Zum Hauptinhalt springen

Studieren Sie in die andere Richtung

Von Barbara Ottawa

Wissen

Schätzungen zufolge absolviert beinahe jeder dritte österreichische Studierende mindestens einen Auslandsaufenthalt. Die meisten entscheiden sich für Länder wie Großbritannien, Spanien, Frankreich oder Deutschland. Zu den Ländern, die von österreichischen Studierenden am wenigsten gewählt werden, gehören die "Neuen" in der EU sowie potenzielle Beitrittskandidatenländer. Vorurteile und Fehlinformationen beherrschen das Bild von "Unis im Osten" und nur wenige überwinden sie.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 22 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Eigentlich müsste man annehmen, dass sich alle darum "reißen", an ihr studieren zu dürfen - an der Karls-Universität in Prag, der ältesten ihrer Art in Mitteleuropa. Schon seit 1348 - Wien wurde "erst" 17 Jahre später gegründet - förderte die heute tschechische Universität große Geister wie Johann Hus.

Eigentlich ist es auch so, dass es eine Ehre ist, an der Prager Karls-Universität zu studieren. Es gibt strenge Aufnahmeprüfungen und nur wenige werden ausgewählt. "Es ist eine Frage des Prestiges, an dieser Universität oder an der Wirtschaftsuni in Prag zu studieren", berichtet Eva Payerl, eine österreichische Lektorin an der WU Prag, im Interview mit der "Wiener Zeitung" über die hierarchische Ordnung unter den Hochschulen in Tschechien. "Die Aufnahmeprüfungen sind schwer - für Germanistik an der Karlsuni werden zum Beispiel nur zwischen 30 und 50 Studenten pro Jahr aufgenommen. Dafür gibt es in Tschechien an den öffentlichen Unis keine Studiengebühren."

Die Barriere im Geist

Wenn es also eigentlich ein Privileg ist und sich eigentlich viele Leute darum bemühen, an der Prager Karls-Universität oder an anderen Hochschulen in Tschechien zu studieren, wieso ergreifen dann kaum Österreicher diese Chance? Obwohl sie durch Stipendienprogramme wie etwa Erasmus oder CEEPUS von den Eingangshürden befreit wären.

Eine ähnliche Barriere scheint zwischen Österreich und den Hochschulen anderer Nachbarländer im Osten - bis hin zu Polen, Bulgarien oder Rumänien - zu bestehen. Laut Angaben des Sokrates Büros in Wien haben letztes Jahr 3.100 österreichische Studierende ein Auslandssemester unter dem Erasmus-Programm absolviert. Absolute Spitzenreiter waren die Zielländer Spanien und Frankreich mit über 400 Studierenden. Im Gegensatz dazu wollten jeweils nur eine handvoll Personen nach Slowenien, Ungarn, in die Slowakei oder in weiter entfernte osteuropäische Länder. Für Polen entschieden sich immerhin über 10 Studierende und für Tschechien über 20.

Bei der Feier des einmillionsten Erasmus-Studenten berichtete Elisabeth Sommer von ihrem Studienaufenthalt an der Budapest Business School for Catering and Commerce: ",Warum will eigentlich niemand für ein Semester nach Ungarn?', fragte der Abteilungsleiter meiner Universität. Unter den Studenten herrschte großes Schweigen", erzählte Sommer. Sie habe dann darüber nachgedacht, was sie mit Budapest verbinde: "Großstadt, grau, alt, Armut, billig einkaufen, eiserner Vorhang, Kommunismus". Auch ihre Eltern waren zunächst skeptisch, warum sie nicht in ein "schönes" Land wie Spanien oder Italien fahre, doch dann entschied sich Sommer für Ungarn. "Ich lernte sympathische Menschen aus der ganzen Welt kennen und hatte viel Spaß", schilderte die Erasmus-Studentin.

