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Die Menschen der Halbinsel bekämpfen den Abbau - vor der Mine, vor Gericht.
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Aristoteles. Die Frauen gehen vorneweg. Dann bleiben sie stehen. Ihre Gesichter sind mit der säurebindenden Maalox-Mixtur eingerieben, der Mundschutz bereits übergezogen, der Blick richtet sich nur noch auf das Gegenüber, die Bereitschaftspolizisten der Eingreiftruppe MAT. Die Frauen klatschen rhythmisch in die Hände. Sie skandieren: "Tha ginei chamos! Tha ginei panikos! Na figei tora i Ellinikos Chrysos!" Auf Deutsch: "Jetzt geht’s los! Nun beginnt die Panik! Hellas Gold soll jetzt verschwinden!"
Dann geht’s wirklich los. Panik bricht aus. Die MAT-Polizisten schleudern blitzschnell dutzende Tränengasgranaten in die Menschenmenge. Rund 2000 Personen beginnen wegzurennen. Sie laufen bergab auf der Schotterstraße, sieben Kilometer lang. Die MAT-Polizisten stürmen nach. Unten angekommen, auf der Asphaltstraße, steigen einige Demonstranten hastig in wartende Autos, um den heranstürmenden MAT-Einheiten zu enteilen. Die Polizisten schießen Tränengasgranaten auf ein Fahrzeug. Sie reißen die Türen von Autos auf, werfen Tränengaskartuschen hinein. Mehr als ein Dutzend Menschen werden an diesem wolkenverhangenen Sonntag Ende Oktober in Skouries auf dem Berg Kakavos im Nordosten der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki festgenommen. Die Anklage: Teilhabe an einer Revolte.
"Wo sonst wird es in Hellas Vollbeschäftigung geben?"

Chalkidiki, südöstlich der Stadt Thessaloniki gelegen, ist in Aufruhr. Der Grund: In Skouries, dem Schauplatz der Kämpfe, soll eine Goldmine errichtet werden. Auch in der derzeit inaktiven Mine im Küstenort Olympia unweit von Skouries soll künftig Gold gefördert werden. Die Förderung von Gold ist in Europa im internationalen Vergleich ziemlich unbedeutend. Noch unbedeutender war sie bis dato in Griechenland. Nur etwa eine halbe Tonne jährlich wurde hierzulande bis zuletzt gefördert. Allein in China waren es im vorigen Jahr 355 Tonnen. Doch das soll sich radikal ändern. Griechenland will ab 2015 zu Europas größtem Goldproduzenten aufsteigen.
Das Gros soll in Skouries und Olympia gefördert werden - insgesamt 250 Tonnen. Derzeitiger Marktwert: rund 15 Milliarden US-Dollar. Hinzukommen noch reichliche Vorkommen an Silber, Kupfer, Blei und Zink. 25 bis 30 Jahre würde es dauern, bis das Gold von Chalkidiki ausgebeutet ist. So strebt es jedenfalls das Konsortium Hellas Gold an, an dem der kanadische Goldförderer Eldorado Gold (mit 95 Prozent) sowie der einheimische Bauriese Aktor (mit fünf Prozent) beteiligt sind.
Allein der anscheinend unaufhaltsam steigende Goldpreis lockt die Investoren - auch nach Griechenland. Dorthin, wo ob der drohenden Staatspleite fast alles zum Stillstand gekommen ist.
Das Gold von Chalkidiki ist für die einen mehr als ein Lichtstrahl im Tunnel. Einer, der vom Goldrausch erfasst ist, ist Eduardo Moura, Griechenland-Chef von Eldorado Gold. Der Konzern, einer der weltweit größten Goldförderer mit Hauptsitz in Vancouver, will in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro in die Mine in Chalkidiki investieren. "Griechenland braucht mehr Firmen wie die unsere", sagt der Brasilianer. Das Personal in Chalkidiki sei schon auf 800 Mitarbeiter verdoppelt worden. Es soll bei voller Produktion auf 1500 steigen.
Alexander der Große finanzierte sich auf Chalkidiki
Christos Pachtas ist der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Aristoteles. 16 Ortschaften hat sie, 20.000 Menschen leben hier. Die Natur hat es gut gemeint mit diesem Fleck Erde. Berge mit ausgedehnten, unberührten Buchen- und Eichenwäldern, Bäche und Flüsse, malerische Meeresküsten, schöne Sandstrände. Hier wurde der große griechische Philosoph geboren, nach dem die Gemeinde benannt ist. Seit 4000 Jahren werden hier Metalle gefördert. Der Mythos besagt, schon Alexander der Große habe in Aristoteles Gold fördern lassen, um seine Feldzüge zu finanzieren.
Pachtas kämpft seit mehr als zwanzig Jahren für die Goldgewinnung in seinem Heimatort. 2002 schien sein Traum endgültig geplatzt, als Griechenlands oberstes Verwaltungsgericht die Goldförderung verbot. Der damalige Investor TVX Gold, ebenfalls aus Kanada, warf das Handtuch.
