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Südlich der 50-Cent-Grenze

Von Franz Zauner

Reflexionen

Wer langsam von Ljubljana nach Tirana fährt, wähnt sich schnell auf einer Zeitreise. Notizen aus den Straßenschluchten des Westbalkans.


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Drei nackte Schafe drehten sich auf einem riesigen Grill. Offenbar gab es hier Essen, und wir hatten Hunger. Das Restaurant lag oben auf einem Berg in Südalbanien und war leer. Der Kellner hatte trotzdem keine Zeit für uns. Er war hastig damit beschäftigt, auf einem großen Tisch Teller und Besteck aufzutragen. Nach und nach nahmen sieben Männer und eine Frau an der Tafel Platz. Salate wurden aufgetischt, Vorspeisen und Bier. Und dann legten sie los. Ein urkehliger Breitbandbrumm breitete sich im Restaurant aus in Frequenzen, die unsere zufällig anwesenden Körper in Eigenschwingungen versetzten. Einer der Männer stimmte einen Singsang an, den die anderen mit Schallwellen aus gurgelnden Lauten und einem heftigen Grundbass stützten.

"Traditionelle Musik", erläuterte uns der Kellner. Mutmaßlich polyphoner Gesang, vermutete später ein Kenner: eine albanische Spezialität. Für uns gebannt lauschende Laien, die wir die Töne mindestens so sehr spürten wie hörten, fühlte es sich wie ein akustischer Appetizer direkt aus der Steinzeit an, eine Schallwellen-Massage, die an der Magengrube ansetzte. Zwischendurch ließen sich die Sänger ein Schaf schmecken. Für Vegetarier wäre es ein stressiger Tag gewesen, kulinarisch ist der Balkan ein Paradies für Karnivoren. Der Kellner empfahl auch uns den Grillteller. Die Schafe stammten, wie fast alle Grundnahrungsmittel in Albanien, aus der Gegend. Sie kamen frisch vom Berg, schmeckten austrainiert und im Abgang irgendwie nach Kräuterwiese.

Langsam reisen

Langsame Reisen haben ein paar Vorteile, die einem auf Pauschalreisen entgehen. Der britische Autor Dan Kieran hat ein Buch darüber geschrieben, "Slow Travel". Es folgt der Tendenz, die Eile zu verachten und die Weile zu loben. Das wirkt auf Leute, die sich nur einen hastigen Urlaub leisten können, vermutlich ein wenig herablassend. Kieran schreibt aber nicht von oben herab wie so mancher Snob des Müßiggangs. Er bemüht sich redlich, dem Leser das Eigentümliche der langsamen Reiseerfahrung schmackhaft zu machen. Und seine Reisen sind bisweilen wirklich sehr langsam: Einmal begab er sich mit einem Elektro-Milchwagen auf Campingreise und wurde dabei bergauf von einer Hummel überholt. Die Chance, so etwas zu bemerken, ist einfach größer, wenn man müßig reist. Was uns zurück auf den Balkan bringt. Die Reisekataloge schwellen an mit angenehmen, vielfältigen und verlockenden Angeboten für schnelle Urlaube. Aber es gibt in Europa kaum eine Gegend, die so fein gespickt ist mit Nuancen, die sich im Schneckentempo eines "Slow Travel" besonders schön - und manchmal freilich auch besonders unschön - der Aufmerksamkeit empfehlen.

Es beginnt schon damit, dass man sich auf dem Weg vom Norden in den Süden auf eine touristische Zeitreise begibt. In der slowenischen Hauptstadt Ljubljana parliert der Concierge viersprachig, da ist man schnell miteinander fertig. In albanischen Badeorten reden Touristen und Einheimische eher mit den Händen und den Herzen, da dauert es ein wenig, ehe man sich einig ist. Im Norden öffnet eine Chipkarte die Tür zum Zimmer, während es unten im Süden ein einfacher Bartschlüssel auch tut. In der EU darf man darauf vertrauen, dass das Licht angeht, wenn man auf den Schalter drückt. In Albanien sitzt man manchmal in stromlosem Kerzenschein. Da ist es besser, es nicht eilig zu haben, und erstaunlich oft führt die Malaise dazu, dass sich, wie in touristischen Urzeiten, einander unbekannte Touristen zusammensetzen und bei einer Flasche Wein auf die Segnungen der Zivilisation vergessen.

