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Surfen unterm Blätterdach auf Gorée

Von Günter Spreitzhofer

Reflexionen
Gorée ist ein schroffer Brocken Fels im Atlantik mit riskantem Zugang zum Wasser; nur das Hafenbecken ist für Schiffe und Besucher leicht zu erreichen.
© Spreitzhofer

Einst ein Sklavenumschlagplatz, ist die kleine senegalesische Atlantikinsel heute eine Kolonie für Künstler, Touristen und künstliche Palmen.


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Weit ist es nicht. Gerade drei Kilometer oder 20 Minuten Fährfahrt trennen den kleinen Flecken Land von Senegals Hauptstadt Dakar. Die kleinen Boote sind meist voll, oft mit farbenprächtigen Touristen aus aller Welt, die ihre Wurzeln in Afrika sehen und sich auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben. Vor allem afroamerikanische Besucher, viele davon in Festgewand, begeben sich auf Pilgerreisen in die Heimat ihrer Ahnen. Nicht wenige haben den Roman "Roots" im Handgepäck, dessen Verfilmung die westafrikanische Atlantikinsel 1977 bekannt machte. Manche auch "Dreams of my Father", ein Werk von Barack Obama, dessen Präsidentschaft vielen neues Selbstbewusstsein gab.

2013 war er selbst da, wie zuvor auch schon Papst Johannes Paul II. und Nelson Mandela, für Gedenkgottesdienste und Freiheitsbekundungen. Europäer hingegen sind heute selten im Senegal, der 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich erklärte. Von den französischen Hotelbettenburgen und Bungalow-Resorts an der Grenze zu Gambia abgesehen, wo Mousse au Chocolat und Crêpe zum Abendbuffet gehören wie frisches Baguette zum Frühstück, scheint Paris weiter weg als sechs Flugstunden. Bloß ein paar (meist französische) Promis wie die Sängerin France Gall leisteten sich hier nette Anwesen. Auch Ségolène Royal, die ehemalige sozialistische Präsidentschaftskandidatin, wurde im Senegal geboren, als ihr Vater dort als Soldat stationiert war. Doch das ist lange her.

Die Uhren scheinen auf Gorée jedenfalls noch langsamer zu gehen als im Rest des Landes. Auch wenn die Hitze zwischen den ockerfarbenen Häusern bisweilen zu stehen scheint, braucht dennoch niemand länger als zwei Gehstunden für eine gemächliche Runde rund um die Insel, die ein pittoreskes Zeugnis jahrhundertelanger europäischer Interventionen darstellt. Der Flecken Land ist einen Kilometer lang, 300 Meter breit und gerade 36 Hektar groß - kaum zu glauben, dass das kleine Eiland einer der weltgrößten Sklavenexporthäfen gewesen sein soll, wie es die Inschriften auf den brüchigen Prachtbauten des 18. und 19. Jahrhunderts glauben machen wollen. Seit 1978 ist die mythenumrankte Insel UNESCO-Weltkulturerbe, als Freilichtmuseum westafrikanischer Kolonialgeschichte.

Aktuelle Studien belegen, dass jährlich bloß einige hundert Sklaven den Weg nach Amerika antreten mussten, weil die Landfläche viel zu klein war, um Hundertausende festzuhalten, zu verköstigen und mit Wasser zu versorgen. Das legendäre "Tor ohne Wiederkehr" - der Legende nach der Verschiffungsort - führt zu Klippen, wo auch damals keine Boote hätten anlegen können. Und das berüchtigte "Maison des Esclaves" war stets eher Handelshaus und Villa für koloniale Gouverneure als Abschubgefängnis für Frauen und Kinder in Ketten - ein wohl gepflegter Mythos, der Boubacar Joseph Ndiaye, jahrzehntelang Leiter und Touristenführer des Hauses, wohl lange recht gut leben ließ. Mit seinem Tod (2009) endete jedenfalls die gekonnte Inszenierung mit Fokus auf historischen Menschenhandel in all seinen schaurigen Facetten.

"Art Nouveau": Afrikanische Kunst aus Handys und Blechschrott.
© Spreitzhofer

Menschenrechte, Marginalisierung und Partizipation haben mittlerweile andere Prioritäten und Gesichter bekommen. George Soros, der aus Ungarn stammende Finanzguru, hat mit seiner Stiftung in den USA die Errichtung des Gorée Institute mitfinanziert, das 1992 zur Förderung des gesellschaftlichen Fortschritts in ganz Afrika gegründet wurde. Hier finden Weiterbildungsseminare über Demokratie und Menschenrechte ebenso statt wie kulturelle Veranstaltungen. Und das Gorée Diaspora Festival ist seit Langem ein jährlicher Fixpunkt der westafrikanischen Kulturszene.

