Streit um islamische Landkarte

Von Stefan Beig

Politik

Nicht alle Islam- Organisationen sind mit dem neuen Projekt zufrieden.


Wien. Einen neuen Einblick in die heimische Islam-Szene liefert seit kurzem eine online zugängliche "islamische Landkarte". Man wolle damit die Islam-Debatte versachlichen und die Bevölkerung informieren, betont Ednan Aslan von der islamischen Religionspädagogik an der Universität Wien. Die Islam-Landkarte wurde im Rahmen von "Imame in Österreich", einem von EU und Innenministerium kofinanzierten Projekt der Islamischen Religionspädagogik, erarbeitet. Islamische Vereine und ihre geografische Lage in Österreich sind dort abrufbar.

Auf 400 Vereine sei man gestoßen, es würden aber immer noch einige fehlen, erzählt Aslan. Das Projekt sei noch nicht abgeschlossen. Zu den mitgliederstärksten Vereinen gibt es auch Kurzbeschreibungen - die nicht nur schmeichelhaft sind. "Wir wollen auch kritisch sein, denn eine Diskussion in der Isolation ist nicht günstig für die Integration der Muslime", betont Aslan. Er sieht die Muslime noch immer zu sehr am Rand der Gesellschaft. Wichtig sei eine offene Diskussion, die alle - vor allem auch die Imame - einbinde.

Die Beschreibungen stoßen einigen auch sauer auf. Höchst unzufrieden ist etwa die Islamische Föderation (IF). Zunächst sind dort nüchterne Fakten über den Dachverband zu finden, etwa dass er die "Österreich-Sektion der türkischen Milli-Görüs-Bewegung" ist und heute als Bündnis von rund 60 Vereinen die zweitgrößte türkisch-islamische Organisation Österreichs ist. Auch seine wichtige Rolle in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) wird betont: "Fuat Sanac, der derzeitige Präsident der IGGiÖ, wird der IF zugeordnet."

Doch dann heißt es: "Milli Görüs distanziert sich zwar von Gewalt, aber ihr sehr politisch orientiertes Theologieverständnis ist auf die Etablierung einer islamischen Rechts- und Gesellschaftsordnung ausgerichtet. In vielen Schriften werden Themen wie Integration und Dialog sehr kritisch betrachtet und Muslime vor der Gefahr der Assimilierung gewarnt." Die Milli-Görüs-Bewegung propagiere eine "Gerechte Ordnung" - "ein umfassendes soziales, ökonomisches und politisches Regelungssystem, das auf islamischer Grundlage beruht". Ihr Gründer - der kürzlich verstorbene türkische Politiker Necmettin Erbakan - spreche offen von einer "angeblichen zionistischen Weltverschwörung. Das Modell einer säkularen Demokratie lehnte Erbakan ab."

IF-Pressesprecher Yakup Gecgel ist empört: "Das hat Ednan Aslan selbst erfunden und stimmt überhaupt nicht. Er hat hineingeschrieben, was er sich denkt und publik machen will. Ich sage, das ist interessegeleitet." Es seien unwissenschaftliche Festlegungen, die mit der Realität nichts zu tun haben. "Ich habe ihm das auch ausrichten lassen." Gecgel versichert: "Wir akzeptieren den säkularen Staat, er ist für uns keine neue Welt. Von uns hat Ednan Aslan diese Aussagen nicht bekommen." Aslan habe die IF um Informationen gebeten. "Daraufhin haben wir ihm gesagt, dass alle Informationen über uns auf unserer Homepage stehen."

Zu Erbakans Ergüssen zum Zionismus meint Gecgel: Kritiker am Zionismus gebe es auch unter den europäischen Politikern, wobei der Zionismus dabei immer vom Judentum zu trennen sei. Fazit: "Uns interessiert diese Homepage nicht. Sie hat mit der IGGiÖ nichts zu tun."

Rolle ausländischer Zentren

Zurückhaltend äußert sich IGGiÖ-Präsident Fuat Sanac. "Diese Vereinigung arbeitet nach den Regeln des säkularen Staates", betont er. Er könne aber nicht mehr für einzelne islamische Organisationen sprechen. "Jeder hat ein anderes Islam-Verständnis, auch meines passt vielleicht jemand anderem nicht." Wenn jemand in Österreich gesetzeswidrige Dinge tue, müsse der Rechtsstaat einschreiten, mit dem man aber zusammenarbeite.

Ednan Aslan kritisiert bei mehreren Organisationen auch die Rolle ausländischer Zentren. "Diese legen etwa in ihren Schriften fest, was man zu denken hat. Aus ideologischen Gründen wird den Muslimen ihre Selbständigkeit verwehrt. Da ist es schwer, einen Islam europäischer Prägung zu etablieren, denn solche Zentren betrachten das als Gefährdung ihrer eigenen Existenz." Gerade junge Menschen könnten sich von solchen Zentren nur schwer abheben. Dabei müssten gerade die Jugendlichen "mit Autonomie ihre islamische Identität selbst begründen können".

Darüber hinaus gebe es zurzeit gerade in der Türkei eine theologische Rückwärtsentwicklung. "Es entstehen lauter Fakultäten, die nach Eroberern benannt sind". Zurzeit würde die Theologie "traditioneller". Gleichzeitig gewinne das Internet für die Jugend an Wert. "Das ist eine eigene Welt. Dort ist ein Wandel wahrzunehmen. Die Internet-Community arbeitet oft intensiver."

Völlig konträr sieht das Fuat Sanac: Die Vereinigungen hätten ihre Wurzeln im Ausland, seien aber nicht vom Ausland abhängig. "Niemand will von außen geleitet werden. Sympathie ist nicht Abhängigkeit." Selbstverständlich seien alle Organisationen weltweit vernetzt, nicht anders als bei anderen Religionen. Gerade in der Internetnutzung der Jugend sieht Sanac eine zu starke Beschäftigung mit dem Ausland. "Ich sehe, dass sie sich im Internet viel mit den Ereignissen in anderen Ländern beschäftigen. Bei humanitären Katastrophen ist das auch in Ordnung." Doch einige seien zu stark vom Ausland abgelenkt.

Ednan Aslan sieht in der Anerkennung des Islam in Österreich eine Chance, die man aber wahrnehmen müsse. "Es besteht die Gefahr, dass man jeden Diskurs verbietet und die Entwicklung als abgeschlossen betrachtet." Man solle nicht denken, dass die Muslime mit der Anerkennung des Islam schon alle Ziele erreicht haben. "Wir brauchen einen Diskurs von außen, der die Muslime aus ihrem Schlaf herausholt."