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Maschinengewehr- und Granatwerfer-Feuer begrüßten Ö1-Hörer Montag am Allerheiligen-Morgen um 10 Uhr bei einem "Hörbilder spezial". Der Kampflärm entsprang keinem verspäteten Halloween-Unfug, nein, viel schlimmer: Er war echt. Aufgenommen 1966 vom knapp 18-jährigen amerikanischen Soldaten Mike A. Baronowski, mitten im Kampfgetümmel des vietnamesischen Dschungels. Der Schulabbrecher, der für seine Freiwilligenmeldung zur Army noch Mamas Unterschrift gebraucht hatte, war auf die ungewöhnliche (und verbotene) Idee gekommen, den Front-Alltag aufzunehmen und statt der üblichen Briefe Tonbänder heimzuschicken. Unzensuriert. Das Aufnahmegerät hatte er in Vietnam erstanden. "Heute habe ich im Graben zum Mikrofon gegriffen - und erst beim Sprechen gemerkt, dass ich eine Handgranate halte."- "Die kleine Schwester wird sich freuen über den eleganten schwarzen Pyjama. Er sieht aus, als wäre er aus einem Kaufhaus hier - doch wir haben ihn einem Vietkong ausgezogen, der auf uns geschossen hat." - "Viele wollen gar nicht, dass ihre Familien wissen, was hier los ist. Die schreiben, sie sitzen in der Sonne am chinesischen Meer." - "Sie geben uns automatische Gewehre, Granatwerfer, Munition und die Macht, andere zu töten. So etwas verändert einen, nur haben das viele noch nicht kapiert." - Zwei Monate lang gehen Bänder mit solchen Inhalten ohne Wissen der Armeeführung Richtung Pennsylvania. Dann vergisst Mike eines Tages, seine Splitterschutzweste zu schließen. Er kehrt tot heim. Erst Jahrzehnte später übergibt Mikes Familie die Bänder einem Ex-Kameraden ihres Sohnes. Der veröffentlicht sie über BBC. Die "Vietnam Tapes" werden zu einer der authentischsten Anklagen gegen den Krieg. Posthum.

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