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Superheld als Retter der Moral

Von Linda Say

Politik
Die Lehre der Telepathie wenden ein paar eifrige Schüler an.

Muslimischer Hero enttäuscht die Zuseher, viele verlassen den Saal.


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Wien. Was braucht es, damit sich ein ohnehin nur halbvoller Kinosaal ab der Mitte des Films leert? Man nehme einen muslimischen Superhelden, schlecht kopierte Kampfhandlungen aus dem Kultfilm "Matrix" und schlechte Schauspieler. Das alles garniert mit eindringlichen, weisen Sprüchen von betenden Mentoren mit einem Schuss Telepathie.

Vor drei Wochen kam der Film "Bendeyar" in türkischer Originalsprache (mit deutschen Untertiteln) in die heimischen Kinos. Etwa in das UCI-Kino in der Millenniumcity, das für viele türkischstämmige Kinogeher bereits die erste Adresse ist, da dort regelmäßig Filme aus der Türkei angeboten werden.

Im Kampf gegen die CIA

"Bendeyar" galt schon im Vorfeld als polarisierender Film, der im Internet Debatten anheizte: Afsin, der ins Visier des amerikanischen Geheimdienstes CIA geraten ist, wird des Staatsverrats beschuldigt und landet im Gefängnis. Dort trifft er auf seinen Mithäftling und Mentor Akcakoca, einem gläubigen Moslem, der ihm das Rauchen und Trinken abgewöhnt und in die Lehre der Telepathie einweiht. Unglücklicherweise ist auch die CIA-Agentin bestens über diese Art der Gedankenübertragung informiert und so nehmen die Dinge ihren Lauf.

"Bendeyar", was so viel heißt wie "Niemand anderem dienen außer dem Allmächtigen", führt den Zusehern in 99 Minuten Spielzeit die feindliche Gesinnung der USA vor Augen. Dort würden alle Muslime als Terroristen angesehen, die es zu vernichten gilt. Nicht umsonst erinnern Filmszenen, in denen Gefangenen ein Sack über den Kopf gestülpt wird, an Bilder aus den irakischen Gefängnissen. Statt mit Filmmusik werden zahlreiche Szenen mit Gebetsgesang und mystischen Lauten untermalt. Gewaltszenen gehen ausnahmslos immer von den diabolischen Amerikanern aus und werden von den unschuldigen Opfern jedes Mal friedlich per Telepathie beendet.

Im Kinosaal sitzen vorwiegend türkischstämmige Besucher. Die meisten sind um die 30 Jahre alt, manche auch älter. "So etwas habe ich noch nie gesehen", ist die 40-jährige Meltem, die den Kinosaal mitten im Film verlässt, enttäuscht. Auch Nimet, die es ganze 15 Minuten länger aushält, kann dem Film nur wenig abgewinnen: "Der Film ist gut gemeint, aber er ist leider unglaublich schlecht gemacht. Es ist schon wichtig zu zeigen, dass wir Muslime von unseren Feinden als Terroristen angesehen werden, aber unseren Glauben mit Übernatürlichem zu schmücken, das sehe ich nicht ein. Telepathie hat im Islam nichts verloren."

Auch ihr Begleiter Hakan hat das Ende des Films nicht abgewartet. Ihm sind die neun Euro Eintrittsgeld allerdings nicht zu schade: "Im Endeffekt ist es ein türkischer Film. Wir wissen, wo das Geld gelandet ist."

Knapp eine Viertelstunde vor Filmende ist auch Halil nicht im Saal zu halten: "Ich war geduldig, habe aber erkannt, dass es nicht wert sein wird, den Schluss abzuwarten. Da kann nichts mehr überraschen." Ins Kino kommt er nur, wenn türkische Filme gezeigt werden. "Es ist schon gut, wenn Jugendliche solche Filme sehen, aber die Filme müssen schon anspruchsvoller gemacht werden", meint Halil, der besonders von den Actionszenen enttäuscht ist.

Das UCI-Kino hat vor mehreren Jahren die türkischstämmige Community entdeckt. Jede Woche sind neue Filme aus der Türkei hier gut besucht. Sie halten sich aber meist nur zwei Wochen lang, von Blockbustern wie dem "Tal der Wölfe", abgesehen.

Die Macher von "Bendeyar", weisen im Internet darauf hin, dass dies ihr erster Kinofilm sei und dementsprechend keine hohen Erwartungen an den Film gesetzt werden sollen. Auch seien sie sich im Klaren darüber, dass ihr Werk viel kritisiert werden würde: "Die Verantwortung für die islamische Mission ist eine große. Erwartet Euch keine Perfektion. Wir wissen, dass viele Aussagen in unserem Film zum ersten Mal auf die Leinwand gebracht werden. Werdet Euch dessen bewusst und bringt vor allem junge Leute zu dem Film."

Zu der islamischen Mission zählt den Machern zufolge auch, die beliebten TV-Serien in der Türkei zu verbannen: "Anstatt euch über obszöne Filme und unanständige Serien, die unsere Geschichte verfälschen, zu beschweren, erlebt lieber den Genuss, den ihr verspüren werdet, wenn ihr jene unterstützt, die etwas bewirken wollen." Verwiesen wird dabei etwa auf die TV-Serie "Muhtesem Yüzyil" (deutsch: "Das goldene Zeitalter"), die in der Türkei für Furore sorgte, da sie osmanische Herrscher zeigt, die dem Alkohol verfallen sind.

Die 24-jährige Mine ist im Gegensatz zu vielen anderen bis zum Schluss im Saal geblieben und hat sogar den Abspann aufmerksam mitgelesen. "Mich hat Bendeyar überzeugt. Ich finde gut, dass Frauen mit Kopftuch zu sehen waren und etwas zu sagen hatten. Da habe ich mich selbst gesehen", sagt sie. Ihr Verlobter Muharrem hat ihr zuliebe ausgeharrt, mehr möchte er nicht dazu sagen, außer: "Schreib nichts Schlechtes über den Film, er ist wenigstens gut gemeint."

In Social Media Netzwerken wie Facebook wird fleißig über den Film mit der islamischen Mission diskutiert. Auch hier spiegelt sich die negative Meinung der Kinobesucher wider. Während einige erbarmungslos kritisieren, hält sich Dilek zurück: "Naja, aus Respekt gegenüber den vielen Gebeten, die im Film vorkommen, halte ich mich mit Kritik zurück."

Diese Haltung hält Leyla für unangebracht: "Dass manche den wirklich schlechten Film aufgrund von vorkommenden Gebeten nicht kritisieren möchten, spricht doch Bände." Auch sie habe nur mit Mühe die volle Spielzeit abgewartet. "Meine Bekannten haben den Film nur gesehen, weil sie sich über türkische Kinofilme freuen. Jugendlichen zu vermitteln, dass Amerikaner unsere Feinde sind, halte ich für kontraproduktiv."