Wohlfühlzone Ljubljana

Unsere Reise führt durch den Westbalkan. Von Ljubljana geht es über Zagreb, Belgrad und Sarajevo nach Montenegro und Albanien. In der urbanen Wohlfühlzone Ljubljana ist alles klein, schön und adrett. Es gibt nichts, was den Puls unangemessen in die Höhe treibt - außer man hat ein Faible für Architekturjuwelen. Die Stadt, wie sie ist, gäbe es nicht ohne Jože Plečnik, der Ljubljana so tief und eingehend geprägt hat wie der Baron Haussmann Paris. Man trifft ständig auf ihn: "Plečnik hier, Plečnik da", resümiert der Reiseführer "Ljubljana" das Sammelsurium an Bauten, Einflüssen und Ideen, für die der berühmte Architekt stand. Er wollte aus Ljubljana ein neues Athen machen. Tatsächlich ist die slowenische Hauptstadt zu einem Gesamtkunstwerk geraten, einem leicht begehbaren noch dazu. Die Sehenswürdigkeiten der entspannten Mini-Metropole liegen dicht beisammen, die einzige größere Herausforderung an Beine und Puls stellt der Aufstieg auf den Burgberg dar, dessen Anlage gleich wieder beruhigt. Sie ist so gepflegt, wie man es von einer Stadt mit dem EU-Gütesiegel "European Green Capital 2016" erwarten kann. Gefährliche Gewohnheiten, wie etwa das spontane Aufhängen von Schuhen auf Stromleitungen, hat die Stadtverwaltung in Randlagen verbannt. Wenn man von den politischen Gegensätzen hört, die selbstredend auch Slowenien prägen, dann passen sie einfach nicht in dieses aufgeräumte Stadtbild. In solchen optischen Täuschungen lebt er noch, der Mythos der EU: Schließt man von den gepflegten Kulissen auf die Bewohner, dann sollte die Union nur aus zufriedenen Bürgern bestehen.

Zagrebs Stadtgesicht zeigt schon deutlich mehr Sorgenfalten. Es ist zwar alles da, was man von städtischen Kernzonen im geeinten Europa erwarten kann: perfekt sanierte Baudenkmäler, Vergnügungs- und Fressmeilen, aufgeräumte Parks, schöne Museen. Just in den besten Lagen der Innenstadt bröckeln indes die Fassaden bis hin zur Baufälligkeit. Zu erwarten wäre, dass hier die Bauspekulation tobt, dass jeder verkommene Altbau sofort hochsaniert und mit einem Dachausbau gekrönt wird.

Dass es nicht oder nur langsam dazu kommt, ist eine Nachwirkung des Kommunismus. Die Volksrepublik Jugoslawien enteignete einst die Hausherren. Ihre Erben sind bisweilen nicht nur zahlreich, sondern leben manchmal auch noch auf verschiedenen Kontinenten. Solche undurchsichtigen Besitzverhältnisse plagen den gesamten Westbalkan. Sie lösen Prozesslawinen aus, das mögen Investoren nicht. Deshalb darf die Zagreber City weiter pittoresk bleiben, sagt der Wiener Journalist Uwe Mauch, der teils in Zagreb lebt. Er wähnt die kroatische Hauptstadt in einem touristischen Dornröschenschlaf und hält sie für eine der raren europäischen Destinationen, die selbst reiselustigen Städtebummlern bisher entgangen sind. Touristisch herrscht die Ruhe vor dem Sturm: Noch kann man in Zagreb "zu relativ moderaten Preisen ein Hotelzimmer mieten, ein Museum besuchen, einen Kaffee trinken oder in einem Restaurant speisen", schildert Mauch in seinem Reiseführer "Zagreb".

Dan Kieran, der langsame Reisende, mag an Reiseführern nicht, dass ihnen die Tendenz innewohnt, die Reisefreiheit zu beschränken. Sie sind voller Listen, in die ganz selbstverständlich die Zumutung des Abhakens eingelassen ist. Es mangelt ihnen an subjektiven Eindrücken, an Geschichten, an Lust. Dem Reiseführer "Zagreb" kann man diesen Vorwurf nicht machen: Mauch hat ihn mit persönlichen Noten angereichert, er verhehlt weder seine Begeisterung noch seine Skepsis. Er lobt die Leichtigkeit und Eleganz der Zagreber, ihre Nähe zum mediterranen Lebensstil. Es darf aber auch für Touristen Probleme in diesem "etwas zu groß geratenen Graz" geben: Der Autor nennt Misswirtschaft, dreiste Lokalpolitiker, Wirtschaftskrise. Und erwähnt die Jungen, die sich davon befreien wollen.

