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"Stift und Bücher sind meine Waffen"

Von Julian Mayr

Politik
Der Schriftsteller Abdelaziz Baraka Sakin in seinem Domizil am Grazer Schlossberg.
© Julian Mayr

Der sudanesische Autor und Grazer Stadtschreiber Abdelaziz Baraka Sakin über den Krieg in seiner Heimat, die Rolle anderer Mächte und sein Exil in Österreich.


"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch "Der Messias von Darfur" schreiben Sie, dass die Soldaten den Krieg eigentlich nicht wollen. Auch Politiker geben die Verantwortung an andere weiter. Wer ist für den Krieg im Sudan verantwortlich?

Abdelaziz Baraka Sakin: Die Regierung in Khartum. Sie schickt die Soldaten in den Krieg. Aber die Verantwortung liegt nicht nur beim Präsidenten, sondern bei allen, die kämpfen und Zivilisten töten. Bis heute kommt niemand vor Gericht oder muss ins Gefängnis. Und so geht es immer weiter. Es ist wie ein Teufelskreis. Fragt man die Politiker, sagen sie, dass es die Ausländer waren. Auch ein Soldat kann keine gute Antwort geben.

Wo liegen die Wurzeln des Konflikts im Sudan?

Hauptursächlich ist die Frage der Identität. Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien wurde beschlossen, dass der Sudan ein muslimisch-arabisches Land sei. Das war der größte Fehler. Wir haben zu viele Stämme, verschiedene Religionen und verschiedene Kulturen. Tausende von Identitäten. Das ist auch der Grund, warum ich fliehen musste. Ich schreibe über meine Wurzeln, über meine Identität, über meine Leute.

Unter Omar al-Bashir wurden Ihre Bücher verboten. Seit zehn Jahren leben Sie in Österreich. Warum sind Sie nach dem Sturz des Diktators nicht zurückgekehrt?

Ich ahnte, was passieren wird. Nach seinem Sturz hielten sie an denselben Soldaten fest, Dschandschawid-Kämpfer, die viele Menschen getötet haben. Bashirs helfende Hände wurden Teil der Regierung, sein Assistent Präsident. Ich habe ein Problem mit ihnen allen, deshalb bin ich im Sudan nicht sicher. Ich bin kein Kämpfer, bin verwundbar. Jeder kann mich töten oder ins Gefängnis stecken. Ich war schon viele Male dort und habe Schläge ins Gesicht bekommen. Ich bin kein Held, der zurück will. Das ist nicht mein Weg, um zu kämpfen. Ich kämpfe, indem ich schreibe. Dieses Schreiben braucht einen friedlichen Ort. Mein Stift und meine Bücher sind die einzigen Waffen, die ich habe.

Wie ist es um die Intellektuellen im Sudan bestellt? Werden sie gehört?

Wir haben eine gewisse Macht, die Menschen lesen und interessieren sich dafür, was wir im Internet und den sozialen Medien schreiben. Täglich erzählen wir ihnen von unseren Ideen, dem Krieg. Aber wenn es zum Friedensabkommen kommt, wird kein Intellektueller dabei sein. Nur Soldaten, Kämpfer und einige Politiker. Das ist unser Problem.

Warum ist das so?

Im Sudan gilt: Waffen sind eine Art des Denkens. Wenn du eine Waffe hast, bist du ein intelligenter, mächtiger Mann, ein Denker, ein Philosoph. Du kannst nicht im Stande sein, ein Buch zu lesen, aber du kannst ein Manager sein oder Präsident. Sie betrachten Waffen als eine Art von Wissen. Wenn sie einen Friedensvertrag schließen, laden sie keine gebildeten Menschen, Schriftsteller oder Philosophen ein. Sie laden nur Leute mit Waffen ein.

Glauben Sie, dass die Parteien in diesem Krieg ein Interesse daran haben, diesen Krieg zu beenden?

Sie wollen ihn nicht fortsetzen. Sie wollen ihn beenden, indem sie ihn gewinnen.

Al-Bashir hat Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen in Darfur gezielt angeheizt. Ist es nun für die Konfliktparteien von Vorteil, dass die Kämpfe andauern?

Jeder will, dass es endet, sogar die Soldaten selbst, aber zu ihrem Besten. Sonst werden sie weiterkämpfen. Apropos Darfur: Wir kämpfen seit vielen Jahren. Der Krieg ist nicht neu, es ist ein alter Krieg. Nur weil er nun in Khartum herrscht, fangen die Leute an zu weinen, Ausländer kümmern sich darum, weil sie Botschaften und in der Stadt unterhalten. In Wirklichkeit ist das, was in Darfur passiert ist, viel schlimmer: Millionen Opfer und niemand hat je danach gefragt. Alle erkennen nun, dass der Krieg leicht zu ihnen dringen kann, dass er ganz nah ist.

Welche Rolle spielen die externen Akteure für den Sudan?

