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Strategische Allianz der Hochschulen mit der Wirtschaft

Von Heike Hausensteiner

Wissen

Orientiert man sich an internationalen Beispielen, kann Österreich auf dem Bildungssektor noch einiges lernen. Das System muß flexibler und bedarfsgerechter werden, unter verstärktem Einbezug | der Wirtschaft. Das war der Grundtenor der Expertentagung zum Thema "Dialog von Bildung und Praxis im Fachhochschulbereich", die vom Wissenschaftsministerium und den Sozialpartnern in Wien | organisiert wurde.


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"Ich habe ausgelernt" · diesen Satz sollte niemand mehr in seinem Leben sagen, appellierte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder bei seinem Regierungsantritt. "Lebenslanges Lernen"

passiert in Wirklichkeit im außerschulischen und außeruniversitären Bereich. Nur: Österreichs Bildungssystem ist "sehr traditionell und strikt strukturiert", stellt Garnet Grosjean von der University

of British Columbia in Kanada im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" fest. Berufspraxis zu sammeln sei in Kanada oder in den USA für die Studierenden selbstverständlich. Bei den Unternehmen seien

sie als "potentielle Arbeitnehmer" auch gerne gesehen. Die Absolventen seien flexibler und besser den Arbeitsmarktbedürfnissen angepaßt. Zudem sind die Universitäten autonomer und nicht frei

zugänglich.

Ein erster Erfolg in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist in Österreich mit den Fachhochschulen (FHS) gelungen. Gegenwärtig gibt es keine "Fachhochschule" per Definition · die

mindestens zwei Studiengänge mit 1.000 Studierenden betreiben muß. FHS-Studiengänge gibt es hingegen seit 1994. Sie sind interdisziplinär orientiert, vermitteln neben fachspezifischen

Kenntnissen auch fächerübergreifendes Wissen und sind praxisorientierter als ein Uni-Studium.

Eine "chancengleiche Ausbildung", die "optimale Ausbeute der menschlichen Fähigkeiten" sowie den Standort Österreich für die Wirtschaft attraktiv zu halten, indem das Angebot den regionalen und den

Branchenbedürfnissen angepaßt wird · das sei durch die FHS gelungen, hat der zuständige Wissenschaftsminister Caspar Einem bereits mehrfach betont. Dieses "bottom up"-Konzept sei das "Erfolgsrezept"

für die FHS. Derzeit besuchen insgesamt 8.000 Studierende 46 Studiengänge, von den rund 20.000 Studienanfängern pro Jahr gehen etwa 12 Prozent an eine FHS. Nur die Hälfte aller Interessenten bekommt

jedoch tatsächlich einen Studienplatz. Laut Angaben der Arbeiterkammer (AK) wurden im laufenden Studienjahr von 6.000 Bewerbern nur 2.600 aufgenommen.

Geht es nach Minister Einems FHS-Plan, sollen bis zum Jahr 2005, wie berichtet, mindestens ein Viertel aller Studienanfänger (ca. 7.000) an einer FHS studieren. Bisherige Standorte müßten

konsolidiert und für Berufstätige zusätzliche Angebote · etwa durch Fernstudienelemente · geschaffen werden. Als "Wermutstropfen" sieht Einem den geringen Frauenanteil von 29 Prozent an den FHS, was

auf das vorwiegend naturwissenschaftliche und technische Angebot zurückzuführen sei. Hier wird man bereits in der Schule ansetzen müssen, um das Interesse von Mädchen für "männliche" Berufe zu

wecken. Der Wissenschaftsminister denkt auch an einen FHS-Ausbau dahingehend, die Ausbildung von (frauendominierten) Sozial- und Gesundheitsberufen von den Sozialakademien in den FHS-Sektor zu

verlegen. Auf die Zeiten und Ansprüche von Berufstätigen müsse wesentlich Rücksicht genommen werden.

Beim weiteren Ausbau des FHS-Sektors sind sich die Sozialpartner einig · nicht jedoch was den kostenlosen Hochschulzugang betrifft. Im Detail fordern die Unternehmensvertreter einen großzügigeren

Ausbau, schließlich betrachten sie sich als "Geburtshelfer" der FHS. 25 Prozent der Studienanfänger an einer FHS "sind uns zu wenig", es müßten mindestens ein Drittel werden, fordert der

Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Lorenz Fritz. In Deutschland etwa studieren bereits jetzt 25 Prozent an einer FHS (die dort aber schon eine längere Entwicklung hinter sich

hat), bis 2005 wird ein Anteil von 40 Prozent aller Studierenden angepeilt.

Von den bisher 647 Abgängern in Österreich haben alle eine adäquate Beschäftigung gefunden. Jüngst berichtete etwa der FHS-Studiengang Baumanagement in Graz von Einstellungszusagen bis 95 Prozent. Es

herrsche ein "G'riß um die Absolventen", formuliert Lorenz Fritz. Ihnen wird eine hohe Lernbereitschaft, Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Problemlösungskompetenz sowie eine hohe Arbeitsmoral

bescheinigt. Darauf werden Arbeitgeber bei zukünftigen Mitarbeitern auch zunehmend Wert legen. Internationale Beispiele zeigen, daß sich die Hochschulausbildung mehr an den wirtschaftlichen

Erfordernissen wird orientieren müssen. Die an den Kunden, "Konsumenten" orientierte Wissensvermittlung, die John Pratt an der University of East London betreibt, umschreibt dieser drastisch als

"Hamburgers". Dem 21. Jahrhundert prophezeit er "McUniversities".

Daß sich Österreichs Unis mehr "serviceorientiert" und mehr in Richtung Dienstleistung entwickeln müßten, fordert Hans Pechar vom Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF). Seit

Jahrzehnten wisse man um die Überzahl an Lehrern oder Ärzten, die "Studienplatzbewirtschaftung" sei bisher nur ein leeres Wort geblieben. "Man müßte vom offenen Zugang an den Hochschulen

abgehen", was für die Massenuniversitäten auch eine Entlastung bedeuten würde.

Die AK lehnt · ebenso wie Minister Einem · Studiengebühren strikt ab. Die Unternehmensvertreter sind bereit zu einer "strategischen Allianz", um die Frage der Finanzierung künftig zu lösen.

International auf positives Echo stößt die österreichische Tradition der Sozialpartner, die bei der Erstellung der FHS-Studienpläne ein Mitspracherecht haben. Großbritannien hat sich sogar so weit

geöffnet, daß die Studierenden bei der Curriculum-Erstellung mitreden.

Informationen über FHS-Studiengänge gibt es beim Wissenschaftsministerium unter Tel. 01/531 20, Dw. 6441, 5898 oder 5752.