Jung und interessant

Wir treffen auf sie während der gesamten Reise: gebildete, entspannte, mehrsprachige junge Erwachsene, die keineswegs naiv den Brüsseler Spitzen ihre vorgebliche Sorge um’s Gemeinwohl abnehmen. Die jungen Pragmatiker aller Länder sehen in einem transnationalen Europa einfach größere Chancen als in dem vom Philosophen Karl Popper so hübsch apostrophierten "verlorenen Gruppengeist des Stammes", den all die schrillen Freunde geschlossener Gesellschaften zwischen Wien und Sarajevo anbeten.

Es gibt junge Kroaten, die nicht mehr das Heulen restjugoslawischer Kampfjets in den Ohren haben, sondern serbischen Turbo-Folk. Es fanden sich schon junge Bosnier zum gemeinsamen Protest, die für einmal keine Moslems, Serben oder Kroaten sein wollten, sondern Bosnier. Und wir trafen junge Serben, die hinter vorgehaltener Hand den Kosovo Kosovo sein lassen würden, wenn sie dafür Zutritt zur EU bekämen. Es sind Minderheiten, die man freilich nicht als solche wahrnimmt, weil für sie die Welt trotz aller Widrigkeiten mehr Nichtkrise als Krise ist.

Wir mögen auch auf Anhieb die jungen Leute, die in Belgrad auf dem Trg Republike auf Kunden für ihre "Free Walking Tours" warten. Humor, Bildung und Eloquenz ist die Geschäftsgrundlage, auf der sie zufällig zusammengewürfelten Grüppchen Belgrad zeigen. Sie führen auch in die Unter- und Abgründe der Stadt, danach versteht man die serbische Seele besser.

Wer heute in Serbien Mitte Dreißig ist, hat schon einiges hinter sich: Zum Beispiel die Hyperinflation Anfang der Neunziger Jahre, als Geldscheine in Milliardenwerten ausgegeben wurden. Die Währung verfiel während der bodenlosen Depression im Stundentakt. Ohne den Wohnsitz zu wechseln, waren diese jungen Menschen bereits Staatsbürger mehrerer Länder. Geboren in der Volksrepublik Jugoslawien, übergeführt in die Jugoslawische Föderation, die dann zum Staat Serbien-Montenegro schrumpfte. Am Ende blieb dann nur noch Serbien, ohne Kosovo. Und der ganze nationalistische Scherbenhaufen, der in den Ruinen des NATO-Bombardements seinen bleibenden, von vielen Serben bis heute unverstandenen Ausdruck fand.

Schön und hässlich

Die Stadt wurde in ihrer Geschichte 44 Mal von Bomben, Granaten und Feuern ausradiert, aber ebenso oft hastig wieder aufgebaut. Wer mit einem der zahlreichen Busse fährt, sieht es im Zeitraffer: Schönheit und Hässlichkeit stehen einander nahe, wechseln sich im Belgrader Stadtbild blitzschnell ab. Wir schaffen es nicht, das Gewirr der Buslinien richtig aufzudröseln, und landen ungewollt an einer Endstation am Stadtrand. Auf dem Fußweg zurück schleust uns Google Maps durch eine ärmliche, slumartige Siedlung. Misstrauisch beäugen uns deren Bewohner, die offensichtlich weder auf regelmäßige Müllabfuhr noch auf Straßensanierung zählen können. In Belgrad begegnet man der Armut unerwartet, weiter südlich ist sie nicht zu übersehen. Im albanischen Durres wird uns ein mageres, barfüßiges Roma-Mädchen um die Nachspeise auf unseren Tellern anbetteln und sie hungrig verschlingen.

Hinter der Arme-Leute-Siedlung beginnt einer der vielen großen Wohnkomplexe Belgrads. Sie wurden in einem Baustil errichtet, der zurecht unter dem Namen "Sowjet-Brutalist" firmiert. Fotokünstler haben sich dennoch bemüht, die verborgene Schönheit der Bausünden freizulegen. Und tatsächlich, in einem gewissen Licht, in der richtigen Perspektive entdeckt man, dass in diesen Bauten auch Hoffnung, Aufbruchstimmung und Kraft stecken.

