Zum Hauptinhalt springen

Stille für die Opfer - Pfiffe für die Regierung

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer aus Nizza

Politik

Hätte die Tat des Attentäters von Nizza verhindert werden können?


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Nizza. Regen Betrieb kennt die Promenade des Anglais im Sommer. Aber über und über von Menschen wie an diesem Montagmittag hat man die Flaniermeile von Nizza selten gesehen. Zugleich herrscht dort, wo es sonst immer laut und quirlig zugeht, Stille. Bedrückende, fassungslose Stille. Mit einer Schweigeminute gedenken die Menschen hier und im ganzen Land den Opfern des Anschlags von Nizza: 84 Menschen sind tot, darunter zehn Kinder und Jugendliche, mehr als 300 verletzt. Ein Meer an Blumen, Kerzen und Plüschtieren säumt die Strandpromenade, die der Attentäter Mohamed Lahouaiej Boulhel am Donnerstagabend mit einem Lastwagen entlang raste, wo sich gerade tausende Schaulustige das traditionelle Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag ansahen. 1,7 Kilometer dauerte seine mörderische Fahrt mit einem gemieteten, 19 Tonnen schweren Kühltransporter, bis ihn die Polizei erschießen konnte.

Nun liegen weiße Sträuße entlang der Straße, die Floristen aus der Region seit dem Morgen gebracht haben. Die Spende soll zeigen, dass sie keinen Profit auf Kosten der Opfer machen wollen. "Seid menschlich, solidarisch, großzügig in diesem schmerzvollen Moment" - mit diesen Worten rief die Besitzerin des Blumenladens "Aux Fleurs D’Amel’ys" ihre Kollegen zu der Gemeinschaftsaktion auf.

Nach Trauer kommt Wut

Doch neben solchen versöhnlichen Gesten steigt auch Wut hoch. Viele werfen dem Staat Versäumnisse vor. Pfiffe und Buhrufe werden laut, als Premierminister Manuel Valls und Gesundheitsministerin Marisol Touraine zur Schweigeminute kommen. Auch die Opposition schont die Regierung nicht, macht schon Vor-Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr. Über Präsident Francois Hollandes Appelle zur "nationalen Einheit" ging sie hinweg, bevor die dreitägige nationale Trauer vorüber war. Während Ex-Premierminister Alain Juppe den "Fatalismus" und die "Naivität" der Regierung im Anti-Terrorkampf kritisiert, erklärt der Parteichef der konservativen Republikaner, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Frankreich sei im "totalen Krieg". Die Regierung habe nicht die richtigen Schlüsse aus den jüngsten Anschlägen gezogen. Terrorverdächtige müssten mit einer elektronischen Fußfessel ausgestattet oder gleich weggesperrt werden - Maßnahmen, die das Drama von Nizza nicht hätten verhindern können.

Keine Terrorverbindungen

Denn der Täter war den Geheimdiensten nicht wegen Radikalisierung oder Verbindungen zu Terroristen bekannt. Der in Tunesien geborene Mohamed Lahouaiej Boulhel kam 2007 nach einer Heirat mit einer Franko-Tunesierin nach Frankreich, wo er eine befristete Aufenthaltserlebnis hatte und als selbstständiger Lieferfahrer arbeitete. Von seiner Frau, die wegen Gewalt in der Ehe Klage eingereicht hatte, und den drei gemeinsamen kleinen Kindern lebte er getrennt. Nachbarn beschreiben ihn als seltsam und verschlossen, in seinem Fitnessstudio war er als "Aufreißer" bekannt, der Affären mit Frauen und Männern einging. Seinem in Tunesien lebenden Vater zufolge war er schon als Junge gewalttätig, hatte psychische Probleme. Mehrmals fiel er den Behörden wegen Gewalttätigkeit auf. Erst im März wurde er zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil er bei einem Verkehrsstreit mit einer Holzpalette auf einen Mann losgegangen war. Lange soll Lahouaiej Bouhlel kein praktizierender Muslim gewesen sein, er rauchte und trank Alkohol. Allerdings bemerkten Zeugen seine "islamistische Radikalisierung" in der letzten Zeit. Insgesamt acht Menschen aus seinem Umfeld wurden festgenommen, darunter ein albanisches Paar, das verdächtigt wird, dem Attentäter eine Pistole besorgt zu haben. Seine Ex-Frau kam am Sonntagabend aus der Untersuchungshaft frei. Sie sei voller Anteilnahme für die Opfer, sagte ihr Anwalt. "Eigentlich wollte sie selbst am Abend dieser scheußlichen Tat am Ort des Dramas sein, aber aus familiären Gründen ging sie nicht hin." Sie habe "überhaupt nichts kommen sehen".

Komplizensuche geht weiter

Dabei hatte der 31-Jährige seine Tat geplant. Am 4. Juli reservierte er den Kühllaster, den er eine Woche später abholte. Per SMS verschickte er, der so gerne für Fotos posierte, ein Selfie von sich in dem Fahrzeug. Auch zeigen die Videokameras der Stadt, dass er am 12. und am 13. Juli bereits die Strandpromenade auskundschaftete. Kürzlich hatte er sein Konto geleert, sein Auto verkauft und soll seiner Familie in Tunesien 100.000 Euro geschickt haben. Er war sehr überrascht, sonst seien immer nur kleine Summen gekommen, sagte sein jüngerer Bruder gegenüber Medien.

Premierminister Valls sprach schnell von einem "Terroristen, der ohne Zweifel auf die eine oder andere Weise mit dem radikalen Islamismus in Verbindung stand". Zwar bekannte sich die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu der Tat, die Echtheit der Erklärung blieb seither aber unbestätigt. Der Attentäter müsse sich sehr schnell radikalisiert haben, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve. 200 Ermittler durchforsten die Aktivitäten auf seinem Handy, die vermuten lassen, dass er Komplizen hatte. So schrieb Lahouaiej Bouhlel unmittelbar vor der Tat "Bring mehr Waffen", der Empfänger der Nachricht wird zurzeit verhört. Dass die Ermittler schnell Antworten finden, darauf hoffen die Menschen in Nizza.