Doch Pachtas gab nicht auf. Sein Zauberwort: Symbiose. "Wir können hier alle Aktivitäten harmonisch gestalten", sagt er. Ob Agrarwirtschaft, Viehzucht, Imkerei, Fischerei oder der Tourismus. Alles sei mit der Goldförderung vereinbar. "In den nächsten fünf Jahren werden hier direkt und indirekt 5000 Arbeitsplätze mit der Goldförderung geschaffen. Das bedeutet Vollbeschäftigung in der Region. Wo gibt es das sonst in Griechenland?" Der Bergmann Angelos Deligiovas pflichtet ihm bei. "Ohne Arbeit geht es nicht. Sollen wir in den Hotels der Region 500 Euro im Monat verdienen - und das nur wenige Monate im Jahr?", fragt er. Der Vater zweier Kinder arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb. Für 1400 Euro netto im Monat.
Überdies will Hellas Gold der Gemeinde Aristoteles fix drei Millionen Euro pro Jahr spenden - plus Sonderzahlungen. Nicht unerheblich bei einem Gemeindeetat von jährlich zehn Millionen. Und was passiert mit der Umwelt? Pachtas: "Technologie und Wissenschaft geben die Antworten."

Mit seinen 3000 Einwohnern ist Ierissos das Epizentrum des Widerstands, der Gold-Gegner. Ierissos, einer der 16 Orte von Aristoteles, liegt auf der Straße nach Athos. Die Mönchsrepublik besuchen jedes Jahr viele Touristen. Bei der Fahrt durch Ierissos sehen sie Transparente. Die Parolen sind eindeutig: "Nein zum Goldabbau", "Das Gold haben viele geliebt; den Krebs keiner".
Treffpunkt der Gold-Gegner ist das Café Elysee. Jannis Verginis betreibt in Ierissos ein Geschäft für Handys und Computer. Er spricht fließend Deutsch, fast akzentfrei. Mehr als zehn Jahre hat er in Deutschland gelebt und als Mineraloge gearbeitet. Weshalb arbeitet er nicht für Hellas Gold? Das ist doch sein Beruf? "Niemals! Ich bin nach Ierissos zurückgekehrt, weil ich in einer intakten Umwelt mit meiner Familie leben wollte. Ich kämpfe gegen die Goldförderung und für meine drei Kinder."
70 Holzfäller sind täglich bei der Rodung im Einsatz
Eine derart groß angelegte Goldgewinnung, wie sie in Chalkidiki geplant ist, vernichte viel mehr Arbeitsplätze, als sie schaffen würde, fürchten die Gold-Gegner. In der Landwirtschaft, im Tourismus. Auch der Wasserverbrauch sei immens. Die Förderung zerstöre zudem reichlich Land. In der Skouries-Goldmine im Herzen eines dichten Waldes wird sowohl in oberirdischen Gruben als auch unter Tage abgebaut werden. 70 Holzfäller sind täglich im Einsatz, um das weitläufige Gelände zu roden. Die oberirdische Grube wird 700 Meter Durchmesser haben und 200 Meter tief sein. Unter Tage werden Stollen mit 25 Kilometer Gesamtlänge gebaut - in einer Tiefe von bis zu 770 Meter. Obendrein sollen in Skouries zwei Abfallbecken entstehen.
Das größte Übel in den Augen der Gold-Gegner: Um Gold im großen Stil abzubauen, werden traditionell hochgiftige Zyanide (Blausäuresalze) eingesetzt. Emy Gazea, Umweltbeauftragte bei Hellas Gold, versucht, den Gold-Gegnern beim Reizthema Zyanid den Wind aus den Segeln zu nehmen: "Wir werden bei der Goldgewinnung überhaupt kein Zyanid, sondern ein Schwebeschmelzverfahren verwenden." Die Gold-Gegner kontern: Das sei weltweit bisher nur bei der Kupferproduktion zum Einsatz gekommen. Früher oder später werde Hellas Gold auf die Cyanidlaugung zurückgreifen - schon alleine aus Kostengründen.
Die Athener Politik sieht das mittlerweile anders. Im Juli 2011 gab der damalige Athener Umweltminister Georgios Papakonstantinou in einer seiner ersten Amtshandlungen grünes Licht für das Umweltverträglichkeitskonzept von Hellas Gold. Seine Vorgängerin Tina Birbilis hatte das Projekt noch vehement blockiert - bis sie das Feld räumen musste. Papakonstantinou verteidigt seinen Schritt: "Wollen wir das einzige Land in Europa sein, das seine Bodenschätze nicht verwertet. Können wir uns das leisten?"
Leisten konnte es sich der nun faktisch bankrotte griechische Staat aber vor neun Jahren, die Förderrechte für alle Metallvorkommen in der Chalkidiki, sei es Gold, Silber, Kupfer, Blei oder Zink, nicht nur in Skouries und Olympia, sondern auf einer stattlichen Fläche von 317 Quadratkilometern für nur elf Millionen Euro an Hellas Gold zu verhökern. Die Fäden des Deals zog ein damaliger Minister der Athener Regierung: Christos Pachtas - der jetzige Bürgermeister der Gemeinde Aristoteles.
Der Streit um das Gold von Chalkidiki ist somit auch ein Festival der Juristen. Die Protestler haben Klage erhoben. Griechenlands oberstes Verwaltungsgericht hat erneut zu entscheiden - wie schon 2002. In diesen Tagen wird das Urteil bekanntgegeben.
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