Gute Ideen, viele Lokale und ein krachendes Nachtleben: Es gibt also noch eine Stadt, die mit B beginnt und arm, aber sexy ist. Und Belgrad hat, verglichen mit Berlin, das bessere Wetter. Das bemerkt zunehmend auch der Rest der Welt. Das "Silikon Valley", ein Straßenzug, in dem sich betuchte Damen und wohl auch Herren auf der Höhe der Zeit bei einem der zahlreichen Schönheitschirurgen verschönern lassen können, ist nicht nur in Serbien ein Begriff. Zunehmend fliegen auch Ausländer zur physischen Runderneuerung nach Belgrad. In den Sommermonaten legen die Zahnärzte Extraschichten ein, um Gebisse aus aller Welt zu sanieren.

Auf nach Sarajevo. In der Abflughalle vom Nikola-Tesla-Flughafen sitzen wir unter Leuten, die wir ob ihrer Lektüre und ihrer Telefonate für Bosnier halten. Vor dem Abflug kontrolliert ein Bediensteter der Air Serbia die Pässe. Die mutmaßlichen Bosnier entpuppen sich als Kanadier, Neuseeländer, Australier, auch ein Südafrikaner war dabei. Am Flughafen Sarajevo werden sie sogleich von Zöllnern aufgehalten. Die bosnische Diaspora öffnet riesige Koffer, aus denen Mitbringsel quellen.

Raucher atmen auf

Bei jeder Grenze hört etwas auf. Die Schengen-Grenze ist auch die 50-Cent-Grenze, sie markiert das Ende der Toilettengebühr. In Kroatien darf man seine Notdurft kostenlos verrichten. Eine Grenze weiter atmen die Raucher auf, denn der strenge EU-Nichtraucherschutz gilt nicht mehr und sie können ihrem Laster deutlich bequemer frönen.

Die Getränkebegleitung auf den Mittagstischen zeigt überdies, dass es die Mineralwasserkultur noch nicht in den Süden geschafft hat. In einem albanischen Kaffeehaus, in dem außer uns nur Einheimische saßen, servierte uns der Patron in der Früh Espresso mit einem Glas Wasser, das uns einen tiefen Schluck später unerwartet hochprozentig in den Kehlen brannte. Das Gesundheitsbewusstsein weiß, sobald es wieder zu sich kommt, dass die guten Gefühle, die dieses "albanische Frühstück" auslöst, falsch sind. Es ist aber noch gar nicht so lange her, da tranken sich auch in unseren Breiten Werktätige in Branntweinstuben in aller Frühe die Tage schön. Die Anrufung der Alkoholdämonen ist mittlerweile verpönt, heute helfen die Pharmafirmen weiter und verweisen trocken auf schöne Bilanzen.

Am Flughafen Sarajevo endet auch das Nettopreis-System. Wir werden uns mit dem Taxifahrer aber schnell einig, er nimmt auch noch jemanden anderen mit. So kommen wir unvermutet in den Genuss einer Stadtrundfahrt. Oder vielmehr einer Stadt-Schleichfahrt. "Jeder Zweite ist hier arbeitslos, und jeder hat ein Auto", schimpft der Taxifahrer im Stau. Viele Fassaden sind noch mit Einschusslöchern übersät. In der zeitgenössischen Kunst, in den Ausstellungen der Museen begegnet einem immer noch der Schmerz und der Schock der traumatischen Belagerung. In einer abgedunkelten Galerie läuft eine Dokumentation, die das Massaker von Srebrenica bis ins letzte grauenhafte Detail dokumentiert.

Sarajevos Stadtbild wirkt melancholisch, die humorvoll-lässigen Städter tragen aber oft Sonne im Gesicht. Im alten Bazar läuft man uns mit einer Zehn-Euro-Note nach, die wir beim Kauf einer sagenhaft günstigen Marken-Sonnenbrille ausgestreut haben. In einem kleinen Geschäft erklärt uns die Inhaberin geduldig, wie und mit welchen Zutaten der wahre Liebhaber bosnischen Kaffees diese herbe lokale Spezialität zubereitet. Der Umgang mit dem Unbill des Alltags erfolgt in der Regel pragmatisch-effizient, wir müssen da erst noch dazu lernen. Wir wurden zwar davor gewarnt, dass es in unserem Stadtteil manchmal in der Nacht kein Wasser gibt. Aber wir wollten es nicht glauben. Nachdem wir in unserem Apartment hingebungsvoll die Schmutzwäsche mit cremigem Waschmittel aus der Tube überzogen hatten, saßen wir für Stunden auf dem Trockenen. Als das Wasser plötzlich wieder einschoss, explodierte der Anschlussschlauch der Waschmaschine. Knieend wie Wäschermädel drückten wir die Wäsche am Boden der Dusche durch. Natürlich nicht, ohne zu fluchen.