Auch Payerl hat sich in Prag "verliebt" und ist dort geblieben. (Siehe Interview-Kasten) Andere Studierende scheinen noch immer das Vorurteil von "Ostblock"-Unis zu haben.

EU-Erweiterung wird

zunächst nichts ändern

An einen Run österreichischer Studierender auf Universitäten in den neuen EU-Mitgliedsländern nächstes Jahr glaubt Wolfgang Eckel, Leiter der Sokrates Nationalagentur in Wien nicht. Wenn nicht schon ein paar Leute einmal in diesem Land waren, dann traue sich keiner hin.

Die Sprache sei nicht das Hauptproblem für diese Zurückhaltung, denn viele Universitäten bieten Kurse in englischer Sprache an, vor allem für Stipendiaten. "Es ist eine Art Mentalblockade", so Eckel im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Die Masse derjenigen, die in einem osteuropäischen Land studiert haben ist allerdings positiv überrascht."

Eckel sieht vor allem Aufbruchschancen und die Möglichkeit einer Alleinstellung, denn Sprachen wie Englisch oder Französisch können viele.

"Nach dem EU-Beitritt machen wir ,Business as usual'", so Eckel. Immerhin gibt es das Erasmus Programm bereits seit den 80er Jahren und Österreich ist seit 1991/92 dabei. "Es wird allerdings eine ,positive Diskriminierung' unserer Nachbarländer geben. Geistig macht es für die Leute keinen Unterschied, ob ein Land bei der EU ist oder nicht", glaubt Eckel.

Beim Österreichischen Austauschdienst (ÖAD) sieht man einen ähnlichen Trend. "Das Kontingent an Stipendien für osteuropäische Universitäten ist viel höher als die Nachfrage", bestätigt Sophia Asperger gegenüber der "Wiener Zeitung". Der ÖAD bietet verschiedene Stipendienmöglichkeiten. Darunter sind Sprachkursstipendien bei denen man mit Ausländern die Sprache erlernt oder Sommerkollegs mit "Native speakers".

Für Studierende, die ihre Diplomarbeit oder Dissertation im Ausland vorbereiten wollen, gibt es sogenannte "Aktion"-Stipendien. Über das CEEPUS-Netzwerk können - ähnlich wie bei Erasmus - Auslandssemester an Universitäten absolviert werden. Natürlich bieten auch diverse Organisationen und Firmen Stipendien für den osteuropäischen Raum an. So etwa die Österreichiche Forschungsgemeinschaft.

Bereits seit Jahren besteht eine Kooperation diverser Europäischer Hochschulen. So wurde nun der CEEPUS (Central European Exchange Program for University Studies) Vertrag zwischen 367 Hochschulen in Österreich und anderen Mittel- und Osteurpäischen Ländern um weitere fünf Jahre verlängert. Diesmal wird besonders auf die Entwicklung von sogenannten Doppeldiplomen, also Universitätsabschlüssen, die an zwei Hochschulen anerkannt werden, gearbeitet - das könnte den Ost-Vorurteilen der Österreicher entgegenwirken. Ein anderes Mittel sind diverse Kooperationen und Aufklärungskampagnen auf Schulebene. Berührungsängste werden so schon früh abgebaut.

"Es wird sich zunächst nicht viel ändern", sagt Christoph Ramoser, Abteilungsleiter im Bildungsministerium über die EU-Erweiterung. Aufenthaltserleichterungen werde es erst geben, wenn diese Länder dem Schengener Abkommen beigetreten sind, erläutert er auf Anfrage der "Wiener Zeitung". "Studierende aus Osteuropa müssen dann bei uns Studiengebühren zahlen", so Ramoser pragmatisch.

"Tor zum Westen" muss sich zur anderen Seite hin öffnen

Tatsache ist, dass noch immer wesentlich mehr Studenten aus den osteuropäischen Ländern nach Wien kommen, und die Stadt als "Tor zum Westen" sehen. Bei einer Konferenz des Instituts für den Donauraum trafen einander ehemalige Studierende der Universität Wien. Sie berichteten von ihren Erfahrungen die sie in Österreich sammeln konnten, von ihren Freundschaften, die sie noch heute mit dem Land verbinden.

