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Superheldinnen gegen "The Donald"

Von Mathias Ziegler

Politik

Geht es um den US-Präsidenten, findet Entertainerin Gayle Tufts derbe Worte.


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"Wiener Zeitung": Ihr Kabarettprogramm "Superwoman", das Sie am 12. April in Wien präsentieren, hatte vor der US-Wahl Premiere. Mussten Sie nach Donald Trumps Sieg alles komplett umschreiben?

Gayle Tufts: Ich hatte natürlich damit gerechnet, dass Hillary Clinton gewinnt, aber vieles hat einfach nur eine neue Bedeutung bekommen: Ich spiele zum Beispiel die Freiheitsstatue, und wenn die auftritt, gibt es schon einmal zwei Minuten Applaus, bloß weil sie da ist. (lacht)

Was hat es nun mit der "Superwoman" auf sich?

Ich hoffe, dass das Publikum aus dem Programm ein bisschen diese innere Kraft mitnimmt und die Superhelden in sich selbst entdeckt. Und wir müssen nach vorne schauen, nur über Trump zu jammern, hilft uns auch nichts. Die Leute suchen einfache Antworten auf komplexe Fragen. Aber die haben wir nicht. Dafür haben wir uns, und mein Programm ist auch ein Plädoyer, füreinander einzustehen und zum Beispiel zu sagen: Statt daheim auf der Couch "Game of Thrones" zu schauen, gehen wir raus und nehmen an einer Demo teil. Wir haben ja jetzt unser eigenes "Game of Thrones". Es wird auch viel geheult, aber es gibt auch viel zu lachen. Ich entschuldige mich jedenfalls, stellvertretend für alle Amerikaner, für Donald Trump.

Für Sie als Entertainerin muss er aber ein gefundenes Fressen sein.

Naja. Es ist so erschreckend, dass selbst die Königsklasse der Comedians in Europa wie in den USA diesen Mann nicht als Geschenk sieht, sondern als Schande betrachtet. Ist sein Einreiseverbot witzig? Nein, ist es nicht. Aber zumindest können wir diese Absurditäten thematisieren und ein Ventil für die Wut und Verzweiflung unseres Publikums sein. Viele haben Trump gewählt, weil er ihre Sorgen ausgesprochen hat. Klar, die Globalisierung war scheiße für viele Leute, die ihre Jobs verloren haben und sich zurückgelassen fühlen. Aber das haben auch der Demokrat Bernie Sanders oder die Occupy-Bewegung ausgesprochen. Trump soll die Lösung sein? Da frage ich mich: Sind die Amerikaner alle auf Xanax oder Ecstasy oder Crystal Meth? Klar, es ist auch eine Prise Rassismus mit drinnen nach acht Jahren Obama.

Was heißt das für Europa?

Da haben ja viele Angst vor Trumps USA. Jetzt sind vor allem die Wähler gefragt: Natürlich haben auch hier die Leute Angst um Jobs. Aber man muss sich vergegenwärtigen: Es gibt die Superreichen, es gibt die Normalverdiener, und es gibt die Flüchtlinge, die nichts haben. Und die mit den größten Kuchenstücken warnen jetzt die anderen, dass die ganz Armen ihnen was wegnehmen wollen. Aber was wäre, wenn man die Kuchenstücke der Reichsten aufteilen würde? Ja, es gibt große Probleme, und wir müssen unsere Gesellschaft neu organisieren. Aber wir müssen dabei stärker zusammenhalten. Haben wir nicht alle gedacht, als die Berliner Mauer fiel, dass jetzt alles gut ist? Und was ist daraus geworden? Aber ich habe Hoffnung, weil gerade die Europäer auch gut darin sind, zweimal nachzudenken.

Aber Angela Merkels "Wir schaffen das" war nicht unbedingt überlegt.

Ja, aber sie hatte einen guten Grund: In Deutschland wurden seinerzeit sechs Millionen Juden ermordet, das wirkt nach. Und die Flüchtlinge kommen ja nicht auf Urlaub zu uns. Sie fliehen vor einem Krieg. Vielleicht war es ein Fehler der Kanzlerin, mag schon sein. Aber der Ansatz, "Wir müssen erst einmal ein System haben", kann auch nicht funktionieren. Bis dieses System da ist, sind wer weiß wie viele Frauen und Kinder in Syrien ermordet worden. Ich weiß, Politik ist schwierig, und es gibt keine einfachen Antworten. Leider kommt nicht Robert Downey junior als Ironman und rettet uns aus der Krise.

Und Superwoman kann sie auch nicht lösen.

Nein, kann sie nicht. Alles, was sie machen kann, ist, sich zu informieren, bewusst zu bleiben und sich nicht zu betäuben, so wie es viele Amerikaner und Amerikanerinnen tun. Viele meiner Freunde in den Staaten haben seit Trumps Sieg durch Frustessen und Frustsaufen zugenommen, sie nennen das Trump-Rump, frei übersetzt Trump-Hintern. Das Problem habe ich nicht. Jedes Mal, wenn ich diese Fresse sehe, muss ich sowieso kotzen.

Man sagt, jedes Land bekommt den Präsidenten, den es verdient. . .

Da ist was dran. Aber das Land ist auch sehr gespalten derzeit. Es ist wirklich Schwarz-Weiß, da gibt es kein Grau. Und wenn ich mir Trumps Kabinett anschaue, diese ganzen Milliardäre und Generäle. Und eine Bildungsministerin, die null Ahnung von Bildung hat, dabei ist das so ein wichtiges Thema. Und auch ihr Journalisten habt jetzt wirklich einen verdammt harten Job. Es gibt ja die sieben W-Fragen: Wer? Wie? Was? Wann? Wo? Warum? Welche Quelle? Aber die neuen W-Fragen lauten jetzt immer öfter: What the fuck? Und: Wirklich? Denn jeden Tag kommt so ein Tsunami an Informationen, wo man sich fragt: Kann das denn wirklich alles wahr sein? Wir Amerikaner haben ja ohnehin so eine Comic-Kultur, die sich dann Gedanken darüber macht, was Melania Trump anhat. Die ist übrigens die Klügste in der ganzen Familie: Sie wohnt in New York, ganz weit weg. Die Frauen sind also doch die Klügsten. Wobei, nein, es gibt Gegenbeispiele, dass eine Vagina nicht automatisch vernünftiger macht: Margaret Thatcher, Marine Le Pen oder Frauke Petry. Ich verstehe ja nicht, dass irgendeine Frau Trump gewählt hat.

Zur Person

Gayle Tufts

wurde 1960 in Massachusetts geboren, kam als 24-Jährige über Freunde am Theater nach Westberlin. Seither lebt die Entertainerin in Deutschland. Am 12. April spielt sie im Wiener Stadtsaal
ihr aktuelles Programm "Superwoman".