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Stiefkind des Booms in der Türkei

Von Herbert Hutar

Wirtschaft

Nordzypern leidet viel stärker unter der Krise als seine Schutzmacht Türkei. | Der Unmut der Bevölkerung über Ankaras Politik wächst.


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Famagusta/Wien. "Wie war der Flug?" Am Flughafen Ercan in Nordzypern wird diese Höflichkeitsfloskel zur Klage über die Zustände im Land: "Fünf Stunden in der Nacht in Istanbul auf den Anschluss warten, und dann noch eine Stunde Verspätung", so die verdrossene Antwort. "Das machen die absichtlich", giftet der junge Unternehmer Hassan, der Verwandte aus Deutschland abholt - und er meint damit "die in Ankara, die sich um uns nicht kümmern". Ein Zwischenstopp in der Türkei muss sein, wenn man aus dem Ausland einreist. Und zwar wegen der internationalen Isolation, die Nordzypern auf Gedeih und Verderb an die Türkei kettet. Das schafft böses Blut: Fast zwei Drittel der rund 300.000 Menschen in Nordzypern sind laut Umfragen mit der AKP-Regierung in Ankara unzufrieden.

Ankara finanziert direkt etwa ein Drittel des Budgets von Nordzypern, das sind rund 450 Millionen Dollar pro Jahr. Dazu kommen billige Kredite. Trotzdem rutschte das Budget 2009 krisenbedingt ins Minus. Jetzt zieht die Regierung in Lefkosa die Steuerschraube an. Nach einer Schätzung der Eastern Mediterranean University in Famagusta werden sage und schreibe zwei Drittel der wirtschaftlichen Aktivitäten nicht versteuert. Der Finanzminister will jetzt der Steuerhinterziehung einen Riegel vorschieben. Steuern für die Besserverdienenden werden erhöht, und mit einer Swimmingpool-Steuer sollen reiche Ausländer zur Kasse gebeten werden. Der Protest gegen die neuen Steuerpläne richtet sich nicht nur gegen die Regierung in Lefkosa, sondern auch gegen Ankara.

Die Nordzyprioten fühlen sich als türkische Zyprer und nicht als Türken. Hassan verteilt seinen Unmut über die Benachteiligung seines Landes gleichmäßig auf die Griechen im Süden der geteilten Insel und auf die Türkei. Keine Spur von Dankbarkeit, dass türkische Truppen 1974 ihn und seine Eltern durch die Invasion vor griechischer Unterdrückung bewahrt hätten, wie die offizielle türkische Lesart lautet.

Sperrgebiet statt Bikini-Zone

Hassan sieht die mehr als 30.000 türkischen Soldaten in seinem Land kritisch: "Die haben mit ihren Sperrzonen die schönsten Plätze an der Küste für sich behalten und behindern den Tourismus", schimpft er. "Wofür sind die da? Keiner schießt mehr."

Hassan zeigt auf Varosha: eine Geisterstadt am Strand von Famagusta, früher eine Touristenhochburg, 1974 von der türkischen Armee besetzt. Graue Hochhausruinen ragen in den blauen Himmel mit leeren Hotelzimmern und Wohnungen. Nur das Militär und die UN haben Zutritt. Fotografieren ist strengstens verboten. "Lächerlich", sagt Hassan, "vom Süden kommen sie mit Motorbooten und Paragleitern daher und filmen von oben." Die Ursache dieser Absurdität: Die Grundstücke gehören uns, sagen die türkischen Zyprioten. Die Hotels darauf gehören uns, sagen die griechischen Zyprioten. Das Ganze wird von beiden Seiten als politisches Faustpfand gesehen.

Die Wirtschaft im türkischen Norden Zyperns gleicht einer Berg- und Talfahrt. Konjunkturelle Schwankungen werden durch die Isolation, die von den UN nach der Invasion 1974 verhängt wurde, und die rechtliche Unsicherheit verschärft. Nordzypern erwirtschaftet nur die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf des griechischen Südens. Einige wenige türkisch-zypriotische Gastarbeiter finden nach einer zaghaften Grenzöffnung im reicheren Süden einen Job.

