Zum Hauptinhalt springen

Symbolpolitik

Von Konrad Paul Liessmann

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien.
© Heribert Corn

Nun steht es fest: Als täglich erscheinendes Druckerzeugnis soll die "Wiener Zeitung" eingestellt werden. Die Umwandlung in eine Online-Plattform mit angeschlossener Weiterbildungseinrichtung für Journalisten ist lediglich eine pietätvolle Umschreibung für den Tod dieser Institution. Und die angekündigten Einsparungspläne für den Kultursender Ö1 treffen nicht nur exquisite Musiksendungen wie "Zeit-Ton" und "Jazznacht", sondern auch Formate wie die "Literarische Soiree", die belletristische Neuerscheinungen diskutierte. Protestaktionen von Künstlern und Kopfschütteln von Medienexperten werden an dem unbeugsamen Willen zur Sparsamkeit nichts ändern: Weniger Geist ist anscheinend immer gut.

Es stimmt: Die Welt geht nicht unter, wenn zeitgenössische Komponisten ihren einzigen Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlieren und einem seit 1703 existierenden Journal vom Eigentümer, der Republik Österreich, der finanzielle Boden entzogen wird. Aber es verwundert doch, dass der ORF es zum Beispiel nicht einmal angedacht hat, die Übertragungen der völlig unzeitgemäß gewordenen Formel-1-Rennen einzustellen und die dadurch freiwerdenden Gelder in den Ausbau eines avancierten Kulturangebots umzuleiten. Und es wäre im Fall der "Wiener Zeitung" wohl eine Überlegung wert gewesen, ob es sich nicht gerade in Zeiten einer heftiger werdenden Debatte um die Rolle von Mainstream-Medien lohnt, ein verdienstvolles Blatt zu erhalten und das anvisierte Konzept eines unabhängigen, nüchtern-sachlichen Qualitätsmediums zu stärken und neue Leser zu gewinnen. Die Tatsache, dass es sich um die älteste Tageszeitung der Welt handelt, hätte man sich dabei als Alleinstellungsmerkmal zunutze machen können: Wie kein anderes Medium dokumentiert die "Wiener Zeitung" den nun wieder virulent gewordenen jahrhundertelangen Kampf um Meinungs- und Pressefreiheit.

Wie wichtig symbolisches Kapital in einer Welt ist, in der sich angeblich alles um Ideen und Werte dreht, wird gerne betont. Wird es ernst, regiert allerdings der schnöde Rechenstift. Die größten Feinde der Kultur, Nietzsche wusste es, waren nie die Barbaren, sondern die Krämerseelen. Denen mangelt es an einem Gespür dafür, was das vermeintlich Unnütze und Kostspielige für die Kultivierung des Menschen, für die Entwicklung seiner Sensibilitäten, für den Fortschritt der Erkenntnis leisten kann - abgesehen davon, dass ästhetische Innovationen und gehobener Journalismus auch Vergnügen bereiten. Selbstverständlich gibt es Formen des Schreibens oder Komponierens, die nicht massentauglich sind. Während aber vor allem in der Wirtschaft singuläre Rulebreaker und Disruptionsjünger gefeiert und mit Fördergeldern verhätschelt werden, missverstehen anderenorts manche Verantwortliche ihre Aufgabe offenbar als Dienst an der Quote.

Tatsächlich stellen solche Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen ein Stück Symbolpolitik dar: Deutlich wird signalisiert, dass Potenziale, die in einer reichen Tradition wurzeln, ebenso wenig genutzt werden sollen wie jene, die in einem experimentellen Ausloten der Möglichkeiten von Kunst und Literatur liegen. Danach gefragt, was denn seine wissenschaftlichen Leistungen, die durch den Nobelpreis gewürdigt werden, möglich gemacht habe, antwortete Anton Zeilinger, dass es Freiräume waren, die es ihm erlaubten, jenseits aller Nutzenerwartungen einfach seiner Neugier zu folgen. Etwas von diesem Geist könnte den Entscheidungsträgern, die den ausgezeichneten Forscher feiern, aber sich die Chance entgehen lassen, solche Ansätze auch im kultur- und medienpolitischen Kontext zu stärken, nicht schaden. Natürlich hat Freiheit ihren Preis. In den genannten Fällen wäre dieser alles andere als unerschwinglich.