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Südtirol: Schilderstreit erinnert an die Mussolini-Zeit

Von Denise von Cles

Europaarchiv

Retourkutsche des Alpenvereins gegen seinerzeitige Zwangsitalianisierung? | Bozen/Trient. (apa) Die Verschärfung des "Schilderstreits" in Südtirol weckt immer mehr Animositäten zwischen den beiden Sprachgruppen. Österreich ist bereits als Schutzmacht Südtirols angerufen worden. Stein des Anstoßes sind die neuen 36.000 Wegweiser, die der Südtiroler Alpenverein (SAV) einsprachig in Deutsch angebracht hat.


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Italiens Regionenminister Raffaele Fitto sieht darin eine Behinderung und sogar Gefährdung italienischsprachiger Wanderer, die wichtige Hinweise etwa auf Seen oder Klettersteige nicht verstünden. Fitto fordert nun, die Schilder so rasch wie möglich durch zweisprachige zu ersetzen und droht sogar damit, der Südtiroler Landesregierung die allgemeine Kompetenz für die Ortsbezeichnungen zu entziehen. Bisher weigert sich der SAV, der von deutschtümelnden Südtirolern dominiert wird, die neuen Schilder entsprechend anzupassen.

Durnwalder um Kompromiss bemüht

Die Auseinandersetzung weckt in Südtirol aber auch böse Erinnerungen an die Zeiten der Zwangsitalianisierung während des Faschismus. So meint der frühere Tiroler Landeshauptmann Wendelin Weingartner, es gehe wohl weniger um die Sicherheit in den Bergen als um die Durchsetzung der aus faschistischen Zeiten stammenden Zielsetzung, das annektierte Südtirol auch sprachlich zu italianisieren. Der Ton wird immer gereizter. Der SVP-Abgeordnete Siegfried Brugger drohte dieser Tage damit, den italienischen Verfassungsgerichtshof mit der Frage zu befassen. Landeshauptmann Luis Durnwalder bemüht sich nach anfänglich scharfen Tönen um einen Kompromiss unter Hinweis darauf, dass die Provinz lediglich für die Ortsschilder zuständig ist, nicht jedoch für die Wanderwege.

Rückenschutz erhält Durnwalder erstaunlicherweise von der italienischsprachigen Nachbarprovinz Trentino, die ebenfalls eifersüchtig über ihre Autonomie wacht. Ohne auf "die Fehler des Alpenvereins" einzugehen, dürfe der symbolische Gehalt der Drohung Roms nicht übersehen werden, Südtirol das Recht auf die Ortsbezeichnungen zu entziehen, mahnte der Trentiner Landeshauptmann Lorenzo Dellai dieser Tage. "Vielleicht haben wir Trientiner schon vergessen, wie sehr wir früher als italienische Minderheit in Österreich unter der Verdeutschung der traditionellen Namen einiger unserer Gegenden und Ortschaften gelitten haben."

Streit reißt alte Wunden auf

Hätten die Architekten der Autonomie Südtirols und des Trentino wie Alcide Degasperi oder Aldo Moro die gleiche Haltung wie die derzeitige Regierung in Rom eingenommen, wäre die Region Südtirol-Trentino statt einem Vorbild friedlichen Zusammenlebens wohl ein Beispiel ständigen Hickhacks geworden, meint Dellai.

Was immer den ASV zur rein deutschen Beschriftung der Wanderwege bewogen hat - der Streit reißt alte Wunden auf. Es war der "Welschtiroler" Geograf und spätere faschistische Politiker Ettore Tolomei aus Rovereto, der bereits um 1890 deutsche und ladinische Ortsbezeichnungen ins Italienische übersetzte oder schlichtweg "italianisierte". Damit sollte der Beweis erbracht werden, dass Südtirol eigentlich "uritalienisches Gebiet" war.

Lange vor dem Faschismus und der Annexion Südtirols durch Italien taufte Tolomei 1904 auch den Klockerkarkopf im Ahrntal in "cima Vetta dItalia" um. Diese Bezeichnung soll den mit der europäischen Geschichte wenig vertrauten amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson 1919 bei der Aushandlung der Friedensverträge in Saint Germain bewogen haben, das Recht Italiens auf eine Ausdehnung bis zum Brenner und dem Alpenhauptkamm als natürliche Grenze anzuerkennen. Ab 1922 konnte Tolomei dann seine Italianisierung Südtirols mit dem Segen Benito Mussolinis in die Tat umsetzen. Die deutschsprachige Minderheit sah ihn deshalb als "Totengräber Südtirols" und als "Ortsnamenverfälscher" an. Etwa 12.000 Orts- und Flurnamen wurden übersetzt. Die Zweisprachigkeit kehrte erst nach der Wende des Zweiten Weltkrieges wieder.