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Streit um Disco in Auschwitz

Von Eva Krafczyk

Politik

Auschwitz - Selten hat eine Diskothek so die Gemüter erhitzt wie die neueste Attraktion des Nachtlebens in Oswiecim (Auschwitz). Und anders als in ähnlichen Fällen spielt die Angst vor Drogen oder anderen Versuchungen der Jugendlichen keine Rolle. Denn der Tanztempel, in dem die Jugend der Kleinstadt am Wochenende ausspannen und sich unterhalten will, war im Zweiten Weltkrieg eine Gerberei, in der Häftlinge des nahe gelegenen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau als Zwangsarbeiter schuften mussten.


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Für ehemalige Widerstandkämpfer in Polen und jüdische Organisationen vor allem in den USA ist das pietätlos, ja skandalös. Das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles drohte gar mit einem Boykottaufruf gegen die Stadt. Die ohnehin nicht unkomplizierten polnisch-jüdischen Beziehungen stehen damit vor einer neuen Belastungsprobe.

Am Montag saßen sich Oswiecims Bürgermeister Jozef Krawczyk und Rabbi Abraham Cooper, der stellvertretende Leiter des Wiesenthal Centers, im Konferenzsaal der Stadtverwaltung gegenüber. Sanft im Tonfall, aber unnachgiebig in der Sache bekräftigte Cooper, die Diskothek müsse geschlossen werden. "Wir wollen den Einwohnern von Oswiecim nicht diktieren, wo sie ihre Bibliotheken, ihre Kegelbahnen oder ihre Diskotheken bauen wollen", sagte er, nachdem er zuvor vor dem Mahnmal von Birkenau das Kaddisch, das jüdische Totengebet, gebetet hatte. "Aber wenn es um das Lager geht, dann wird es automatisch zu unserer Sache, zur Sache der jüdischen Gemeinschaft." "In Auschwitz-Birkenau sind auch unsere Brüder ermordet worden, Polen und Juden", betonte Krawczyk.

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren etwa 8.000 der 14.000 Einwohner von Oswiecim Juden. Der letzte jüdische Bürger der Stadt, der jahrzehntelang alleine in dem Ort gelebt hatte, der auf der ganzen Welt als Symbol für den Holocaust gilt, war im Frühjahr gestorben. Angesichts der internationalen Kritik und der Vorwürfe an die Adresse der Stadtverwaltung erinnerte er daran, dass es "die Deutschen und nicht die Polen waren, die das Lager errichteten". Auch dürfe der Stadt keine Entwicklung verwehrt bleiben.

Schon in der vergangenen Woche, als die polnische Regierung mit der Forderung nach einer Verlegung der Diskothek Stellung bezogen hatte, hatte Regierungssprecher Krzysztof Luft gleichzeitig hinzugefügt: "Die Einwohner (von Oswiecim) tragen bis heute die Folgen der Geschichte. Der wirtschaftliche Unternehmungsgeist wird gehemmt."

Gerade deshalb hielt es Cooper für notwendig, dass bei der Planung der Zukunft von Oswiecim künftig alle zusammenarbeiten - die kommunale Selbstverwaltung und die polnische Regierung in Warschau ebenso wie die internationalen jüdischen Organisationen, für die das einstige Vernichtungslager der größte jüdische Friedhof der Welt ist, und die Weltkulturorganisation UNESCO, die Auschwitz-Birkenau auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt hat.

Auch wenn die städtischen Behörden rechtlich keine Handhabe gegen den Betrieb der Diskothek haben, seien doch manchmal gute Beziehungen und gesunder Menschenverstand besser als Richtlinien und Paragrafen, mahnte Rabbi Cooper, der sogar im Gebäude der Stadtverwaltung an die jüdische Vergangenheit von Oswiecim erinnert wurde: Der Konferenzsaal war einst das Wohnzimmer einer jüdischen Familie, die Frau eines Kollegen sei hier aufgewachsen. "Am Eingang kann man sogar noch die Spuren der Mesusa (Kapsel mit Thora-Spruch) sehen", stellte der Rabbi kundig fest und versprach: "Ich möchte Ihnen eine Mesusa als Geschenk schicken. Sie soll hierher zurückkehren, als Symbol der Versöhnung."