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Sündenbock gesucht

Von Verena Franke

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Die ganze Welt war schockiert, als vor zehn Monaten die Fotos mit den abstoßenden Folterszenen im US-Gefängnis von Abu Ghraib an die Öffentlichkeit kamen. Fieberhaft wurden Schuldige gesucht - und gefunden. Der New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh ist der Meinung, dass die Schuldigen aber nicht die Verantwortlichen sind.

"DOKUmente" zeigte Mittwochabend in ORF 2 eine erschütternde Reportage über eine der Beteiligten, die junge US-Reservistin Lynndie England. Durch ausführliche Interviews mit England, ihrer Mutter und ihrer Schwester, ihrem Verteidiger und ihren Vorgesetzten wurde der Militärskandal rekonstruiert.

Wie viele junge Amerikaner, ging Lynndie England mit 17 zur Armee, um eine Ausbildung zu bekommen, und wurde, als Angehörige einer Polizeikompanie, quasi unvorbereitet in den Irak-Krieg geschickt. Dort tat sie das, was andere auch gemacht haben. "Also hab ich mir nicht viel dabei gedacht", so England mit steinerner Miene. Der Psychologe Xavier Amador, der Lynndies Persönlichkeit mehr als 30 Stunden klinisch untersucht hat, beschreibt sie als nicht besonders clever, aber "nicht gerade zurückgeblieben, aber sie hat Schwierigkeiten. Sie hat in ihrem Leben gelernt, das zu tun, was andere Leute ihr sagen". Eine Mitläuferin also.

Das Interview mit Lynndie England vermittelte den Eindruck, als habe die junge Mutter das Ausmaß ihrer Taten nicht begriffen, oder es ist ihr egal. Fragt sich: Wer sind nun wirklich die Verantwortlichen?