mitarbeiter mit nach Wien zurückfahren sollen." Das funktionierte aufgrund eines Missverständnisses nicht, dringend wurde daher eine andere Mitfahrgelegenheit gesucht - und gefunden: Krisper junior wurde Bundespräsident Alexander Van der Bellen überreicht, mit der Bahn ging es mit dem Staatsoberhaupt zurück nach Wien. Ihrem Sohn habe das "wahnsinnig gut gefallen".