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Südamerika: USA gegen Brasilien

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Kampf der Blöcke verhinderte bisher den Schulterschluss. | Lateinamerika sucht Kooperationen. | Wien/Cartagena/Caracas. Lateinamerika sollte näher zusammenrücken und stärker untereinander kooperieren: Diese Forderung ist am World Economic Forum (WEF) getrommelt worden. Allerdings nicht beim Wirtschaftsgipfel im Schweizer Davos, sondern beim regionalen Ableger, der diese Woche in der kolumbianischen Küstenstadt Cartagena abgehalten wurde.


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Mehr Kooperation wollen vor allem die kleineren Länder: Paraguay etwa stöhnt über den Zoll von Argentinien nach Chile; auch Kolumbien appelliert in Person von Präsident Álvaro Uribe an den Geist des Zusammenhalts. Dem Land gehen nämlich seine Verbündeten am südamerikanischen Kontinent langsam abhanden: Bogotá hat sich bisher am stärksten in Richtung USA ausgerichtet - sehr zum Missfallen der anderen großen Nationen.

Künftiger Boom-Markt

Lateinamerika gilt als riesiger Wachstumsmarkt: Die global tätige Investmentgesellschaft Franklin Templeton verglich die Region Ende 2009 sogar mit Asien: Während es dort zwar ungleich mehr börsenotierte Unternehmen gebe, sei das Durchschnittseinkommen in Lateinamerika mit rund 7600 US-Dollar ungleich höher als das asiatische (2600 Dollar). Die Abschottung von der Finanzwelt hat sich in den vergangenen Jahren sogar als Glücksfall für den Kontinent erwiesen: Die globale Finanzkrise fiel deutlich schwächer aus. Die Folgen spürten nur die exportorientierten Länder wie Mexiko, dessen Hauptabsatzmarkt USA massiv eingebrochen war. Und Venezuela hatte zu kämpfen, weil der internationale Rohölpreis am Boden lag.

Die Staaten Südamerikas ringen allerdings um ihr internes Gleichgewicht. Anstatt sich abzustimmen, kristallisieren sich besonders in der jüngeren Vergangenheit zwei große Blöcke innerhalb des Kontinent heraus: Entweder man steht unter dem Einfluss Brasiliens oder jenem der USA - während die kleineren Staaten versuchen, dabei nicht unter die Räder zu kommen. Die politische und damit die wirtschaftliche Lage bleibt dadurch prekär.

Politisch labile Staaten

"In Lateinamerika ist die Politik viel stärker um die jeweiligen Präsidenten herum zentriert", erklärt Gerhard Lackner von der österreichischen Außenhandelsstelle in Caracas, die neben Venezuela auch Kolumbien betreut. Nach jeder Wahl können sich die Gegebenheiten gänzlich ändern - die pragmatische, "gewachsene" Wirtschaftspolitik wie in Europa oder den USA fehlt aufgrund der großen sozialen Ungleichgewichte.

Politische Verschiebungen können somit einen Erdrutsch auslösen. Als sich Kolumbien 2006 dazu entschlossen hatte, stärker mit den USA zu kooperieren, platzte dem Nachbarn Venezuela unter Hugo Chávez der Kragen. "Kolumbien hat ein Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnet, das sehr diskriminierende Bestimmungen gegenüber Venezuela beinhaltete", kommentiert der Volkswirtschaftsprofessor Joachim Becker von der Wiener Wirtschaftsuniversität.

Venezuela hofft auf USA

Die Antwort Venezuelas war der Austritt aus der Wirtschaftsregion "Andengemeinschaft" und das Ansuchen um Aufnahme in den anderen wirtschaftspolitschen Block, den Mercosur (Mercado Común del Sur). Als Kolumbien den USA auch noch gestattete, Militärstützpunkte am Andenkamm zur Bekämpfung der Drogenkriminalität zu errichten, fror Venezuela im August 2009 die Handelsbeziehungen fast zur Gänze ein. Damit war für Kolumbien sein vormaliger Hauptexportmarkt (mit einem Volumen von sieben Milliarden Dollar pro Jahr) für Lebensmittel und Autoteile Vergangenheit. Auch Brasilien reagierte verschnupft auf die Vorstellung, US-Kampfflieger in nächster Nähe zu haben.

"Das schmerzt Kolumbien wirtschaftlich, dass Venezuela dichtgemacht hat. Das ist ein Markt, der sich nicht leicht ersetzen lässt. Chávez tut sich leichter - er bekommt die Lebensmittel auch von woanders her", urteilt Lackner. Unter diesem Aspekt muss man das Statement der ehemaligen kolumbianischen Außenministerin Noemí Sanín de Rubio sehen. Die Kandidatin bei den kolumbianischen Präsidentschaftswahlen im September 2010 erklärte, dass die USA "breiter und konsistenter" in ihrer Lateinamerika-Politik sein müssen - und sie sollten sich "nicht zu stark auf die Menschenrechtsverletzungen konzentrieren". Der Anlass für die Rüge: Der Vertrag zu den USA, der Venezuela vergrämt hat, hat den US-Kongress noch immer nicht passiert.

Der Mercosur-Block hingegen wird von Brasiliens stabiler Wirtschaftspolitik "mitgetragen", so Außenwirtschaftsexperte Joachim Becker.

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