Zum Hauptinhalt springen

Sturm auf Bulgarien

Von Jan Richard

Wirtschaft

Neben dem viel diskutierten Türkei-Bericht wird die EU-Kommission am Mittwoch auch Berichte zu den Beitrittsvorbereitungen von Bulgarien und Rumänien vorlegen. Diese Länder seien für einen EU-Beitritt im Jahr 2007 reif, hieß es im Vorfeld. in Bulgarien versuchen schon jetzt ausländische Investoren, sich die "Filetstücke" bei den Privatisierungen zu holen, stocken ihre bereits getätigten Akquisitionen auf oder stellen neue Fabriken auf die grüne Wiese. Es herrscht wahrhaft Goldgräberstimmung - und Österreich mischt kräftig mit.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 19 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Fast wöchentlich vermelden derzeit die bulgarischen Medien mit einem hörbaren Unterton von Stolz und Befriedigung, dass wiederum ein ausländischer Investor sich in ihrem Land engagiert hat. Die "Preußen des Balkans", wie die Bulgaren oft genannt werden, sehen sich dabei in direkter Konkurrenz zum Nachbarland Rumänien, das ja ebenfalls um die Gunst ausländischer Investoren buhlt und aufgrund seines großen Binnenmarktes und seiner potenziellen Wirtschaftskraft Bulgarien eigentlich spielend überflügeln müsste. Davon ist derzeit allerdings noch nicht die Rede, auch wenn die Aufholjagd in vollem Gange ist.

Im vergangenen Jahr wurden 1,4 Milliarden Dollar von ausländischen Investoren nach Bulgarien gebracht, was - gegenüber 2000 - einen Zuwachs von 40 Prozent bedeutet. 16.000 neue und sichere Arbeitsplätze wurden damit geschaffen. Damit ist den vergangenen drei Jahren, laut Wirtschaftsministerin Lidia Schulewa, mit 3 Milliarden Dollar ungefähr die Hälfte dessen, was seit dem Beginn der Wirtschaftsreformen in Bulgarien 1992 in Bulgarien investiert wurde, in ihr Land geflossen. 2003 trugen die Auslandsinvestitionen 7,1 Prozent zum Brutto-Inlandsprodukt bei, 2002 waren es 5,8 Prozent gewesen.

Der positive Trend dürfte sich, zieht man die Halbjahresbilanz 2004 zu Rate, ungebrochen fortsetzen: Von Jänner bis Ende Juni dieses Jahres erreichten die ausländischen Direktinvestitionen in Bulgarien bereits eine Milliarde US-Dollar, mit Unternehmen aus Italien, Deutschland und Griechenland an der Spitze.

Das veranlasste den Chef der bulgarischen Agentur für Auslandsinvestitionen, (BFIA) Pawel Ezekiew zur Prognose, dass man am Jahresende bei etwa 2 Milliarden halten wird, anstatt der erwarteten und erhofften 1,6 Milliarden. Jüngst konnte man sich auch über eine UNCTAD-Feststellung freuen, dass sich Bulgarien mit den erwarteten fünf Prozent Wirtschaftswachstum im heurigen Jahr unter jenen Ländern des ehemaligen Ostblocks befindet, dass die Wachstumsraten in der "alten" EU weit hinter sich lässt.

Hauptstadt Sofia bleibt das Zielgebiet Nummer 1

Die meisten ausländischen Gelder fließen nach wie vor in die Hauptstadt Sofia oder deren Umgebung, an zweiter Stelle liegt die zweitgrößte Stadt Plowdiw und dann die Schwarzmeerküste; das vor allem dank des massiven Interesses großer ausländischer Hotelkonzerne, sich rechtzeitig einen starken Brückenkopf an den bulgarischen "Goldstränden" zu errichten.

Die Herkunftsländer der Investoren und damit ihr Ranking wechselt zwar von Jahr zu Jahr leicht, obwohl es gewisse Konstanten gibt. Im vergangenen Jahr lag überraschend Ungarn mit 23 Prozent der Summe aller Auslandsinvestitionen in Bulgarien an der Spitze, gefolgt von Griechenland (16,4) und den Niederlanden (11,8) sowie Italien (mit immerhin 607 Mio. Euro Investitionssumme).

