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Stromnetzen droht der Kollaps

Von WZ Online

Politik

EU-Kommission möchte Schwerpunkt der Energiepolitik nach Brüssel verlagern. | Energiewirtschaft will Umweltschutz lockern. | Linz. Den Stromnetzen in Europa könnte der Kollaps drohen, falls die Leitungsnetze nicht an die Herausforderungen angepasst werden, die der Ausbau regenerativer Energien wie Windkraft und Photovoltaik mit sich bringt.


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Vor einem möglichen Netz-Zusammenbruch warnte bei einem Energiekongress in Linz der deutsche Experte Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena). In Deutschland etwa seien für die bis 2015 angestrebten 20 Prozent Elektrizität aus erneuerbaren Energien rund 850 km neue Höchstspannungsleitungen nötig, von denen bisher erst 90 km realisiert seien.

Derartige Strommengen, die noch dazu vielfach unabhängig vom momentanen Bedarf produziert würden, könnten ohne ganz neue Technologien gar nicht mehr ins bestehende Stromnetz integriert werden, sagte Kohler.

Um dennoch eine Versorgungssicherheit zu garantieren, auch wenn Windstille herrscht oder keine Sonne scheint, sei ein immenser Kraftwerkspark nötig. Dafür werde auch künftig ein bestimmter Anteil an konventioneller Leistung nötig sein, also etwa Kohle- oder Gaskraftwerke, meinte der Experte. Ansonsten sieht Kohler den Neubaubedarf an Kraftwerken durch die im Schnitt um 12 Jahre verlängerte AKW-Laufzeit in diesem Jahrzehnt gedeckt.

Besonders gut gegensteuern könne man mit Strom aus Pumpspeicher-Kraftwerken, doch habe Deutschland und auch Österreich mit jeweils zirka 7.000 MW Leistung zu wenig davon, sagte der Geschäftsführer der dena, die je zur Hälfte vom deutschen Bund sowie Banken und Versicherungen getragen wird. Aus Sicht des Energie-Sektionschefs im Wiener Wirtschaftsministerium, Alexander Maier, wäre für Österreich selbst die doppelte Menge an Pumpspeichern noch immer zu wenig. Kohler sprach für Deutschland von einem Pumpspeicherbedarf von etwa 20.000 bis 25.000 MW.

Europäische Energie-Strategie

Öffentliche Gelder in Europa für die Netz-Infrastruktur kann sich Florian Ermacora von der Generaldirektion Binnenmarkt der EU-Kommission vorstellen. Denn wer sonst sollte den Investitionsbedarf von einer geschätzten Trillion Euro bis zum Jahr 2020 abdecken? Natürlich kämen dafür in erster Linie die Energieversorgungsunternehmen selbst in Frage, die dies über die Leitungsgebühren finanzieren müssten. Eventuell müssten hier aber auch die öffentlichen Haushalte zuschießen, so Ermacora in einer Podiumsdiskussion.

Anfang 2011 werde die EU-Kommission eine Energieeffizienz-Strategie vorlegen, "und das werden unseres Erachtens scharfe Zähne", kündigte der in Brüssel tätige Ermacora an. Die Frage sei allerdings, was von der Strategie noch übrig bleibe, nachdem sie von den EU-Mitgliedsstaaten behandelt worden sei. Das Europäische Parlament sei jedenfalls auf der Seite der Kommission, so Ermacora.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger will den Staats- und Regierungschefs Anfang Februar 2011 ein umfassendes Energiekonzept vorlegen. Darin soll stehen, "dass wir 'europäische' Regeln brauchen, weil wir Energieunternehmen haben, die in ganz Europa tätig sind", so Oettinger vorige Woche in einem "FAZ"-Interview. Außerdem wolle er den Staats- und Regierungschefs "die Frage stellen, ob sie zu einer gemeinsamen Energieaußenpolitik bereit sind. Dann muss Putin nicht mehr in Berlin, Paris und Rom anrufen, sondern in Brüssel."

Um die Energieversorgung zu modernisieren, will Oettinger nach Angaben aus Kommissionskreisen erreichen, dass die Mitgliedsländer für den Bau neuer Hochspannungsleitungen einen "Vorrang im Planungsrecht" festschreiben, berichte die "FTD" vorige Woche. Österreichs E-Wirtschaft würde es begrüßen, wenn das öffentliche Interesse bei solchen Projekten als gleichrangig etwa gegenüber von Umweltaspekten angesehen würde, bestätigten Oesterreichs-Energie-Präsident Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber und EAG-GD Windtner bei einem Pressegespräch.

Kommissionskreisen zufolge erwägt Oettinger zudem Änderungen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, so die "FTD". Wesentliches Ziel der FFH-Richtlinie ist die Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt - es soll also die Natur vor allzu schwerwiegenden Eingriffen geschützt werden. Diese Richtlinie könnte aus Sicht Brüssels den Bau von Pumpspeicherwerken in Österreich behindern.