Vor der Krise hatte der Norden hingegen mit zweistelligen Zuwachsraten eine rasante Aufholjagd hingelegt - allerdings auch begleitet von zweistelligen Inflationsraten. Dann wurde Nordzypern aber viel härter von der Krise getroffen als die Schutzmacht Türkei: Die Rezession erstreckte sich nach US-Schätzungen auf drei Jahre. 2009 betrug das Minus 6,3 Prozent, selbst 2010 schrumpfte die Wirtschaft. Dem gegenüber ist die Türkei mit einem Minus von wenigen Prozentpunkten 2009 gut weggekommen.

Bauboom mit Hindernissen

Eine Hauptursache der Krise in Nordzypern ist das Ausbleiben von Touristen aus der Türkei und Großbritannien. Heuer und nächstes Jahr soll das Wachstum bei fünf Prozent und etwas darüber liegen. Die Arbeitslosigkeit beträgt mehr als 10 Prozent. Ein Bauboom ist im vergangenen Jahr abrupt zum Stillstand gekommen, als Gerichtsentscheide in Großbritannien und der EU die Rechtssicherheit von Eigentum in Frage stellten. Das schreckt ausländische Investoren ab.

Nicht alle: Britische und nordzypriotische Immobilienfirmen haben Villen und Residenzen gebaut und werben um Käufer. An der Südküste der Halbinsel Karpaz werden monströse Hotelbauten hochgezogen. Individueller Öko-Tourismus bleibt ein Nischenprodukt. An der Nordküste entsteht eine riesige Marina mit 350 Liegeplätzen für Yachten, mit zwei Hotels, Apartments und einem Spielkasino, finanziert von der britisch-israelischen David-Lewis-Gruppe. Die ersten Yachten liegen mitten in der gigantischen Baustelle schon vor Anker.

Im Nachbardorf Yeni Erenkoy ist das Echo geteilt: Man freut sich über den Impuls, ein Restaurantbesitzer aber sagt: "Kann schon sein, dass dann mehr Leute bei mir essen, aber im Kasino wird schmutziges Geld gewaschen, und solche Leute wollen wir nicht."

Armer Norden hilft mit Strom

Dass die Türkei Nordzypern völlig links liegen lässt, kann nicht gesagt werden: Eine Trinkwasserpipeline von der türkischen Südküste durch das Mittelmeer soll in einigen Jahren fertig sein und den Wassermangel in Nordzypern beseitigen. Die Hauptverbindungsstraße auf die Halbinsel Karpaz wird zügig ausgebaut. Charterflüge aus Polen über türkischen Luftraum gibt es seit dem Sommer - trotz Protesten des griechischen Südens. Ob sich etwas an den generell schlechten Direktverbindungen ändert, bleibt abzuwarten. Nordzypern hilft dem Süden seit dem Sommer nach dem explosionsbedingten Ausfall eines Kraftwerks mit Stromlieferungen aus und verdient gut daran.

Eine nachhaltige Entwicklung Nordzyperns könnte nur eine politische Lösung des Zypernkonflikts bewirken, aber die ist nicht in Sicht. Nord und Süd streiten über Gebietsansprüche und die mögliche gemeinsame Staatsform. Die Türkei benützt den Zypernkonflikt für politische Muskelspiele auf der Weltbühne: Scharfer Protest gegen den EU-Vorsitz von Griechisch-Zypern 2012, und im Streit um Gasvorkommen vor der Insel droht die Türkei mit ihrer Kriegsmarine. So zementiert die Landgrenze zwischen den beiden Landesteilen ist, so unbestimmt ist sie unter Wasser. Die räumliche Nähe zu Israel macht das nicht leichter. Manche sprechen schon von einer neuen Krise im östlichen Mittelmeer.