"Ein Studium in Wien öffnet alle Türen", sagte Karel Kühnl, tschechischer Minister a. D. und Klubobmann der Freiheitsunion im tschechischen Parlament in seiner Rede. Über die Möglichkeit ihre eigene Universität als "Tor zum Osten" anzupreisen, redete niemand. Würden Sie jemandem aus Österreich empfehlen, in ihrem Land zu studieren, fragte die "Wiener Zeitung" einen Teilnehmer aus der Slowakei. Nur zögernd sagte er: "Wenn man die Mentalität kennen lernen will, ja vielleicht."

Informationen zum Studium an ausländischen Universitäten unter: http://www.sokrates.at und unter http://stimadb.oead.ac.at/

*

"Österreicher sind heimatverbunden"

"Wiener Zeitung": Wann sind sie nach Tschechien gekommen?

Eva Payerl: Ich interessiere mich schon sehr lange für Mittel- & Osteuropa. 1990 war ich auf einem Kurzbesuch in Budweis und dann habe ich 1996/97 in Prag studiert. Seit dem Jahr 2000 bin ich Lektorin an der WU in Prag.

Haben ihre Freunde sich gewundert, dass sie ausgerechnet nach Prag gehen wollen?

Sie haben mein Interesse für Mittel- und Osteuropa gekannt und sich eigentlich nicht gewundert. Außerdem kommt man schnell in den Kreis der tschechisch Liebhaber, wenn man sich für dieses Thema interessiert.

Gibt es viele Österreicher, die den Schritt machen, in Osteuropa zu studieren?

Also ich habe noch nicht viele getroffen und es war auch leicht, für Tschechien ein Stipendium zu bekommen. Ich glaube aber, dass die Österreicher generell wenig ins Ausland gehen.

Wie sieht es denn mit der Sprachbarriere aus?

Es geht. Ich habe vorher Tschechisch gelernt, aber an der WU gibt es einige Lehrveranstaltungen auf Englisch, besonders für Erasmus Studenten. Das alltägliche Leben kann man auch ohne Tschechisch bewältigen. Schwierig wird es bei Behörden und bei Arztbesuchen. Tschechisch ist sicher eine Abschreckung; die Sprache ist schwer zu erlernen.

Können Sie ein paar Unterschiede zwischen tschechischen und Wiener Unis beschreiben? Sie haben ja an beiden studiert.

Die Prager Universitäten sind noch mehr verschult und so ist auch die Einstellungen der Studierenden. Selbständiges, kritisches Arbeiten ist hier noch nicht sehr ausgeprägt. Die Hierarchie der Universitäten dagegen schon. Die Karlsuniversität ist Spitzenreiter für den geisteswissenschaftlichen Bereich und die WU ist auch ganz oben auf der Liste.

Wie sieht es mit den Jobchancen für Österreicher aus, die in Tschechien studiert haben?

Fremdsprachenkenntnisse sind in Tschechien sehr wichtig, das ist auch den Studierenden bewusst. Es gibt auch in Prag viele internationale Firmen, die vielsprachige Leute suchen.

Wie ist die Einstellung der Tschechen zur EU-Erweiterung?

Unter den Studenten an der WU ist sie sehr positiv, sie sehen große Chancen. Andere Teile der Bevölkerung sind skeptisch.

Werden die tschechischen Unis eine starke Konkurrenz für die österreichischen sein?

Ich glaube nicht, da Deutsch als Fremdsprache immer noch gefragter ist als Tschechisch.

Sehen Sie die Gefahr einer Massenauswanderung?

Die Tschechen sind, ähnlich wie die Österreicher, sehr heimatverbunden, sie gehen kurz weg, kommen aber wieder zurück.