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Summende Milliarden-Hilfe

Von Roland Knauer

Wissen
Wildbienen werden mit nährstoffreichem Nektar entlohnt.
© Knauer

Bei der Bestäubung sind Wildbienen sogar effizienter als die Honigbienen.


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Berlin. Überall auf der Welt werden Bauern kräftig subventioniert, ohne dass sie es merken. Die Unterstützung kommt nicht in Form von Euro, sondern summt als unbezahlte Arbeitskraft über die Felder: Dort fliegen Schwärme verschiedener Insekten von Blüte zu Blüte. Ohne ihre Bestäubung gäbe es bei vielen Nutzpflanzen eine erheblich dezimierte und manchmal sogar überhaupt keine Ernte. Die Pflanze entlohnt die eifrigen Helfer mit nährstoffreichem Nektar - der Bauer spart Kosten.

Lucas Garibaldi von der Universidad Nacional de Rio Negro im argentinischen Bariloche hat gemeinsam mit 50 Forschern aus aller Welt die fliegende Hilfe untersucht. Das Ergebnis: Die Rolle der Wildbienen, von denen es allein in Mitteleuropa mehr als 500 Arten gibt, wurden bisher beim Bestäuben von Nutzpflanzen erheblich unterschätzt, berichten die Forscher in "Science".

Die biologischen Zusammenhänge erklärt der Agrarökologe Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle: Die zur Gruppe der Gräser gehörenden Nutzpflanzen, wie Weizen, Mais, Reis oder Hirse, werden vom Wind bestäubt und brauchen keine Unterstützung durch Insekten. Ganz anders ist es bei Äpfeln, Kirschen oder Zwetschken. Im April und Mai summt es allerorts zwischen den Obstblüten - ohne die geflügelten Helfer würde die Ernte ins Wasser fallen. Auch Nüsse sind von der Insektenbestäubung abhängig: "Der Anbau von Mandeln in Kalifornien gilt als klassisches Beispiel für die entscheidende Rolle von Insekten", sagt Settele. Der UFZ-Forscher hat für 2005 geschätzt, dass Bienen und Co. weltweit eine Wirtschaftsleistung von 153 Milliarden Euro bringen. "Bisher wussten wir allerdings nicht, welche Insekten vor allem für gute Ernten sorgen", nennt Settel den Hintergrund der aktuellen Studie. In 41 verschiedenen landwirtschaftlichen Kulturen auf 600 Versuchsflächen in Europa, Afrika, Asien, Ozeanien, Süd- und Nordamerika haben die Forscher daher solche Zusammenhänge untersucht.

Das Ergebnis fasst Jason Tylianakis von der University of Canterbury im neuseeländischen Christchurch zusammen: Wenn Wildbienen eine Kultur besuchen, werden dort doppelt so viele Blüten befruchtet wie nach einer Honigbienen-Visite, und zwar unabhängig davon, ob die Honigbienen im Auftrag eines Imkers unterwegs sind oder in der Natur leben. "Daher könnte es riskant sein, nur auf Honigbienen als Bestäuber zu setzen", folgert Tylianakis.

Mit diesem Satz weist er auf eine weitere Studie in "Science" hin. Darin berichten Laura Burkle von der Washington University in St. Louis in den USA und ihre Kollegen, dass in einer Region des US-Bundesstaates Illinois die Hälfte aller dort am Ende des 19. Jahrhunderts lebenden Wildbienenarten inzwischen verschwunden sei. Das habe immense Auswirkungen auf die Ernten, weil gleichzeitig drei Viertel der Wechselwirkungen zwischen Insekten und Blüten nicht mehr beobachtet werden. Dort würden erheblich weniger Blüten als früher befruchtet. Ähnliche Beobachtungen machen Forscher fast überall auf der Welt: Aus der zunehmend intensiver bewirtschafteten Agrarlandschaft verschwinden die Wildbienen.

"Eine große Artenvielfalt ist für die Landwirtschaft immens wichtig", fasst Tylianakis die Ergebnisse beider Studien zusammen. Fallen die summenden Bestäuber aus, müssten unter Umständen sogar Menschen in die Mandel-, Apfel- und Kirschbäume klettern und mit einem kleinen Pinsel die Blüten per Hand bestäuben. "Das würde ein Vielfaches der Wirtschaftsleistung kosten, die Insekten bisher nur für ein paar Tropfen Nektar bringen", ergänzt Settele. In China wird es wo nötig bereits gemacht.

Blühende Buschreihen

Die summenden Bestäuber finden in der ausgeräumten Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts oft nur dann genug Nahrung, wenn die Früchte und Pflanzen auf den Feldern und Plantagen gerade blühen. Spätestens Mitte Juni verhungern die Insekten. Gibt es dagegen zwischen den Feldern Buschreihen, die vor und nach den Nutzpflanzen blühen, verbessert sich die Situation. Schließen sich an die Hecke auch Streifen mit Kräutern an, die, wie Thymian und Oregano, vom Frühling bis in den Herbst Blüten und Nektar haben, finden die Wildbienen das ganze Jahr durch reichlich Nahrung. Laut Settele profitieren sogar Weizen oder Reis. Denn diese Nutzpflanzen werden von saugenden Insekten befallen. In den Blüten von Ackerrandstreifen finden deren Feinde, die Schlupfwespen, Kraftnahrung, was Ernteschäden vorbeugt.