Der erste Platz, den Ungarn 2003 erstmals erobern konnte, ist darauf zurückzuführen, dass die ungarische OTP-Bank im September 100 Prozent der bulgarischen DSK-Bank (und der nachgelagerten Versicherungsunternehmen) erwarb - für 311 Mio. Euro und zusätzlichen Investitionszusagen von mehr als 300 Mio. Euro.

Gegliedert nach Wirtschaftssparten ergibt sich ein vornehmliches Interesse der Auslandinvestoren für den Energiesektor, für Lebensmittelverarbeitung und pharmazeutische Betriebe, Transport und Logistik, gefolgt von Tourismus, Landwirtschaft (vor allem Weinbau), die Textil- und Chemiebranche, sowie der Bereich Elektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie.

Es gibt eine Reihe von nützlichen Vorteilen

Für Investoren ist Bulgarien nicht nur wegen seiner künftigen EU-Mitgliedschaft interessant, sondern auch wegen einer Reihe anderer Vorteile.

- Noch ist (mit Ausnahme der touristischen Gebiete am Schwarzen Meer) Grund und Boden um 10 bis 15 mal billiger als in den alten EU-Ländern und auch noch deutlich günstiger als etwa in Tschechien, Ungarn oder Slowenien.

- Die Gewinnsteuer ist 2003 um 4 Prozentpunkte auf 19,5 Prozent abgesenkt worden.

- Großinvestoren dürfen mit großzügiger staatlicher Unterstützung rechnen, wenn es um die Schaffung der notwendigen Infrastruktur geht (und müssen sich noch nicht mit EU-Wettbewerbsrecht und einem störrischen Parlament herumschlagen wie es in jüngst in der Slowakei mit dem geplanten KIA-Werk von Hyundai der Fall war).

- Die Körperschaftssteuer wird heuer auf 15 % abgesenkt werden.

- Für Importe, die ein Auslandsinvestor für den Aufbau eines Werkes tätigen muss, muss abgestuft wenig Mehrwertsteuer gezahlt werden (abhängig von der Größe der geplanten Investition).

- Bulgarien hat die niedrigsten Löhne unter den künftigen EU-Beitrittsländern (laut einer Statistik der ILO in Genf). Unter den 46 europäischen Staaten rangiert beispielsweise Rumänien auf dem 39. Platz, Bulgarien auf dem 41.

Wo viel Licht ist, ist auch Schatten

Wo viel Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten. Korruption und eine bestechliche Beamtenschaft sind nach wie vor ein Phänomen, das "eines der ernstesten Hindernisse" für die Entwicklung der Wirtschaft aus Auslandsinvestitionen darstellt. Das jedenfalls war die einhellige Meinung eines Symposiums, das Anfang dieses Jahres in Sofia abgehalten wurde. Dort war auch zu hören, dass die Korruption zwischen 0,9 und 1,2 Prozent jährlich dem Wirtschaftswachstum abzweigt. Erhebungen bei Firmen unter der Zusicherung der Anonymität haben ergeben, dass rund eine Drittel der in Bulgarien tätigen Unternehmen zwischen 2 und 10 Prozent des Umsatzes für Bestechungen ausgibt bzw. aufwenden muss. Einer Meinungsumfrage zufolge geben 75,6 Prozent der Bulgaren ein, dass Korruption ihr berufliches und familiäres Leben direkt betrifft und man immer wieder damit zu tun hat.

Ein weiteres Problem ist die nach wie vor überbordende Bürokratie in Bulgarien und die "Über-Regulierung" der Wirtschaft. So sind laut der bulgarischen Gesetzeslage im Schnitt mehr als dreimal soviel Behördengänge, Papiere und Genehmigungsverfahren nötig als in den EU-Ländern (ein Umstand, der wiederum Korruption und Bestechung begünstigt).

Um nur ein Beispiel zu nehmen: Um in Finnland im Telekommunikationssektor geschäftlich aktiv werden zu können, braucht es eine Genehmigung von einer Stelle; in Bulgarien sind es sagenhafte zwölf.