Zum Hauptinhalt springen

Stressfaktor Familie

Von Martina Madner

Politik

Ein Buch soll Kinder und Eltern dabei unterstützen, sich bei Gewalt in der Familie Hilfe zu holen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Es ist die Geschichte von Mica. Bei ihm zu Hause ist es "irgendwie anders". Sein Papa wird manchmal zum Gorilla, ballt die Fäuste. Mama beginnt zu zittern wie ein Kätzchen. Micas Herz schlägt wie ein Schlagzeug. Er hat Angst. Der Gorilla geht auf die Katze los. Mica läuft in sein Zimmer.

Es ist die fiktive Geschichte, die Autorin Johanna Von der Deken im eben erschienen Kinderbuch "Auf hoher See", unterstützt durch Illustrationen von Tanja Aranovych, erzählt. Es geht um "Kinder im Sturm häuslicher Gewalt". Das Familienministerium und die Österreichischen Kinderschutzzentren haben es herausgegeben, für Kinder im Volksschulalter und darunter, aber auch Gewalttäter und -opfer in der Familie, "um Eltern zu sensibilisieren", sagt Familienministerin Sophie Karmasin. "Eltern können es nützen, um zu reflektieren, sehen, dass man auch anders reagieren und sich Hilfe holen kann", sagt Karmasin.

Das ist zum Beispiel in den Österreichischen Kinderschutzzentren möglich. Diese stehen Kindern und Jugendlichen in Fällen von Gewalt oder Verdacht auf Gewalt mit Beratung, Krisenintervention und Psychotherapie zur Seite. In vielen Kinderschutzzentren wird auch Erziehungs- und Familienberatung, Prozess- und Besuchsbegleitung angeboten.

Ein Viertel der Kinderwächst in Gewaltfamilien auf

Zwar hat sich der Blick der Gesellschaft auf Gewalt gegenüber Kindern verändert. Ende der 70er Jahre lehnten nur 27 Prozent der Eltern den "Klaps, also Gewalt gegenüber Kindern" wie Karmasin ausführt, als Erziehungsmethode ab. Heute sind es 78 Prozent.

Aber: "Jedes vierte Kind wächst mit häuslicher Gewalt auf", sagt Karmasin auch. Jedes zweite Kind davon ist auch selbst von Gewalt betroffen, von körperlichen Strafen bis hin zu erheblichen Misshandlungen, psychischer Gewalt und Vernachlässigung bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Unterstützung fürZeugen gefordert

Nicht nur, dass das Risiko in einem gewalttätigen Umfeld selbst Gewaltopfer und später auch Täter zu werden, hoch ist. Auch Zeuge zu sein, hat Auswirkungen. "Der Ort, der Zuflucht sein sollte, wird zum Stressfaktor. Kinder glauben, sie müssen helfen, Stopp schreien, jüngere Geschwister schützen. Sie haben Schuldgefühle, wenn sie das nicht tun können", erklärt Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums "die möwe".

Die Folgen reichen von Angst-, Schlaf- und Essstörungen über Bindungstraumata bis hin zu Schulversagen. "Posttraumatische Belastungsstörungen sind bei Zeugen sogar häufiger, als bei selbst betroffenen Kindern", sagt Wölfl. Derzeit gibt es Psychotherapie und Prozessbegleitung zwar für Gewaltopfer, nicht aber für Zeugen.

Das Buch wurde übrigens mit Unterstützung einer Volksschulklasse erarbeitet. Ein Kind habe den Unterschied für Martina Wolf, Geschäftsführerin der Österreichischen Kinderschutzzentren, deutlich gemacht: "Streit ist, wenn man sich nicht einig ist. Gewalt, wenn man sich wehtut." Erkenntnisse, die ins Buch einflossen und Kindern dabei helfen können, sich Hilfe zu holen.

Zum Autor

Auf hoher See

Das Buch zu Kinder im Sturm häuslicher Gewalt kann kostenlos auf www.kinderschuetzen.at/auf-hoher-see bestellt werden.