Die Bosnier pflegen einen eher gelassenen Umgang mit Infrastrukturproblemen. Weder Staat noch Wirtschaft gedeihen, während die Spitzenpolitiker der ethnisch ausgerichteten Parteien zu den reichen Leuten im Lande zählen. Um die Malaise zu verstehen, visualisiere man sich ein Österreich, in dem es alle Minister und Landesfürsten in dreifacher Besetzung gibt, und der Verwaltungsapparat verschlingt die Hälfte des Budgets. Dann bekommt man einen Eindruck von der quantitativen Größe des politischen Problems, aber noch nicht von der Schamlosigkeit seiner Protagonisten und der Ohnmacht ihrer Schutzbefohlenen.

Auf der Weltkarte der Korruption, jedes Jahr neu gezeichnet von Transparency International, reicht die Farbskala von Dottergelb (sauber) bis zu dunkler Schamröte (sehr korrupt). Von Österreich aus, das in einem mittleren Ockerton eingefärbt ist, gibt es nach Süden zu eine deutliche Rotverschiebung. Bosnien ist zinnoberrot, Albanien ebenfalls. Reisende begegnen der Korruption normalerweise nicht, sie brauchen weder Urkunden noch Bewilligungen. Einheimische kennen das inoffizielle Gebührensystem nur zu gut.

Held und Heldin

Auch Mostar ist eine geteilte Stadt geblieben. Die berühmte osmanische Brücke, von kroatischen Milizionären zerstört, wurde neu aufgebaut. Sie verbindet die Flussufer, aber nicht die Herzen. Die Aufstellung eines Denkmals war eine der raren bosnisch-kroatischen Gemeinschaftsinitiativen. Es blieb unbekannt, welche Kandidaten es noch auf die Shortlist schafften, am Ende goss man den Martial-Arts-Helden Bruce Lee in Bronze. Die Frauenquote bei Denkmälern ist weltweit extrem niedrig, der Westbalkan macht da keine Ausnahme. Der einzigen Reminiszenz ans Feminine begegneten wir in Durres. Dort steht eine metallene Tina Turner in einer ihrer knisternden Bühnenposen und schaut auf den Fährhafen.

Dan Kieran, unser Guru in Sachen langsames Reisen, verspricht lebendigere Begegnungen, wenn man unvorbereitet losreist. Er hat vollkommen recht: Wer in Montenegro Euros wechseln will, erntet Heiterkeit. Montenegro ist ein Euroland. Es trat der Eurozone einseitig bei, ohne groß zu fragen.

Wie es Montenegro sonst noch geht, sagt uns augenfälliger als jede Statistik der Straßenverkehr: Es gibt keine automobilistische Mittelschicht. In den Schwärmen billiger Kleinautos stechen immer wieder dicke Karossen der Marken Rolls Royce, Jaguar oder Ferrari ins Auge. Für die Bürger, die sie kutschieren, gilt selbstredend die Unschuldsvermutung. Aber die EU fällt einem ein, die von ihren jüngsten Beitrittskandidaten vermutlich nicht nur aus Willkür Fortschritte bei "Problemen im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität und Korruptionsbekämpfung" einmahnt.

Am Meer lässt sich indes nichts verbessern. Die montenegrinische Küste gemahnt mit ihren hohen Bergen, den Fjorden und Buchten an ein Salzkammergut, in dem sich ohne zu frösteln schwimmen lässt. Wir parken am Rande eines Pinienwalds und suchen einen Meereszugang, aber es findet sich keiner. Schroffe, steil abfallende Felsen versperren uns den Weg. Wir wollen schon aufgeben, da finden wir doch noch einen Badeplatz. Einen Nacktbadeplatz. Der kleine Schotterstrand liegt gut versteckt zwischen zwei Felsvorsprüngen. Er ist einigermaßen belegt, und zwar ausschließlich von Männern. Es wäre uns unhöflich vorgekommen, die Ruhe der Sommeridylle mit einer naheliegenden Recherche zu stören. Ein Blick auf den "Spartacus International Gay Guide" und einschlägige Berichte tut’s auch: "In Südosteuropa ist Homophobie oft noch Alltag." Montenegro liegt gemeinsam mit Albanien auf dem 61. Platz, Kroatien auf dem 49. Platz, ex aequo mit Bosnien. Bei Schwulenparaden kommt es regelmäßig zu Zwischenfällen mit gewaltbereiten Gegendemonstranten. Aber an diesem Tag, an diesem Strand ist das alles weit weg.