Siebzehn Mal wechselten die Besitzer des Inselchens, oft auch dessen Name: 1444 vom portugiesischen Kapitän Dinis Diaz als Ilha de Palma bezeichnet, veränderte die Niederländische Westindienkompanie die Bezeichnung auf Goerée (eine holländische Insel), bis Dänen, Briten, Franzosen und der Senegal sich auf den heutigen völkerrechtlichen Status der Insel einigen konnten: Teil von Senegal, eine der Zentralen der westsaharischen Frankophonie, seither ein bunter Flecken von touristischem Afro-Multikulti aus aller Welt.

Rund 1300 Menschen sollen hier leben, doch tagsüber kommen, vor allem an Wochenenden, viele hundert dazu - meist Tagesausflügler aus Dakar, manchmal auch ein paar tausend Kreuzfahrtspassagiere auf einmal, die rasch für Bewegung unter den Hafenhändlern sorgen und die Preise für Couscous und Cola ein paar Stunden lang in schwindelerregende Höhen treiben.

Keine Straßen & Autos

Asphaltierte Straßen gibt es auf Gorée keine, Autos auch nicht, und summende Elektrokarren schon gar nicht. Dafür viele enge, sandige, holprige Gässchen zwischen gelb und rot getünchten Zäunen und einigen Ruinen, vor denen Obstsäcke gestapelt und Paprika geputzt werden. Schatten spenden ein paar stämmige Baobabs, viele echte Palmen - und unechte: Denn die Funkantenne für das lokale Mobiltelefonnetz steht - als dunkelgrüne Plastikpalme getarnt - am hinteren Ende der Festungsanlage. Mittlerweile gibt es sogar einen Internet-Hotspot unter einem mächtigen Banyan-Baum vor dem Rathaus, mit Unterstützung der Europäischen Union, wie ein Messingschild am Place de l‘Europe verkündet.

Unter dem dichten Blätterdach lässt sich prächtig surfen, was für die Strände rundum nicht unbedingt gilt - vom Hafenbecken abgesehen, ist die Insel ein schroffer Brocken Fels im Atlantik mit riskantem Zugang zum Wasser, wo sich schon andere wehgetan haben. Kein Wunder, dass die Steilküste hier in den 1960ern zur Kulisse des Oscar-prämierten Hollywood-Films "Die Kanonen von Navarone" (mit Gregory Peck) auserkoren wurde. Und Kanonen stehen, liegen und rosten wahrlich noch genug herum auf Gorée, bloß die Feinde sind abhandengekommen, die sich davon schrecken ließen.

© Spreitzhofer

Rund um das alte Fort jenseits des Hafens hat sich eine Künstlerkolonie gebildet. Maler und Bildhauer haben sich hier ihre eigene Welt erschaffen, in kleinen Hütten, Felsspalten und Löchern, wo auch so manche Ziege wohnt. Bilder, Holztiere und allerlei Figuren stehen auf dem Boden oder hängen von den Bäumen, viele davon noch nass von Farbe und Lack.

Skyline von Dakar

Auf den Kanonen sitzen malende Kinder, auf anderen trocknen ihre Shirts - Dressen von Didier Drogba und Yaya Tourè und anderen westafrikanischen Fußballstars, die es bis in Europas Topligen geschafft haben und ihre Karriere dann oft, hoch honoriert, in nordamerikanischen Profiligen ausklingen lassen. Freiwillig, versklavt höchstens durch lebenslange Werbeverträge und diffuse Managerkontrakte.

Weit draußen gehen allabendlich die Lichter im Hafen der senegalesischen Hauptstadt an und machen das Festland endlich sichtbar. Die Skyline von Downtown Dakar taucht auf, im diesigen Smog der Millionenmetropole, einem neuen Stützpunkt des modernen Sklavenhandels Richtung Europa.

60 Kilogramm musste man einst mindestens wiegen, um die Strapazen der Verschiffung nach Amerika zu riskieren. Nicht alle der selbst ernannten Kunststudenten wie Mamadou, der gerade in seinem Schuppen Siesta macht, wären wohl mitgenommen worden: "Oranger Sand aus Mali, dunkelbrauner aus Mauretanien, grüner aus dem Saloum-Delta und gelber aus St. Louis, einer Küstenstadt in Nordsenegal", das seien die Grundlagen für seine Kunstwerke, sagt er, und verstreut mit Schwung ein paar Sandkrümel, die auf einer Spanplatte kleben bleiben.

Und dann gibt es noch die Avantgarde der Artisten, die aus alten Handys, Festplatten, Blechdosen und modernem Elektroschrott Tiere und Figuren basteln. Art Nouveau. Und eine bekömmlichere Art des Handels, der vor der Abfahrt des letzten Fährschiffes zurück ans Festland nicht nur die Preise für senegalesischen Silberschmuck in den Keller rasseln lässt. Bon soir, Gorée!

Günter Spreitzhofer, geboren 1966, ist Lektor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien.