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Einen gemeinsamen Staat wird es nicht mehr geben. Innere Gräben und internationale Uneinigkeit sind zu groß.
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Wien. Sieben Jahre Krieg haben in Syrien keinen Stein auf dem anderen gelassen. Die Rebellen waren nach 2011 mehrmals nahe daran, Machthaber Bashar al-Assad zu besiegen, zu töten oder zu vertreiben. Jetzt sind sie militärisch am Ende.
Ungefähr 60.000 Assad-Gegner sind in der Provinz Idlib, der letzten Bastion, zusammengedrängt. Nach einem internationalen Aufschrei ist die Offensive der von Russland und dem Iran unterstützten syrischen Armee ausgeblieben. Die Türkei und Russland haben sich auf die Schaffung einer bis zu 20 Kilometer breiten Pufferzone geeinigt. Beide Staaten sind der Ansicht, dass die Rebellen, auch die radikalislamischen, ihre schweren Waffen abgezogen haben. Bis Montag müssen die Assad-Gegner die Zone ganz verlassen haben.
Türkei hat Wurzeln geschlagen
Wie also wird es jetzt weitergehen? Der russische Politologe Wladimir Saschin geht im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in Wien davon aus, dass es zu einer Vierteilung des Landes kommt. Ein Syrien wie vor dem Jahr 2011 gebe es längst nicht mehr und werde es auch in Zukunft nicht mehr geben, so Saschin. Dazu komme, dass auf internationaler Ebene der gemeinsame Nenner fehle, wie die Nachkriegsordnung aussehen könnte.
Saschin geht davon aus, dass es einen US-kurdisch kontrollierten Osten, einen von Assad gehaltenen Westen mit russischen Basen, die Region um Idlib unter türkischer Kontrolle und einen vom Iran und dem Assad-Regime gemeinsam beaufsichtigten Rest geben werde. Der Forscher der Moskauer Akademie der Wissenschaften betont, dass das seine private Meinung sei und nichts mit Wunschvorstellungen des Kreml zu tun habe.
Die Prognose hat einige Berechtigung: Die USA haben Soldaten und Militärberater im kurdischen Teil Syriens stationiert. US-Präsident Donald Trump wollte zwar den Befehl zum Abzug geben, davon ist jetzt aber keine Rede mehr. Nach Konflikten mit der Türkei, die die Kurden als terroristisch bekämpfen, haben sich Washington und Ankara jetzt auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Die USA werden Syrien auch in Zukunft nicht völlig aufgeben wollen.
Die Türkei hat in Idlib tiefe Wurzeln geschlagen. Ankara unterhält dort Militärbasen mit rund 2000 Mann und schweren Waffen. Außerdem hat die Türkei verschiedene Rebellenverbände zu einer Art Hilfstruppe zusammengefasst, die helfen soll, die radikalen Islamisten in Schach zu halten. Die Erfahrung lehrt, dass die syrischen Verbündeten Ankaras die verlustreichen Einsätze übernehmen sollen.
Die syrische Armee ist offiziell Sieger des Konflikts. Der Iran wiederum ist mit Kämpfern nach Syrien gekommen, um zu bleiben. Teheran strebt die Vormachtstellung in der Region an, im Irak und im Libanon haben sich die Mullahs schon festsetzen können. In Syrien ist ein derartiger Prozess voll im Gange. Die Nahost-Kennerin und Buchautorin Kristin Helberg führt in ihrem jüngsten Werk "Der Syrienkrieg: Lösung eines Weltkonflikts" an, dass der Iran in Syrien seine Fußabdrücke hinterlässt. Unter anderem würden reihenweise Menschen bezahlt, damit sie zum schiitischen Glauben wechselten.
Präsident Wladimir Putin hat nach dem Kriegseintritt 2015 alle seine Ziele erreicht. Russland ist als internationaler Player etabliert, ohne Moskau geht in Syrien auch in Zukunft nichts. Putin will künftig ein autoritäres System in Damaskus, das vom Kreml aus bequem gesteuert werden kann.
Schließlich sollen die Unsummen an Rubel, die man ab 2011 in den Konflikt investiert hat, nicht umsonst gewesen sein. Ob der Plan mit oder ohne Assad aufgeht, ist Putin egal.
Klar ist auch, dass Russland den Wiederaufbau Syriens nicht finanzieren kann. Das können auch nicht der Iran oder China. Hier sollen der Westen und die Golfstaaten zur Kasse gebeten werden, Länder, die aus nachvollziehbaren Gründen davon nicht begeistert sind: Man schätzt, dass 200 bis 400 Milliarden US-Dollar notwendig sein werden, um aus Schutt und Asche einen lebensfähigen Staat zu bauen. Als "Motivation" stellt Putin dem Westen in Aussicht, dass andernfalls mit weiteren Flüchtlingsströmen zu rechnen sei.
Viele Rechnungen offen
Die syrische Gesellschaft ist nach den Gräueln des Bürgerkrieges völlig zerrüttet, es regieren Hass und Misstrauen. Die Frage stellt sich, wie viele Generationen es brauchen wird, bis die Wunden notdürftig geschlossen sind. Tausende Rechnungen sind offen, alle wollen beglichen werden. Der Wunsch nach Rache ist allgegenwärtig, denn das System Assad hat sich deshalb bis zum heutigen Tag halten können, weil es die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt hat. Die Konfessionen - Sunniten, Alawiten, Christen, Schiiten -, aber auch die verschiedenen Volksgruppen.
Diese Gräben sind ein weiteres schlagendes Indiz dafür, dass es einen gemeinsamen Staat Syrien in Zukunft nicht geben wird.
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