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Wie die ökologische Wende durch den Finanzsektor gelenkt werden soll.
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Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hat sich die Welt zum Ziel gesetzt, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Doch bisher haben sich die globalen Bemühungen um eine Dekarbonisierung der Wirtschaft als unzureichend erwiesen. Daher wird zunehmend erwartet, dass auch der Finanzsektor seinen Beitrag zur ökologischen Wende leistet. Vereinfacht gesagt soll er statt auf "braune", CO2-intensive Vermögenswerte vermehrt auf "grüne", CO2-arme Anlagen setzen.
Für die Finanzbranche gewinnt Sustainable Finance in der Tat immer mehr an Bedeutung. Der Begriff steht für ein nachhaltiges Finanzsystem, das die Aspekte Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG-Aspekte) berücksichtigt. Es geht also nicht nur um Klimaschutz, wenngleich diese Komponente aktuell im Fokus steht. Die weltweiten Vermögenswerte mit ESG-Label könnten bis Jahresende ein Volumen von 41 Billionen US-Dollar erreichen. Solche Schätzungen sind allerdings mangels klarer Definitionen mit Vorsicht zu interpretieren.
Sustainable Finance baut großteils auf konventionellen Anlageklassen wie Aktien und Anleihen auf. Dabei helfen bestimmte Anlagestrategien, Nachhaltigkeitserwägungen in Investitionsentscheidungen einzubeziehen. Eine einfache und beliebte Strategie ist "negatives Screening": Als schädlich angesehene Vermögenswerte (etwa Tabak oder Waffen) werden aus dem Portfolio ausgeschlossen. Eine andere, inzwischen weitverbreitete Strategie ist "ESG-Integration": ESG-Faktoren werden systematisch in die Investmentanalyse und -entscheidung eingebunden. Zunehmend versuchen Anleger auch mit "Shareholder-Engagement", das Nachhaltigkeitsverhalten von Unternehmen zu beeinflussen. Sie nutzen dabei ihre Macht als Anteilseigner durch die Stimmabgabe bei der Hauptversammlung oder das direkte Gespräch mit der Firmenleitung.
Die Investmentfondsbranche hat begonnen, Fonds mit einem ESG-Label aufzulegen. Weltweit waren laut Morningstar Ende 2021 knapp 3 Billionen US-Dollar in Nachhaltigkeitsfonds angelegt, davon rund 80 Prozent in Europa. Die meisten tragen ein breit gefasstes Nachhaltigkeitslabel. Auch am Anleihemarkt entwickelt sich ein Segment mit grünen, sozialen, nachhaltigen oder an Nachhaltigkeitsziele gekoppelten Anleihen. Ihr gesamtes Emissionsvolumen belief sich 2021 auf rund 1 Billion US-Dollar, wovon grüne Anleihen die Hälfte ausmachten. Auch hier hat sich Europa zur dominanten Emissionsregion entwickelt.
Bestehende Hindernisse, neue Regulierung
Trotz kräftigem Wachstum bestehen noch Hindernisse für Sustainable Finance. Erstens fehlt eine allgemein akzeptierte Definition von ESG oder nachhaltiger Investition. Zweitens mangelt es an Daten zu ESG-Kennzahlen. Beides macht es für Anleger schwierig zu verstehen, wie nachhaltig bestimmte Unternehmen und Vermögenswerte tatsächlich sind. Drittens ist Sustainable Finance nur ein Element beim Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft. Eine umfassende, kohärente und langfristig orientierte politische Strategie ist ebenso wichtig. Ihre genaue Ausgestaltung ist noch etwas unsicher, was das weitere Wachstum von nachhaltigen Investitionen bremst.
Während der ESG-Markt wächst und manche Schwachstellen hervortreten, nehmen auch die Bemühungen um eine Regulierung zu. Ziel der Regulierungsbehörden ist es, den Kapitalfluss in nachhaltige Aktivitäten zu erleichtern und einen kohärenten und robusten Rahmen zu schaffen. Dazu gehören etwa Taxonomien und Offenlegungsvorgaben. Taxonomien klassifizieren Aktivitäten, die zu Nachhaltigkeitszielen beitragen, und schaffen damit Klarheit darüber, was offiziell als nachhaltige Investition gilt. Nicht immer wird jedoch unter Marktteilnehmern ein Konsens erzielt, wie die EU-Taxonomie samt Debatte über Atomkraft und Erdgas zeigt. Dennoch ist sie ein wichtiger Meilenstein, indem sie Leitlinien für den Markt festlegt.
Zudem sollen Offenlegungsregeln die Transparenz erhöhen und damit die Effizienz der Märkte stärken. So sollen Akteure an den Finanzmärkten offenlegen, in welchem Umfang ihre Anlageprodukte Nachhaltigkeitsüberlegungen berücksichtigen. Auch nicht-finanzielle Unternehmen werden künftig vermehrt Angaben machen müssen. Dies sieht der Entwurf einer EU-Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen vor, den noch Rat und EU-Parlament verabschieden müssen. Die neue Berichterstattungspflicht soll ab 2024 gelten, wobei sie gestaffelt nach Unternehmensgröße und -art eingeführt werden soll und bis 2028 Ausnahmen für KMU gelten.
Da aktuell viele Länder eigene ESG-Regeln ausarbeiten, gibt es Befürchtungen, dass es zu einer regulatorischen Fragmentierung kommen könnte. Durch unterschiedliche Regelungen entstehen ernsthafte Hürden für die globalen Finanzmärkte und insbesondere für grenzüberschreitende Investitionen. Zumindest bei den Offenlegungsvorgaben zeichnet sich mit dem Vorschlag des International Sustainability Standards Board zu gemeinsamen Standards eine Harmonisierung ab.
Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien durch die Finanzbranche bringt zunächst beträchtliche Kosten mit sich, für Unternehmen innerhalb wie außerhalb des Sektors. Jedoch könnte dieser Prozess auch dazu führen, dass sie sich selbst über Nachhaltigkeitsrisiken klar werden. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass wichtige Nachhaltigkeitskennzahlen besser gesteuert werden, wenn man sie erst einmal misst. Insgesamt dürften die neuen Regeln zu einem einheitlicheren Markt beitragen und dabei helfen, Vertrauen aufzubauen und Sustainable Finance auf eine robustere Basis zu stellen.
Kurzfristig sorgen die Vielzahl der neuen regulatorischen Anforderungen und ein schwieriges makroökonomisches Umfeld (steigende Inflationsraten und Zinsen, Furcht vor Rezession, Krieg in der Ukraine) für Gegenwind. Mittel- bis langfristig jedoch wird Sustainable Finance konzeptionell reifer werden und weiter wachsen. Die fundamentalen Treiber Klimawandel und zunehmende Bemühungen um eine CO2-neutrale Wirtschaft sowie das Interesse der Anleger sind nach wie vor intakt.

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