Zum Hauptinhalt springen

Stoppschild für Ratingagenturen

Von Karl Leban

Analysen

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Um vorab klarzustellen: Es wäre geradezu absurd, den Ratingagenturen eine Mitschuld an der horrenden Staatsverschuldung in Europa anzukreiden. Dafür, dass es brennt und eine schlimme Krise wütet, können sie nichts. Im Fall Griechenlands etwa haben die Bonitätswächter bereits ab 2004 gewarnt und immer schlechtere Noten vergeben. Nur: In Boomzeiten hat das in Brüssel niemanden interessiert.

Trotzdem sind die Ratingagenturen – speziell die großen Drei: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch – nicht ohne Grund umstritten. Denn gerade im Zuge der Euro-Staatsschuldenkrise haben sie mit ihren Bewertungen mehrfach Öl ins Feuer gegossen. So zumindest lautet der Vorwurf der EU-Politik. Und daher soll jetzt Schluss mit lustig sein.

Brüssel will den Ratingagenturen nämlich verbieten (vorübergehend), Urteile über krisengebeutelte Euroländer öffentlich zu machen. Damit, so der Plan, soll verhindert werden, dass Ratings in einem "unangebrachten Moment" kommen und die Abwärtsspirale verstärken. So weit, so gut. Fragt sich nur, ob das wirklich die Königsidee ist und die Märkte dabei auch mitspielen. In der Finanzwelt sind Ratings schließlich eine Orientierungshilfe in Sachen Risiko. Ohne sie werden Investoren wohl kaum Staatsanleihen kaufen.
Ebenfalls unklar ist, warum die EU das Aussetzen von Länder-Ratings nicht schon längst in Angriff genommen hat. Handelt es sich dabei tatsächlich um den großen Wurf, könnte dieser angesichts der drängenden Probleme der Krise zu spät kommen. Zumal das geplante Gesetz schon wegen des langwierigen Entscheidungsprozederes auf EU-Ebene erst in einem Jahr in Kraft treten dürfte.

Freilich, für sich genommen ist am Vorwurf Brüssels, die Ratingagenturen seien Brandbeschleuniger in der Krise, einiges dran. Zur Erinnerung: Für die größten "Sorgenkinder" wie Griechenland, Irland und Portugal setzte es trotz milliardenschwerer internationaler Finanzhilfen und harter Sparpakete schallende Ohrfeigen. Als ob nichts zur Stabilisierung getan worden wäre, prügelten die Agenturen die Ratings in den Keller – mit fatalen Folgen für die Refinanzierung dieser Staaten.

Auch hochverschuldete Länder wie Spanien und Italien haben die Meinungsmacht der Ratingagenturen trotz Reformen wiederholt zu spüren bekommen. Nach mehreren Herabstufungen müssen sie an den Märkten nun deutlich höhere Zinsen für frisches Geld zahlen. Ihre Schuldenlast steigt. Falls EU-Kaliber wie Spanien und Italien ebenfalls Hilfe brauchen, drohen Horrorszenarien. Doch ob ihnen in einem Jahr noch wirklich damit gedient sein wird, dass die Agenturen stillhalten müssen, ist derzeit völlig ungewiss.