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Strafe für türkisch reden

Von Bernd Vasari

Politik
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Erwerb der Erstsprache ist mit Schuleintritt noch nicht abgeschlossen.
© Stanislav Jenis

An vielen Schulen ist es Kindern untersagt, ihre Erstsprache zu sprechen.


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Wien. Unlängst im Unterricht an einer Wiener Schule: Eine Schülerin zeigt auf und weist den Lehrer darauf hin, dass Mitschüler sich auf Türkisch unterhalten hätten. Was daran falsch sei, sich auf Türkisch zu unterhalten, fragt der Lehrer. "Weiß ich auch nicht", antwortet die Schülerin, "aber unser Klassenvorstand hat uns verboten, eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen."

Ein Einzelbeispiel? Mitnichten. In vielen Schulen ist es für Kinder untersagt, im Unterricht, aber auch in den Pausen, anderen Sprachen als Deutsch zu sprechen. Vor allem Erstsprachen wie etwa Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (BKS) oder Tschetschenisch seien davon betroffen, berichteten Lehrer und Schüler von verschiedenen Schulen, der "Wiener Zeitung". Von diesen Sprach-Verboten haben auch schon Sprachwissenschafter Rudolf de Cillia, etwa bei Lehrerfortbildungen, oder die Translationswissenschafterin Vera Ahamer, bei der Recherche zur Studie "Unsichtbare Spracharbeit" gehört. "Einer der befragten Schüler musste sogar Strafe schreiben, nachdem er türkisch gesprochen hat", sagt Ahamer.

Die Politik weiß von nichts

Bis zu den politischen Entscheidungsträgern haben sich die Verbote hingegen noch kaum durchgesprochen. Fragt man bei den Verantwortlichen nach, so erhält man ungläubiges Kopfschütteln. "Davon habe ich noch nie gehört", sagen etwa Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ), oder die ÖVP-Bildungssprecherin Isabella Leeb. Das Bildungsministerium fühlt sich nicht einmal dafür zuständig. Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung", ob ihnen derartige Fälle bekannt sind, heißt es kryptisch aus dem Büro: "Wird der Schulaufsicht ein aufklärungswürdiger Umstand bekannt, wird diese tätig. Die Schulaufsicht in erster Instanz obliegt den Landesschulräten bzw. dem Stadtschulrat von Wien."

Türkisch ist zweitklassig

Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, weiß von den "Missständen". Er verweist auf die katholische Privatschule Elisabethinum in St. Johann im Salzburger Pongau, deren Sprach-Verbot für Türkisch und BKS vor drei Jahren öffentlich wurde. Obwohl er derzeit keine konkreten Fälle kennt, ist er über "derartige Entwicklungen" nicht überrascht. "Ich finde es furchtbar, wenn man einem Kind verbietet, seine Erstsprache zu sprechen. Damit wird ihm signalisiert, dass seine Sprache bestenfalls zweitklassig ist." Für Walser sind die Sprach-Verbote menschenrechtswidrig. Dass andere Politiker, allen voran die Stadtschulratspräsidentin, davon nichts wissen, will er nicht kommentieren. Das Problem liege im "völlig überbürokratisierten" Schulwesen, wo man in den zentralen Bereichen nicht mehr weiß, was in den Schulen wirklich vorgeht. Er befürwortet die Schulautonomie, aber nur unter der Prämisse, dass es kein Verbot zur Verwendung der Erstsprache geben könne.

Isabella Leeb ist da anderer Meinung. Die ÖVP-Bildungssprecherin geht davon aus, dass Kinder in Schulen dazu angehalten werden, sich auf Deutsch zu unterhalten. "Das ist ja auch Sinn und Zweck der Schule, dass sie der deutschen Sprache mächtig werden", sagt sie. Von Seiten der Politik gebe es aber kein Sprach-Verbot an Schulen. Wenn Schulen sich aber dazu entscheiden, Sprach-Verbote auszusprechen, dann müsse das auch respektiert werden. "Wenn die das beschließen, dann vertraue ich ihnen, weil die vor Ort sind. Das sollte man die Experten außen vor lassen. Denn die wirklichen Experten sind die Betroffenen", sagt die ÖVP-Bildungssprecherin.

Dass Sprach-Verbote die Entwicklung allgemeiner kognitiver Fähigkeiten negativ beeinträchtigen, betont hingegen Bildungwissenschafter Rudolf de Cillia. Die Erstsprache sei der Grundstein für den Erwerb einer weiteren Sprache. Denn die Sprachfähigkeit über die ein Mensch verfügt, sei unteilbar. "Man hat kein Kastel für Deutsch, für Türkisch oder für Englisch."

Über Erst- zur Zweitsprache

Spracherwerbsfähigkeit kann man nur als Ganzes fördern. Und die Erstsprache ist ein wesentliches Element davon", so der Experte. Mit dem Schuleintritt ist der Erwerb der Erstsprache noch nicht abgeschlossen. Schließlich müssen noch wesentliche Bereiche der Grammatik, des Wortschatzes und die Rechtschreibung erworben werden. Wenn der Spracherwerb aber unterbrochen wird, dann wird auch das Erlernen jeder weiteren Sprache erschwert.

Das Sprach-Verbot wird nicht nur in der Pause, sondern oftmals auch im Unterricht verhängt. Für de Cillia völlig unverständlich. "Es spricht doch nichts dagegen, wenn etwa ein Schüler dem anderen etwas auf Türkisch erklärt, was dieser nicht auf Deutsch verstanden hat." Niemand würde im Unterricht willkürlich andere Sprachen verwenden, sofern es nicht sinnvoll sei. Und Schwätzen sei auf Deutsch genauso störend, wie in jeder anderen Sprache. Um die Kinder in ihrer Mehrsprachigkeit zu unterstützen, wäre es besser, dass Lehrer selbst einige Ausdrücke - etwa Begrüßungsformeln - in den Erstsprachen der Kinder erlernen und verwenden. Damit würde man auch das Prestige dieser Sprachen heben und der weit verbreitenden fehlenden Wertschätzung entgegenwirken. Denn: "Niemand würde auf die Idee kommen, Englisch oder Französisch zu verbieten", so de Cillia.