Albanische Freuden

Nichts los in Albanien, das war unser erster Eindruck gleich nach der Grenze. Die Straßen waren leer. Und Shkodra, der erste Halt auf dem Weg in den Süden, eine Geisterstadt. Der Straßenfeger war die Fußball-EM, Albanien spielte gerade gegen die Schweiz. Die Schweiz gewann, doch die Albaner, die dann plötzlich Straßen und Fußgängerzone bevölkerten, trugen es mit Fassung. Man fragt sich, wie Albanien zu seinem Ruf kommt. Die Menschen sind zuvorkommend und auf eine höfliche Art neugierig. Der hier praktizierte Islam ist tolerant. Es wird guter Wein gekeltert. Miniröcke sind keine Seltenheit.

Am Morgen wird in den Straßencafés nur Kaffee getrunken, mehr Frühstück wäre zu teuer. Viele Albaner haben keine Arbeit, und die, die eine haben, verdienen meist nicht viel. In den Wohnungen und Häusern sind abends nur wenige Fenster beleuchtet. Wer Strom spart, spart Geld. Ein Kellner erzählte uns, dass er im Monat umgerechnet 150 Euro bei freier Kost und Logis bekommt. Wir werden öfter gefragt, ob wir eine freie Stelle in Österreich wüssten. Geträumt wird von guten Jobs und soliden Geschäften. Nur einer wollte Theaterregisseur werden.

Aufbruchstimmung

Es herrscht Aufbruchstimmung, man glaubt an rettende Investoren und die helfende Hand der EU. Schon jetzt gibt es immer mehr Schneisen, die in die Zukunft weisen. In den Städten gedeihen Wohlstandszonen mit Geschäften und Restaurants. Die Hauptverkehrswege sind gut ausgebaut, gleichwohl man selbst auf Autobahnen immer auf Eselskarren, Radfahrer und Fußgänger achten muss. Es gibt viele Baustellen. Auch mit der Landwirtschaft ist immer zu rechnen. Auf manchen Abschnitten der Küstenstraße trifft man mehr Schafe als Autos. Einmal spazierten in einem Badeort drei Kühe die Uferpromenade entlang, als machten sie Ferien und nicht wir.

Die Strände entlang der albanischen Riviera kommen Karibikträumen ziemlich nahe. Die Speisekarten sind solide, überall wird frisch gekocht. Der Magen-Darm-Trakt des Touristen frohlockt ob der Absenz von Emulgatoren und Geschmacksverstärkern.

Wir verbringen ein paar Tage in einem malerischen Ökodorf in der Nähe von Queparo. Von den kleinen Veranden der Holzhütten aus, deren Warmwasser von Solaranlagen gewärmt wird, blickt man auf ein blaugrünes Meer und gleichzeitig auf einen düsteren, verfallenden Armeestützpunkt. Die Handvoll Urlauber, die davon angelockt wird, entstammt der Kreativbranche: ein Fernsehregisseur, eine Fotografin, ein IT-Experte, eine Psychologin. Alle freuen sich über dieses seltsame, gastfreundliche, frische Stück Europa.

Gegenüber der Touristensiedlung steht auf einer Halbinsel gut erhalten eine Festung. Ali Pascha ließ sie einst errichten, ein lokaler Statthalter, der eng mit Lord Byron befreundet war. Das erzählt uns ein Albaner namens Tetion, was übersetzt "Ionisches Meer" bedeutet. Im Kommunismus war es erwünscht, Kindern andere Namen zu geben als christliche oder islamische. Die Tradition ist immer noch lebendig, es gibt zum Beispiel Albaner, die Briegel gerufen werden. Sie sind eine lebende Hommage an den deutschen Abwehrrecken Hans-Peter Briegel, der die albanische Nationalmannschaft eine Zeitlang erfolgreich anleitete.

Fußball ist ein Freudenquell in Albanien. In Durres spielten sich herzzerreißende Szenen ab, nachdem die Rumänen bei der EM besiegt waren. Stundenlang wurden Autohupen malträtiert, Böller krachten, Schlachtenbummler grölten in den Straßen. Die halbe Stadt lief nach Mitternacht auf der Hafenpromenade zusammen. Mittendrin tanzten Roma-Familien mit ihren Trommeln. An diesem Abend waren sie wohlgelitten. Manchmal ist Fußball das beste, was es gibt.

Franz  Zauner, geboren 1959, ist Online-Leiter und stv. Chefredakteur der "Wiener Zeitung".