Die Politik ist stark von Ägypten beeinflusst. Unsere Beziehungen zu den Ägyptern sind sehr gut. Aber politisch besteht eine Abhängigkeit, was die Wasserversorgung und sogar Stabilität angeht. Wenn es in Ägypten große politische Veränderung gibt, wirkt sich das auf den Sudan aus. Die Muslimbrüder hatten ihren Ursprung in Ägypten, später kam ihr Einfluss in den Sudan. Eine autoritäre ägyptische Regierung wird nie eine demokratische Regierung im Sudan dulden. Abd al-Fattah as-Sisi etwa unterstützte al-Burhan.

Was ist mit Russland, China oder den Golfstaaten?

Die arabischen Golfstaaten können großen Einfluss im Sudan haben, denken hauptsächlich daran, ihren Einfluss auf das Rote Meer zu stärken, genauso wie die USA. Unsere Politiker sind schwach, lassen sich leicht von Geld und Macht beeinflussen. Über die Präsenz Russlands im Sudan sind wir uns nicht sicher, aber sie haben Interesse an Ressourcen in Zentralafrika. Die Chinesen mischen sich nicht politisch, aber wirtschaftlich ein. Frankreich will Stabilität für die frankophonen Länder in der Region. Die EU hat die Dschandschawid finanziell unterstützt, um Migration nach Europa zu stoppen. Wir sind selbst für die Kriege verantwortlich, aber andere Akteure verkomplizieren es, je nachdem, was sie von uns wollen, wie sie von dieser Situation profitieren können.

Die UNO zählt hunderttausende Flüchtlinge. Hilfsorganisationen klagen über mangelnde Hilfe aus dem Ausland. Glauben Sie, dass die Menschen im Sudan genug Unterstützung von außen erhalten?

Es arbeiten einige Organisationen hier, aber sie sind keine große Hilfe. Sie können einem so instabilen und korrupten System nicht helfen. Die größte Hilfe für die Vertriebenen, kommt von den Einheimischen und den lokalen Gemeinschaften, die eine große Anzahl von Flüchtlingen unterstützen. Fliehende Menschen finden Unterschlupf in umliegenden Dörfern, erhalten dort Wasser und Nahrung. Manche Menschen heiraten sogar Flüchtlinge.

Im Buch schildern Sie, wie die Friedenstruppen einer halb toten Frau nach einem Massaker nicht halfen. Was ist deren Rolle im Sudan?

Ich habe mit ihnen in Darfur zusammengearbeitet. Sie befinden sich in einem Krieg, der nicht ihrer ist. Sie tun nichts. Sie sind so etwas wie Kriegstouristen. Sie wissen, wo Kämpfe toben, wohin Regierungstruppen und Milizen gehen, bleiben aber in ihren Lagern und warten, bis Menschen sterben. Erst dann gehen sie hin und schreiben lediglich Berichte.

Während die Kämpfe weitergehen, sind in Saudi-Arabien Friedensgespräche zwischen Armeechef Abdel Fattah al-Burhan und RFS-Kommandant Mohamed Hamdan Daglo geplant. Was ist zu erwarten?

Ein sudanesisches Sprichwort lautet: Wenn zwei Esel kämpfen, zerstören sie das Feld. Wenn sie sich einigen, fressen sie es. Wenn sie also streiten, zerstören sie den Sudan. Gibt es Frieden, sorgen sie dafür, dass sie ihren Part bekommen und nichts für das sudanesische Volk übrig bleibt. 

Wer kann diesen Krieg beenden?

Ich glaube nur an die Friedenssicherung durch die Sudanesen selbst. Die internationale Gemeinschaft kann nichts tun. Wir müssen diesen Krieg, der 1955 begann, selbst beenden. Denn wir sind diejenigen, die ihn verursacht haben, nicht die internationale Gemeinschaft. 

Im Buch schreiben Sie über die gefürchteten Dschandschawid, die keine Heimat haben, kein Zuhause, auf das sie sich freuen können. Haben Sie einen Ort, den Sie  Ihr Zuhause nennen können?

Die Vorstellung von Heimat hat sich entsprechend meiner Situation entwickelt. Heimat ist in meinem Herzen, und sie ist überall, wo ich lebe. Aber es ist nicht wirklich wie ein Ort, sondern eine Idee. Das ist eine Art von Schutz, um mich vor Heimweh zu hüten. Meine eigentliche Heimat ist das Dorf, aus dem ich komme. Wo meine Eltern und Großeltern gestorben sind. Mein selbst erbautes Haus, wo meine Kinder geboren wurden. Das ist mein Zuhause. Es ist nicht einmal der Sudan, oder eine Stadt. Es ist ein kleines Dorf. Aber es ist traurig und leidvoll. Also muss ich mich mit dieser Vorstellung schützen.

Der Messias von Darfur
Abdelaziz Baraka Sakin
ISBN/EAN978-3-945506-22-6
Edition Orient
165 Seiten